Das also war des Pudels Kern : Der neue EU-Kommissionspräsident setzt für die Umsetzung des über Monate hinweg angekündigten und über die nächsten fünf Jahre zu realisierenden Investitionspakets von 315 Milliarden Euro auf die Mithilfe eines seit seinem Bestehen in Luxemburg ansässigen institutionellen Kleinods der EU, die Europäische Investitionsbank (BEI). Diese hat sich seit ihrem Bestehen als Wegweiser und Förderer von großen und kleinen Infrastrukturprojekten der Gemeinschaft absolut bewährt und vor allem seit der großen Erweiterungswelle von 2004 eine unverzichtbare Rolle in der logistischen Entwicklungsarbeit gespielt, die für eine erfolgreiche Integration der neuen Mitgliedstaaten unerlässlich war.

Kommissionspräsident Juncker hätte also zweifellos eine weniger gute Wahl treffen können für die Umsetzung seines anspruchsvollen Vorhabens, doch ist dieses damit noch keineswegs über den Berg. Das Gelingen seiner Herkulesarbeit hängt aber auch von anderen Faktoren ab als vom alleinigen Anreiz der bereitgestellten EU-Gelder. Nichts lässt im Augenblick nämlich darauf schließen, dass sich die derzeitigen Befindlichkeitsprobleme der EU während der nächsten Jahre in Luft auflösen werden.

Dazu bedürfte es vor allem einer deutlich konsolidierten Vertrauensbasis, eines weitaus stärkeren Solidaritätsbewusstseins, als man es in den letzten Jahren erkennen konnte. Die derzeitige Stimmungslage lässt diesbezüglich sehr viel zu wünschen übrig. Gerade diese Elemente aber wären erforderlich, um die anvisierten und in ihre Verantwortung gerufenen privaten Investoren zu mobilisieren. Das Vorhaben wird umso schwieriger zum Erfolg zu führen sein, als die Musik der wirtschaftlichen Entwicklung zunehmend weniger in Europa, sondern vielmehr in anderen Weltregionen spielt, wo zudem der Hunger auf soziale Besserstellung größer ist als in einem alles in allem doch besser gestellten Europa. Die international ausgerichteten Investoren vornehmlich auf die europäische Geographie einschwören zu wollen, erscheint vor diesem Hintergrund denn doch etwas verwegen.

Weil Europa nämlich im Laufe der Zeit die im Jahre 2000 im portugiesischen Feira selbst gestellten Ziele fortschreitend aus den Augen verloren hat, sollten verschiedene Ansätze des Juncker-Programms auch auf ihre Nachhaltigkeit für die europäische Wirtschaft überprüft werden: Macht es Sinn, eine Modernisierung von europäischen Netzen zu forcieren, wenn diese am Ende nur zur Erneuerung eines elektronischen Gerätschaftsparkes führen, von der praktisch ausschließlich Hersteller aus entlegeneren Weltregionen profitieren werden.

Auch wenn man über die Jahre bekennender Optimist geblieben ist, kommen einem doch gewisse Zweifel, weil die EU ihre größte Stärke bislang nur verhalten auszuspielen vermochte, nämlich das gemeinschaftliche und geschlossene Zusammenwirken der kreativen Kräfte, das bislang immer wieder von nationalen Egoismen abgewürgt wurde.

Von deren Überwindung wird Junckers Programm stärker abhängen als von der Hebelwirkung von 20 Milliarden EU-Geldern.