COLETTE MART

Vorige Woche legte die Statec wie jedes Jahr ihren Bericht zur Arbeit und zur sozialen Kohäsion vor, in dem all jene sozialen Probleme beschrieben werden, die im Rahmen der Wahlkampagne eher am Rande erwähnt wurden. Das Armutsrisiko steigt weiter bei uns an, laut Statec sind 126.500 Menschen in Luxemburg von Armut bedroht, was 21,5 Prozent ausmacht. Demgemäß bleibt eine gezielte Armutsbekämpfung die Herausforderung schlechthin für die kommende Regierung, weil nur eine Gesellschaft der sozialen Kohäsion, mit einer breiten Mittelschicht, ein moralisch vertretbares Modell in einem doch eher reichen Land bleibt.

Der Bericht kommt pünktlich zu den Koalitionsverhandlungen, und sollte als wichtiges Basisdokument für die zukünftige Regierungserklärung fungieren, da das Leiden der betroffenen Menschen ein Thema ist, das uns alle interessieren sollte. Seit langem ist die Armutsbedrohung alleinerziehender Eltern ein Thema, das in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Der Statec-Bericht vertieft allerdings ebenfalls das Problem der sogenannten „Working Poor“, also der Menschen die arbeiten, und trotzdem arm bleiben.

Vorweg wäre zu sagen, dass Arme weniger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sich oft ihrer Armut schämen, also nicht darüber reden. Wie der Alltag von Einzelpersonen und Familien aussieht, die in einer Konsumgesellschaft in einem reichen Land nie dazu gehören, die nie über Ferienerlebnisse und kulturelle Begebenheiten sprechen können, weil einfach dazu keine Kraft bleibt und die finanziellen Sorgen überhandnehmen, wissen viele nicht und es interessiert auch nicht jeden. Besonders bei Kindern ist die Armut verheerend: sie spüren die Bedrückung der Eltern, die Überarbeitung, die oft schwierigen Wohnverhältnisse, die trotzdem noch einen substantiellen Teil des kleinen Lohnes ausmachen. Es konnte festgestellt werden, dass Arbeitende allgemein weniger armutsbedroht sind als Nicht-Arbeitende, und dass in Haushalten, wo beide Eltern intensiv arbeiten, die Armut sich weniger schnell breit macht.

Die Schere zwischen arm und reich klafft jedoch immer weiter auseinander, es stellt sich die Frage, ob sich Arme und Reiche überhaupt noch begegnen und miteinander sprechen. 70 Prozent der Lohnmasse in Luxemburg kommen der reicheren Hälfte der Bevölkerung zugute, und die zehn Prozent der ärmsten Menschen können lediglich drei Prozent der Lohnmasse kassieren.

Zahlreiche Maßnahmen, so zum Beispiel der Bau von erschwinglichem Wohnraum durch die Gemeinden, ziehen an den Armen vorbei, weil für diese die Preise unerschwinglich bleiben. Sozialwohnungen sind ein Lösungsansatz, aber auch hier machen sich Ungerechtigkeiten breit. Während eine neue Generation von Sozialwohnungen in den Gemeinden eine durchaus gute Wohnqualität ermöglicht, stehen ungenügend Wohnungen dieser Art zur Verfügung, so dass man verschiedenen Familien helfen kann und anderen nicht.

Nicht-Luxemburger sind viel stärker von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen, Armut wirkt sich auch auf die körperliche und psychische Gesundheit aus. Die Politik muss also zahlreiche steuerliche und familienpolitische Maßnahmen in die Wege leiten, um mittelfristig zu helfen.