LUC SPADA

Fünf nicht mehr ganz junge, nicht sehr alte, Damen saßen an einem Tisch auf einer Terrasse und sie feierten, glaube ich, dass sie am besagten Tag nicht mehr arbeiten müssen, also: Feierabend haben. Alle tranken sie Weißwein. Alle redeten sie etwas zu laut für meinen Geschmack und auch eine kleine Boombox war auf dem Tisch platziert, um das neueste Helene Fischer Album zu genießen: „Schon lang nicht mehr getanzt mit Dir / Wann bist Du denn mal wieder hier? / Ich warte auf Dich schon tausend Tage.“

Ich glaube, es war das Lieblingslied der Blonden, der einzigen Blonden am Tisch, die, so habe ich mitgehört, als Einzige nicht in einer Beziehung steckte oder bereits verheiratet war. Er hat mit ihr Schluß gemacht und sie meinte, dass das Lied ihr sehr aus der Seele spricht („Heut Nacht träumt sie sich hin zu ihm“). 

Am Rande sei noch erwähnt, dass wohl die „Crème de la Crème“ deutscher Produzenten und Songschreiber an diesem neuen Nummer-Eins-Album von Helene gearbeitet haben. Ich weiß nicht, ob das ein gutes Zeichen ist, wenn ein Lied von Helene Fischer einen tief berührt. Gut, immerhin hat sich die Arbeit gelohnt, wenn es sogar ausgerechnet der von mir zufällig ausgewählten einzigen Blonden am Tisch, im gleichen Café, VOLL aus der Seele spricht. Glückwunsch an Frau Fischer.

Und ich hörte, wie sie, die Blonde am Tisch, nicht Helene, über ihr Leid sprach: Sie wurde betrogen, sie hat aber auch betrogen, er wohl beziehungsunfähig, sie wohl ungerne allein, er dann am Ende wirklich scheiße und sie am Ende immer noch allein. Sprich: Nicht viel anders als in einem Fischer-Album. Die Freundinnen, rothaarig, zweimal braunhaarig und einmal haarlos (und nein, ich bewerte Leute nicht nur nach ihren Haaren) nickten zuverlässig und abwechselnd zu ihren leidenden Worten und Helene Fischer’s abgelutschten Beats und Worten.

Dann schlug die Haarlose vor, dass sie es doch mal mit so einem Single-Portal versuchen sollte.

„Wie Tinder?“, dann die Blonde.

„Aber elitärer!“, die Haarlose.

Da kann man genau eingeben, was man von seinem Partner erwartet (als wären Erwartungen nicht das ALLERSCHLIMMSTE in Beziehungen, mit oder ohne Liebe). Sie erklärte. Man kann sogar angeben, wieviel der Neue verdienen soll (alle kicherten), ob er eher romantisch drauf ist oder mehr so, Stimme runter, sexuell (alle kicherten nochmal). Bisschen peinlich, hihi. 

„Das ist aber ganz schön oberflächlich.“, die Blonde.

„Nein, aber anders als bei Tinder, geht es auch um die inneren Werte.“, die Haarlose.

„Und was, wenn er lügt?“, die Blonde.

„Dann lügt er bestimmt auch im echten Leben“, die Rothaarige.

Alle so: „Hm“. Übergang. Nächster Song:

„Spürst Du diesen Augenblick / Die Luft sie brennt wie Feuer / Spürst Du auch dieses Gefühl

Hab Lust auf Abenteuer.“

„Vielleicht gar nicht so blöd. Und dann kann man ja gleich mehrere Männer gleichzeitig daten und man pickt sich den Besten heraus“, freut sich die Blonde über ihre Erkenntnis.

Alle jubeln und auch Helene freut sich, dass das unsere Zeit ist, weil wir sind heute unsterblich. Cheers.