LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Unentbehrliche Dokumentation für Jazzfreaks: „American Jazz Heroes Volume 2“

Vor einem Jahr haben wir an dieser Stelle auf die wertvolle Dokumentation „Jazz Heroes“ von Arne Reimer hingewiesen, in der 50 Jazzmusiker in ihrem ganz privaten Umfeld interviewt und fotografiert worden sind. Jetzt ist der zweite Band dieser, für Jazzfreaks unentbehrlichen, Dokumentation erschienen. Wieder stehen 50 Stars des neueren Jazz, von denen leider einige in der Zwischenzeit verstorben, andere fast vergessen sind, im Mittelpunkt des vorbildlich gestalteten Albums. Der Schwerpunkt liegt auch diesmal wieder auf dem lockeren, fast intimen Ton der Gespräche, die sich von den 08/15-Interviews während des Tourneestress‘ distanzieren und den zahlreichen, bisher unveröffentlichten Fotos. Und genau das unterscheidet das einzigartige Zeugnis der Geschichte des modernen Jazz von den herkömmlichen Bildbänden mit den üblichen nostalgischen Porträts und den Abbildungen bekannter, historischer Plattencovers.

Seit über 30 Jahren sind sie ein Paar, die revolutionäre Komponistin und Arrangeurin Carla Bley und der Bassist Steve Swallow, der, einem eigentlich unjazzmäßigen Instrument, der Bassgitarre, die Seele des Kontrabasses einhauchte. Nicht nur musikalisch sind die beiden Partner, auch privat leben sie schon seit 1985 zusammen. Verheiratet sind die beiden aus gutem Grunde nicht. Am Anfang ihre Karriere war Carla Bley mit dem Pianisten Paul Bley verheiratet, der im Januar dieses Jahres mit 83 Jahren verstorben ist. Diesem war bereits im ersten Band von „American Jazz Heroes“ ein Kapitel gewidmet.

Carla Bley, die in den 1950er Jahren als Zigarettenverkäuferin in einem Jazzclub jobbte, heiratete den kanadischen Musiker, da seine „Green Card“ auslief und ihm damit den weiteren Aufenthalt in den USA ermöglichte. Aus dem gleichen Grund ehelichte sie später den Wiener Trompeter Michael Mantler. Ihre „wilde Ehe“ mit Swallow rechtfertigt die heute 80-Jährige so: „Ich heirate keine Amerikaner. So kann ich immer wieder jemanden helfen, hier zu leben. Ich bin immer noch zu haben.“ Steve Swallow verrät, dass er, bei einer zufälligen Begegnung im nahen Supermarkt mit Schlagzeuger Jack DeJohnette, bemerkte, dass dieser dieselben Tabletten im Einkaufswagen liegen hatte wie er. „Wir werden eben älter“.

Unterhaltsame Anekdoten

Jack DeJohnette erzählt in seinem Holzhaus mitten in den Wäldern hinter Woodstock, wie er vom Klavier zum Schlagzeug kam, von seinen Jobs mit Miles Davis, Keith Jarrett und ersten Erfahrungen mit dem Saxofonisten Charles Lloyd. Dieser - der Mann, der nicht gern redet - lebt in Kalifornien und gibt einen Einblick in seine „Denkfabrik“.

Ein anderer Schlagzeuger, der mit Miles Davis arbeitete, ist Billy Cobham, der sich in der Schweiz niedergelassen hat. Auch er hat einige unterhaltsame Anekdoten parat. Ein Konzert mit Cobham ist übrigens im März 2017 in Luxemburg angekündigt. Neben DeJohnette und Cobham erfahren wir noch Kuriositäten aus dem privaten und professionellen Bereich einiger anderer epocheprägender Schlagzeuger wie unter anderem Billy Hart, Al Foster oder Roy Haynes, der mit seinen 91 Jahren zwar das Kurzzeitgedächtnis verloren hat, aber noch immer aktiv ist.

Im nächsten Monat wird er in der Philharmonie erwartet: der Pianist und Bandleader Kenny Barron. Wir erfahren, dass er lieber für gutes Geld unterrichtet, „als Musik aus Hawai zu spielen“. Barron plaudert in einer Unterrichtspause in der „Juilliard School Of Music“ von seinen Erfahrungen als Jazzlehrer. Ein anderer schon legendärer Pianist ist der Sonderling Ahmad Jamal, der in einem kleinen Dorf in Massachusetts lebt. Auch er gibt Geschichten aus seiner langen Karriere zum Besten. Weitere Ikonen der Jazzgeschichte sind der Gitarrist Kenny Burrel und der Tenorsaxofonist Sonny Rollins. „Ich denke nicht, dass ich genug gespielt habe, um mich auf meinen Lorbeeren auszuruhen“, sagte Rollins anlässlich des Besuchs in seiner neuen Bleibe in Woodstock, nicht weit entfernt von den Wohnsitzen seiner Musikerkollegen Jack DeJohnette und Dave Holland. 89 Lenze zählt er mittlerweile, der Altsaxofonist Lee Konitz. Ihn trifft der Autor in einem New Yorker Club.

Andere bedeutende Saxofonisten, die in dem großformatigen Band vorkommen, sind George Coleman, Ernie Watts und Archie Shepp. Shepp, der in den 1960er Jahren noch mit John Coltrane zusammenspielte, lebt seit über 20 Jahren in Paris und weiß, dass er in den USA fast vergessen ist. Ebenso wie Konitz am Altsaxofon war auch der 2015 verstorbene Komponist und Arrangeur Gunther Schuller als Hornist 1950 an den berühmten „Birth Of The Cool“-Aufnahmen von Miles Davis beteiligt. Der Mitbegründer der „Third Streambewegung“ philosophiert über die Formen dieser Musik.

Kurz nach dem Interview verstarb auch der Vater des Free Jazz Ornette Coleman in seiner Wahlheimat New York. Reimer schildert seinen letzen Besuch bei dem an Demenz erkrankten Musiker und Details der Trauerfeier. Vibrafonspieler, die bereitwillig einen Einblick in ihre private Gemächer gestatteten, sind der Gründer der Fusionband „Steps Ahead“ Mike Mainieri, Gary Burton und der in diesem Jahr verstorbene Bobby Hutcherson.


50 legendäre Musiker verschiedenster Stilrichtungen, 50 originelle Geschichten, vereint in einem wunderbar ausgestatteten, überdurchschnittlich großformatigen Bildband (30 x 30 cm), herausgegeben von „Jazz thing“. (ISBN 978-3-9815858-1-0)