LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Sommer 2018 - Rekorde und Gefahren - Ausnahmezustand oder kommende Normalität?

Unsere Vermutung, dass sich die Winzer bei diesem Wetter ein sprichwörtliches Loch in den Bauch freuen, stimmt nur in Teilen. „Auch wir könnten Wasser gebrauchen“, heißt es von Seiten der Winzergenossenschaft. „Alles was jünger als zehn Jahre ist, hat schon Probleme“. Beim Weinbauinstitut setzt man die Grenze etwas niedriger: „Fünfjährige Stöcke sind auch gefährdet.“ Jüngere Reben und Jungpflanzen haben ohne Bewässerung kaum eine Überlebenschance. Im Laufe ihres Wachstums bohren sich die Wurzeln der Weinreben etliche Meter tief in den Boden. Mit dem simplen Ergebnis, dass alte Reben auch eine lange Dürre gut überstehen können. Wenn es in den nächsten Wochen nicht zu einer lang anhaltenden Regenperiode kommt, gibt es von den Reben, die die Trockenheit gut überstanden haben, einen Wein, der seinesgleichen suchen wird. Wenn dieser Sommer typisch für die Zukunft sein sollte, führt auch kein Weg daran vorbei, an der Mosel neue Rebsorten einzuführen. Riesling wächst dann irgendwann auf Norderney oder Borkum.

Spaß und Gefahr nebeneinander

Die Sache mit dem Wein ist typisch für diesen Supersommer. Des einen Freud‘, ist des anderen Leid. Die Freibäder sind voll, endlich halten die Sommerferien mal, was sie versprochen haben - nur am Stausee und in Weiswampach stehen die Zeichen auf Badeverbot. Dort hat die Hitze die Blaualgen, ziemlich ungesunde Bakterien, kräftig wachsen lassen. Also lieber ins nächste Freibad.

Die Kehrseite der Badebegeisterung und der Sehnsucht nach Abkühlung sind zahlreiche Badeunfälle in Luxemburg und den Nachbarländern. In Luxemburg sind in diesem Sommer schon drei Menschen, darunter ein Kind, ertrunken. Bei unseren deutschen Nachbarn sind bis jetzt über 200 Menschen ertrunken, am Wochenende zuletzt zwei Mädchen im Rhein. In der Woche davor zwei junge Männer in der Mosel. Wer in einem Fluss ertrinkt, hat kaum eine Chance. Ertrinken ist ein stiller Tod. Der Cheftaucher des Nationalen Rettungskorps CGDIS hat für diejenigen, die so ein Unglück in einem Schwimmbad oder Weiher bemerken, einen zentralen Rat: „Das Opfer aus dem Wasser ziehen und sofort mit der Mund-zu-Mund-Beatmung beginnen.“

Grünland? Braunland!

Heu ist Gold wert, nicht nur im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich. Von wegen grüne Wiesen und Weiden, braune Flächen überall, die man sogar aus der ISS ausmachen kann. Die Grünlandbauern, also die Rinderhalter, sind jetzt schon und im Winter erst recht aufs Zukaufen von Futtermitteln angewiesen. Auch für diesen Teil der Landwirtschaft stellt sich die Frage, wie wollen wir in Zukunft damit umgehen.

Der Wald und die Deppen

Bäume in Wäldern kommen eigentlich gut zurecht mit der Hitze, im Gegensatz zu den Vettern in der Stadt, dort muss massiv gewässert werden. In den Straßen steht die Hitze, und der Untergrund hat auch nichts mehr an Nährstoffen zu bieten. Der Wald hat aber in Zeiten der Hitze einen großen Feind: Zweibeinige Trottel, die im Wald grillen, Zigarettenkippen oder Flaschen - wunderbare- Brenngläser - wegwerfen oder ihr Auto mit heiß gefahrenem Katalysator in den Wiesenrain stellen. Wie schnell die Brandkatastrophe da ist, hat das letzte Wochenende gezeigt. Zehn Hektar abgebrannter Wald sind im internationalen Vergleich wenig, aber für Luxemburg und das Ösling schon eine beeindruckende Größe.

Aus dem Hitzejahr 2003 hat man Lehren gezogen. Während sich Schulkinder und junge Leute bei dem heißen Wetter amüsierten, starben damals Europas Alte still in der Hitze. Jetzt sorgt der „Orange Alarm“ für erhöhte Aufmerksamkeit: Nicht nur selbst viel Trinken, sondern auch auf die alten Nachbarn oder Bekannten achten. Hitze kann tödlich sein, auch für Hunde im Auto - aber auch diese Unart stirbt zum Glück aus. Obwohl es sogar Leute geben soll, die Kinder in dem fahrbaren Backofen vergessen. In beiden Fällen sinken in der Bevölkerung die Hemmungen, die Polizei zu rufen oder gleich das Autofenster einzuschlagen. Der Plan „Orange“ sieht eigentlich ganz normale Dinge vor, die dem modernen Menschen wieder beigebracht werden müssen: Viel trinken, die Fenster tagsüber geschlossen halten, sich so oft wie möglich im Schatten und in kühlen Räumen aufhalten und zum Abkühlen duschen oder baden.

Glaubt man den Wetterfröschen, wird heute der Höhepunkt mit dem heißesten Tag des Jahres erreicht sein. Auf das kollektive „Endlich!“ folgt spätestens in 14 Tagen der Ruf nach besserem Wetter.