LUXEMBURG
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Wirtschaftskrisen gab es viele in der Geschichte des Landes - Ein Rück- und Ausblick mit dem Volkswirt und Vorsitzenden des parlamentarischen Finanz- und Haushaltsausschusses André Bauler

Wegen der Covid-19-Pandemie steuert auch Luxemburg in eine ausgeprägte Rezession. Es ist nicht das erste Mal in seiner Geschichte, dass das Land von einer Wirtschaftskrise erwischt wird. Der Volkswirt und Wirtschaftsprofessor André Bauler hat manche schwierige Phasen in seinem 2001 erschienenen Buch über die luxemburgische Wirtschaftsgeschichte eingehend analysiert. Heute steht der DP-Abgeordnete als Vorsitzender des parlamentarischen Finanz- und Haushaltsausschusses im Mittelpunkt des Geschehens. Ein Rück- und Ausblick.

Herr Bauler, welche waren die schwersten Wirtschaftskrisen, die das Großherzogtum bislang erlebt hat?

André Bauler 1881 kam es etwa zu einer Bankenkrise, dies nachdem die „Banque nationale du Grand-Duché de Luxembourg“, eine Art Zentralbank, zusammengebrochen war. Dies löste eine regelrechte Panik bei der breiten Bevölkerung aus. Industrie, Handel und einige kleinere Bankhäuser sollen stark unter dieser Krise gelitten haben. Die betroffene Bevölkerung verbrannte aus Protest ihre wertlosen Banknoten auf dem „Place d’Armes“.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach dem Börsencrash Ende Oktober 1929, schlitterte auch Luxemburg in die große Depression der 1930er Jahre hinein, die vor allem unserer Stahlindustrie schwer zusetzte. Diese arbeitete damals nur noch mit 60 Prozent ihrer Kapazität. Die Stahlproduktion fiel von 2,7 Millionen Tonnen in 1930 auf nur noch 1,5 Millionen in 1938. Die Ölkrisen von 1973 und 1979 stürzten unsere Schwerindustrie erneut in eine tiefe Krise. Diesmal hatte sie einen strukturellen Charakter - Überproduktion, hohe Energiepreise, europäische Dumpingpreise. 1974 schrumpfte die Stahlproduktion binnen eines Jahr um 28 Prozent.

2008 sorgte die amerikanische „Subprime“-Krise auch für Turbulenzen an unserem Finanzplatz. Deshalb mussten Luxemburger Banken in Windeseile massiv unterstützt werden. Unser Bruttoinlandprodukt sank 2009 um etwas mehr als vier Prozent.

Und seit wann greift der Staat im Krisenfall in die Volkswirtschaft ein?

Bauler Der luxemburgische Staat hat in all diesen Krisen nie bloß die Rolle eines Zuschauers eingenommen, ganz im Gegenteil. In der Bankenkrise 1881 sah er sich gezwungen einen Kredit bei der BIL aufzunehmen, um zahlreiche Sparer zu entschädigen. In den 1930er Jahren wurde die soziale Gesetzgebung ausgebaut, gleichzeitig organisierte der Staat Arbeiten, die von allgemeinem Interesse waren, z.B. der Bau neuer Straßen und Tunnels im Landesnorden. Auf Ebene der Industrie wurden die ersten Kollektivverträge verhandelt. Ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit wurde dadurch verhindert, dass man ausländische Arbeitskräfte einfach nach Hause schickte. Eine aus heutiger Sicht undenkbare Aktion.

Auch während der Ölschocks und der Stahlkrise griff der Staat tatkräftig ein. Infolge der unausweichlichen Restrukturierung beteiligte er sich am Kapital der „ARBED“ und erwarb rund 40 Prozent der Aktien. Zudem ergriff er Maßnahmen, um die Arbeitslosigkeit einzudämmen, zum Beispiel 1977 die Gründung einer „Division anti-crise“, 1975 die Einberufung eines Dreiergremiums namens „Tripartite“, in dem Regierung, Gewerkschaften und Patronat über Mittel verhandeln konnten, um den Stellenabbau bestmöglich abzufedern. Zudem gründete er die S.N.C.I., die nationale Kredit- und Investitionsgesellschaft, um die Wirtschaft finanziell zu unterstützen und zu diversifizieren. Das Szenario war 2008 ein ähnliches, als der Staat ins Kapital verschiedener systemrelevanter Banken des Luxemburger Finanzplatzes einstieg.

Was unterscheidet die aktuelle Krise von vorherigen?

