DIFFERDINGEN
CORDELIA CHATON

ArcelorMittal ist der weltweit größte Stahlhersteller – und hat mit vielen Problemen zu kämpfen – Ein Blick hinter die globalen Kulissen

Mülldeponie, Ilva, Handelsabkommen - der Stahlriese ArcelorMittal hat mit einer Menge Problemen zu kämpfen, aber auch Erfolge zu verzeichnen. Wo steht der größte industrielle Arbeitgeber Luxemburgs? Wir haben bei den Verantwortlichen während des traditionellen Neujahrsempfangs nachgefragt.

Foto: Editpress/Julien Garroy - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Julien Garroy

Michel Wurth redet Klartext: „2019 war ein schwieriges Jahr“, sagt der Verwaltungsratspräsident von ArcelorMittal Luxembourg. Der weltweit größte Stahlhersteller, der seinen Sitz hier hat, leidet zum einen unter einer steigenden Stahlproduktion, die die Preise drückt. Darüber hinaus macht sich der Handelskrieg zwischen den USA und China bemerkbar. Denn die Chinesen versuchen ihren Billigstahl in andere Märkte zu drücken. „Von 440 Millionen Tonnen Überkapazität entfallen 50 Prozent nur auf China“, rechnet Wurth vor. Er ärgert sich: „Diese Überkapazität bleibt trotz der Versprechen der chinesischen Regierung, sie abzubauen.“ Hinzu kommt die Krise in der Automobilindustrie, aber auch hohe Anforderungen an europäische Unternehmen was den CO2-Ausstoß angeht. Diese gelten jedoch nicht für den chinesischen Billigstahl. Das Resultat ist ein völlig verzerrter Wettbewerb. „Es gibt kein level playing field“, fasst Stahlexperte Wurth die Situation zusammen.

Inkohärente Industriepolitik

Er ärgert sich über das, was er eine „total inkohärente Industriepolitik der EU“ nennt. Diese habe nach Trumps Auflagen nicht gewollt, dass der EU-Markt überschwemmt würde – und Quoten eingeführt, die mit hohen Auflagen verbunden waren. EU-Stahlhersteller beispielsweise müssen Verschmutzungsrechte kaufen. Da kostet eine Tonne CO2 rund 25 Euro, zwei Tonnen braucht man für eine Tonne Stahl. Aber nur als EU-Unternehmen. „Importeure können so schmutzig produzieren, wie sie wollen“, geißelt Wurth. Die Folge: In Europa wird weniger CO2 bei der Stahlproduktion verbraucht, aber beim Import ist es das Gegenteil. „Das ist absurd“, ärgert sich Wurth. Hinzu kommt, dass die EU nicht mit einer Stimme sprich. Vielen Ländern, die selbst keine Stahlproduktion haben, kommt der chinesische Billigstahl gerade recht.

Auf dem europäischen Stahlmarkt machen sich auch andere Faktoren negativ bemerkbar: So scheiterte die Fusion zwischen Tata Steel und ThyssenKrupp. Was mit den Konzernen – und den 6.000 Mitarbeitern – passiert, ist unklar. British Steel meldete Insolvenz an und erhält seither reichlich Hilfe von der Regierung – was sich nach dem Brexit kaum verbessern dürfte. Konkurrent Liberty House gab erst vergangene Woche 355 Entlassungen bekannt. Dazu kommen volatile Energiepreise und Unsicherheit angesichts des grünen Kurses der EU-Kommission und seiner praktischen Auswirkungen.

Immerhin: Der Stahlriese hat erstmals einen Klimaaktionsplan veröffentlicht und will das demnächst jährlich tun. Dass 90 Prozent des Stahls recycelt werden und Gebäude daraus zurückgebaut werden können, wird darin natürlich ausgiebig betont. Auch auf neue Technologien für grünere Produktionsmethoden verweist der Stahlriese, der sich an mehreren Standorten zertifizieren lassen will und sich mit den Pariser Klimazielen voll und ganz einverstanden erklärt. Die grünen Ambitionen der neuen EU-Kommission beäugt Wurth kritisch: „Da muss ein level playing field her, sonst verschwindet die Stahlindustrie hier.“

Dennoch: ArcelorMittal ist der einzige Stahlhersteller weltweit, der führend in Nord- und Südamerika, Europa und Afrika ist. „In Indien sind wir jetzt nach dem Kauf von 60 Prozent von Essar gemeinsam mit Nippon Steel, die 40 Prozent halten, einer der vier Großen auf einem vielversprechenden Markt und in China sind wir ebenfalls dabei“, sagt Wurth. Das Problem: Auf den wichtigsten Märkten in Europa und den USA sank die Nachfrage. Auch andere Märkte leiden. In Brasilien brach vergangenes Jahr der Damm einer Eisenerz-Mine, die Schlammlawine riss rund 250 Menschen in den Tod. Ein Untersuchungsausschuss stellte fest, dass der Bergbaukonzern Vale do Rio Dolce die Mängel nicht ordnungsgemäß gemeldet hatte. Die Folge: andere Minen arbeiten gebremst – und auf dem Weltmarkt fehlt Eisenerz. Dadurch sind die Preise von 60 Dollar/Tonne auf 120 Dollar/ Tonne hochgeschnellt. In den Luxemburger Elektroöfen wird pro Tour rund 1,5 t Eisenerz benötigt. Wenn die Preise sacken und die Kosten steigen, drückt das aufs Ergebnis. „Wir hatten einen Gewinneinbruch. Das Ergebnis hat sich halbiert“, stellt Wurth fest. Er geht davon aus, dass die Talsohle erreicht ist. Doch aus ihr zu kommen, ist nicht so einfach.

Ilva

Unsicherer Ausgang für ein Riesenwerk

Das verlustreiche Stahlwerk im süditalienischen Tarent sorgt seit den Verkaufsabsichten von ArcelorMittal für Schlagzeilen. Der Weltkonzern hatte 2018 vereinbart, das Stahlwerk mit rund 10.000 Beschäftigten zunächst zu mieten, um nicht strafrechtlich für die dort seit Jahrzehnten begangenen Umweltsünden haften zu müssen, dann zu kaufen und einschließlich des Kaufpreises 4,2 Milliarden Euro zu investieren. Die EU-Kommission hatte den Kauf genehmigt unter der Auflage, dass verschiede Werke – darunter auch Düdeligen – verkauft würden. So erwarb Liberty Steel sieben Stahlwerke und fünf europäische Service-Zentren. Anfang November 2019 dann teilte der Stahlkonzern überraschend mit, aus dem Übernahmevertrag aussteigen zu wollen. Er begründete den Schritt mit einer Entscheidung des italienischen Senats, die Immunität aufzuheben, die die Betreiber bei Verstößen gegen Umweltbestimmungen genießen sollten. Hinzu komme ein Gerichtsentscheid, nach dem einer der Hochöfen schon bis zum 13. Dezember geschlossen werden müsste. Dadurch sah sich ArcelorMittal berechtigt, von einer Ausstiegsklausel Gebrauch zu machen. Seither sind alle Seiten zurückgerudert. Die italienische Regierung, die nicht auf der Umweltruine und tausenden Arbeitslosen sitzen bleiben will, aber auch ArcelorMittal, der seinen ursprünglichen Plan Schritt für Schritt umsetzen will. Am 7. Januar gewährte ein italienisches Gericht eine neue Frist, um Sicherungsarbeiten durchzuführen. DPA/CC