LUXEMBURG
DAMLA KAYAKIRAN/JEFF KARIER

„The Awesome Adventures of Captain Spirit“ soll auf „Life is Strange“-Sequel einstimmen

Mit „Life is Strange“ gelang dem französischen Entwickler Dontnod vor drei Jahren ein Überraschungshit, auf den ein Prequel mit dem Beinamen „Before the Storm“ folgte. Entsprechend groß waren die Hoffnungen der Fans auf der Messe „E3“, die vor etwa vier Wochen in Los Angeles stattfand, einen ersten Blick auf den in Entwicklung befindlichen Nachfolger zu erhaschen. Publisher „Square Enix“ überraschte jedoch mit der Ankündigung von „The Awesome Adventures of Captain Spirit“ - eine Zwischenepisode, die auf „Life is Strange 2“ einstimmen soll und dabei komplett kostenlos ist.

Superheldenfreunde als Gesellschaft

„The Awesome Adventures of Captain Spirit“ bleibt dem spielerischen Prinzip der Vorgänger treu. Einen Großteil der Zeit verbringt man hier mit dem Interagieren mit seiner Umgebung, während man kleinere Rätsel löst und hervorragend vertonte Dialogszenen erlebt. Die Gesprächspartner fallen in dieser Episode jedoch recht überschaubar aus. Lediglich der Vater des Hauptcharakters Chris sowie eine Nachbarin stehen für eine Unterhaltung zur Verfügung. Chris wohnt nämlich alleine mit seinem Vater in einem kleinen verschneiten Haus. Ihm Gesellschaft leisten seine Superheldenfreunde, mit denen er Abenteuer erlebt. Die Flucht vor der Eintönigkeit und der Langeweile seines Alltags gelingt ihm in seiner lebhaften Fantasie. Als Superhelden-Alterego „Captain Spirit“ tritt er seinen Ängsten entgegen. Dabei gelingt es Dontnod, einen glaubwürdigen kleinen Jungen darzustellen. Seine Persönlichkeit, seine Handlungen und auch die Umgebung, die er sich zum Teil selbst schafft, ist sowohl kompatibel mit der allgemeinen Vorstellung von Kindlichkeit, als auch sehr liebenswürdig.

Darüber hinaus schafft das Spiel den Sprung auf die Ebene, die für ein erfolgreiches Spielerlebnis essentiell ist: Der Spieler entwickelt Empathie für Chris und kann sich für den weiteren Verlauf des Spiels in ihn hineinversetzen. Die kleinen Entscheidungen, die man beim Zusammenstellen des Heldenkostüms treffen kann, sind hier auch noch einmal ein hübscher zusätzlicher Bonus, der dem Protagonisten die Handschrift des Spielers verpasst und ihn somit nochmal personalisiert.

Schwierige Verhältnisse

Die Umstände, in denen Chris lebt und aufwächst, sind für einen kleinen Jungen sehr schwierig. Sowohl der Verlust der Mutter, als auch der schwierige Zustand seines arbeitslosen und oft alkoholisierten Vaters. Dinge, die Chris Angst einjagen, werden zu Antagonisten in seiner Heldengeschichte und unterstreichen somit die Verbindung seiner Traumwelt zur Realität.

Dass sein Superheldenkostüm, das ihn vor diesen Ängsten schützen soll, eine wichtige Rolle im Spiel einnimmt, ist eine logische Fortführung. Sein Superhelden-Ich gibt ihm die Kraft, die er braucht, um seinen Alltag zu überstehen.

Helden definieren sich in jedem Kulturkreis und somit in jeder Gesellschaft anders. Allgemein ist die Definition eines Helden sehr komplex. Was an den Spielen der „Life Is Strange“-Reihe besonders ist, ist, dass sie dieses Konzept immer wieder aufgreifen. Im ersten Teil war es das „Everyday Heroes“-Konzept. Es zeigte, dass Helden nicht die starken erfahrenen Krieger aus Legenden sind, sondern Menschen, die im Alltag die einfachsten Dinge tun, um anderen zu helfen. Und genauso wird in „Captain Spirit“ auch angedeutet, dass ein Junge, der in so einem jungen Alter mit so einer Lebenslage zu kämpfen hat, sich dabei aber seinen eigenen Dämonen stellt, anstatt dem zu entfliehen, auch schon ein Held sein kann. Wie in den Vorgängern trägt der Soundtrack sehr zu einem emotional gesteuertem Spielerlebnis bei. Die Entwickler haben sich hierbei bewusst für ruhige, melancholische Stücke entschieden und dem Spieler somit die Möglichkeit gegeben, die tatsächliche Wirkung der Geschehnisse auf den Protagonisten durch die Begleitung der kraftvollen Musik zu spüren. Auch ist die Welt sehr liebevoll gestaltet und es macht, Spaß sie zu erkunden.

Passende Einstimmung

Alles in allem kann das Spiel einen tief berühren, wenn man sich darauf einlässt. Man fühlt sich schlecht, den Vater beim Trinken zu sehen. Man fühlte sich schlecht, dass das Kind seine Zeit alleine verbringen muss. Man fühlt sich schlecht für den Tod der Mutter. Auf eine solche Art von Spiel muss man Lust haben. Wer aber die „Life is Strange“-Reihe kennt, wird sich auch in dieser Episode wiederfinden. Leider ist diese mit knapp zwei Stunden Spielzeit sehr kurz. Kaum ist man in der Welt von „Captain Spirit“ angelangt, ist es auch schon vorbei. Zum Einstimmen, auf „Life is Strange 2“, dessen erste von fünf Episoden am 27. September erscheinen soll, ist es aber perfekt. Und noch dazu gratis!