Bauler Diese Krise ist eine sanitäre Krise, ein exogener Schock, der keine wirtschaftlichen Ursachen hat. Sie ist plötzlich und unerwartet über uns hereingebrochen, mit einer Wucht, wie wir sie bislang nicht kannten. Im Gegensatz zu früheren Krisen betrifft sie fast alle Wirtschaftsbranchen. Die einen mehr, die anderen weniger. Das macht sie so schlimm und einzigartig. Und das wird wohl zu schwerwiegenden Verwerfungen führen.

Welche Akzente muss die Regierung in dieser Krise setzen?

Bauler Die Regierung hat sehr schnell reagiert und quasi im Eilverfahren unterschiedliche Maßnahmen entschieden, um den Betrieben zu helfen und die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung zum großen Teil zu erhalten. Im Verlauf der Krise, als die Tragweite des wirtschaftlichen Einschnittes nach und nach klar wurde, entschied man auch nachzubessern, insbesondere bezüglich der Hilfen für Selbstständige. Mittlerweile beläuft sich der Stabilisierungspakt auf fast 11 Milliarden. Trotz der gravierenden Konsequenzen der aktuellen Krise für den öffentlichen Haushalt muss der Staat seine Investitionen weiter auf hohem Niveau halten. Steuererhöhungen wären Gift in der aktuellen Situation, sie würden die Wirtschaft geradezu abwürgen. Glücklicherweise hat sich unser Staat in den letzten Jahren einen finanziellen Spielraum verschaffen können. Dieser kommt uns nun zugute.

In Zukunft heißt es die öffentlichen Investitionen genau unter die Lupe zu nehmen und die jeweiligen Prioritäten zu analysieren. Es muss zu einem neuen Aufschwung unserer Wirtschaft kommen. Deshalb muss besonders auf die Digitalisierung - Stichwort Telearbeit, dort wo sinnvoll und erfordert - sowie auf Investitionen im Bereich der Nachhaltigkeit und der Gesundheitstechnologien gesetzt werden. Wir können zufrieden sein, dass unser Finanzplatz, der ungefähr 30 Prozent des Bruttoinlandproduktes darstellt und massiv auf die Telearbeit in dieser brutalen Krise zurückgreifen konnte, dazu beigetragen hat, den ersten Schock der Rezession einigermaßen abzufedern. Die Banken sind übrigens auch ein wesentlicher Partner, wenn es um die Stützung und die Neubelebung unserer Wirtschaft geht.

Welche Lehren können wir bereits jetzt aus dieser Krise ziehen?

Bauler Sie führt uns die Verletzlichkeit unserer Wirtschaft erneut vor Augen; wie schnell sie im Falle eines heftigen, externen Schocks unter die Räder geraten kann. Aus diesem Grund ist es von essentieller Bedeutung, dass wir in strategischen Bereichen unserer nationalen und europäischen Wirtschaft umdenken. Die Produktion lebenswichtiger Erzeugnisse, wie zum Beispiel medizinische Apparate oder pharmazeutische Produkte, kann und darf nicht völlig ausgelagert werden. Zudem wird es unerlässlich sein, dezidierter in Forschung und Entwicklung zu investieren, insbesondere im gesundheitlichen Bereich. Hier gilt es, die Widerstandsfähigkeit von Liefer- und Wertschöpfungsketten sowie den Globalisierungsprozess allgemein kritisch zu hinterfragen und wieder für mehr Substanz auf dem europäischen Kontinent zu sorgen.

Ja, die Krise soll uns zu einem Umdenken führen. Wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen, auf unsere lokale und regionale Wirtschaft. Wir müssen auch nachhaltiger denken und handeln. Konkret bedeutet dies unter anderem: Wertschöpfungsketten überdenken, die Potenziale unseres Mittelstandes neu entdecken und diesen tatkräftig unterstützen anstelle viele Waren übers Internet aus dem weiten Ausland kommen zu lassen - außer über www.letzshop.lu -, unsere Arbeits- und Produktionsweise hinterfragen, die Arbeit der Menschen im Gesundheits-, Pflege- und Rettungswesen wertschätzen anstatt bei jeder Handlung im Klinik- und Pflegebereich auf die Stoppuhr zu schauen.

Dies sind alles wichtige Ansätze, mit denen wir eine Renaissance unserer Gesellschaft und Wirtschaft einläuten können um vieles zum Besseren zu wenden und den Blick wieder auf das Wesentliche und Dauerhafte zu richten.