NORA SCHLEICH

Wenn latente Propaganda die größten Denker lähmt

Einem der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts, dem deutschen Philosophen Martin Heidegger, wird Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen. Was lange Zeit nur als mitschwingende Ahnung und Beigeschmack wirkte, schien sich durch die postum veröffentlichten Denktagebücher Heideggers zu bewahrheiten. Schnell war das Aufsehen groß, der Aufschrei kaum zu überhören - antisemitistische Äußerungen in Heideggers privaten Niederschriften! Wie konnte sich ein so vielgepriesener Philosoph auf Hitlers Seite begeben? Diese Fragen beschäftigen die Kommentatoren seit der Veröffentlichung im Jahre 2014. Nun hat Jean Grondin, Professor der Philosophie an der Universität Montreal, in einem Artikel eine etwas objektivierende Sichtweise auf die schwierige Debatte über Heideggers eigentlicher Gesinnung präsentiert. Grondins Reflexionen liefern Aufschluss über den eigentlichen Kontext der berüchtigten Gedankengänge, und lassen zudem einige recht bittere Parallelen der damaligen sozialen Dynamik zu heutigen gesellschaftlichen Bewegungen durchscheinen.

Heidegger hat sich in den Denktagebüchern, welche in der Zeitspanne von 1931 bis 1948 verfasst wurden, zunächst über die extreme Nachlässigkeit der damaligen Epoche beschwert. Die Akzeptanz des Mittelmäßigen führe zu einem Untergang der Gesellschaft, unumgänglich und dringlich sei die Motivation zum Wandel und der Mut zur Rebellion, um den Übergang in ein neues, fruchtvolles Zeitalter verwirklichen zu können! Heideggers Kritik galt hier allen Teilnehmer der Epoche, also auch den Nazis.

Seine Philosophie war von einem großen Gedanken geprägt: Wir sind als Subjekte in die Welt geworfen, ungefragt sind wir in unser Dasein versetzt worden - es ist nun an uns, etwas aus diesem Sein zu machen, bis schließlich der unausweichliche Tod als letzte Bestimmung unsere Existenz begrenzt. Somit ist es für Heidegger notwendig, die Zeit des Daseins zur steten Entwicklung zu nutzen, jeder neue Anfang, der dem lethargischen Auf-der-Stelle-treten der Zeitgenossen Einhalt gebieten kann, ist willkommen. Ja, vielleicht war Heidegger geblendet von seiner Idee und erlitt einer Naivität, die gerade in jenen Zeiten, in denen der Antisemitismus groß war, äußerst gefährlich wurde.

Nun, latente Propaganda war damals schon nicht zu unterschätzen, und ist heute noch immer ein Unheil bringender Fluch. In der Zeit Heideggers lief die Nazipropaganda auf Hochtouren. Es wurde von der Durchtriebenheit und Hinterhältigkeit der Juden berichtet, die Machenschaften der weltweiten ‚Judenwucherei‘ wurden als Auslöser der Missstände und Kriegsbewegungen gepriesen. Heidegger war in einer Deutungsspirale gefangen, die durch die gezielte Berichterstattung der Nazis in den dunkelsten Farben der Menschheitsgeschichte gefärbt war. Er war ein Betrogener, so Grondin, der sich in der Naivität und im Glauben an Veränderung verlor und somit in den Bann der Propaganda gezogen wurde. Allerdings sind in Heideggers Reflexionen nur sehr wenige Passagen zu finden, in denen antisemitistische Äußerungen deutlich werden. Als er über den Einsatz seiner beiden Söhne an der Front sinnierte, rechtfertigte er das Kriegstreiben mit der Notwendigkeit das eigene Blut dafür opfern zu müssen, das Obwalten der trügerischen Juden zum Ende zu bringen. Ja, das ist wohl antisemitistisch, und es ist besonders einem der größten Denker nicht zu verzeihen, die Objektivität seiner kritischen Gedanken verloren zu haben. Gutgeheißen kann ihm dennoch werden, dass er selbst später zugibt, und dies in eben diesen Heften auch schriftlich festhält, dass er einer Illusion zum Opfer gefallen war, die er wegen der Notwendigkeit des gesellschaftlichen Wandels und einer neuen Bewegung nicht als solche erkannt hatte.

Soviel zur Polemik um Heidegger. Jedoch stellen wir uns doch nun einmal die Frage, profitieren wir selbst eigentlich von einer facettenreichen Berichterstattung? Oder fallen auch wir heute noch der Einseitigkeit der Informationen zum Opfer? Haben wir eine eigene Meinung, oder sind wir bereits so an die Vermittlung von ‚Fakten‘ gewöhnt, dass wir unseren westlichen Medien und Politikern auch nahezu blind vertrauen? Es muss gar nicht so weit gehen, dass Regierungen Meinungs- und Pressefreiheiten beschneiden, oder dass amerikanische Noch-Präsidenten mediale Deklination als effiziente Regierungsstrategie ausleben. Auch hier, in unserem ach so freien Westen, werden die Wege der Informationszulieferung immer mehr zugeschnitten. Es sei nur einmal an den Facebook-Newsfeed erinnert. Doch auch die eigentlich zur Objektivität verpflichteten Journalisten haben selbst nur einen allzu menschlichen Horizont, der sich, so wie der einzelne Mensch selbst, stets durch die Umgebung prägt.

Ich wage zu behaupten, dass unsere Blickwinkel getrübt sind, dass wir Gefallen an der einseitigen, zugänglichen Berichterstattung finden, dass wir die Befriedigung unserer nicht als solche erkannten Vorurteile erwarten, und dass wir unser Vermögen, Wirklichkeit von vorgefasster Meinung zu unterscheiden, verkümmern lassen.

Hat Europa es vielleicht eben deswegen so schwer, wieder frische, neue Ideen verkündende Denker zu finden? Sind vielleicht diese ‚Großen‘ schon durch den momentanen Zustand gelähmt und nicht mehr in der Lage, ihre Visionen vor der Verschmutzung unausgewogener Deutungstendenzen zu schützen? So beschwöre ich abschließend den Mut zum Umdenken, zur kritischen Auseinandersetzung! Fragen wir uns, ob unsere Gedanken auch hier tatsächlich noch so frei sind, wie wir es glauben - und falls nicht, setzen wir alles daran, der latenten Propaganda auf die Schliche zu kommen, um nicht noch mehr Chancen für neue Ideen und Bewegungen, Verbesserung und Dynamik zu verpassen!