LUXEMBURG
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Das „European Solidarity Corps“ als Sprungbrett zum besseren Volontariat

Etwas Gutes tun, seinen Beitrag leisten, fürs Leben lernen. Die Idee ist eigentlich nicht neu: Junge Menschen, die sich sozial betätigen wollen, mit den richtigen Hilfsorganisationen in Kontakt bringen - das taten reichlich kleinere Freiwilligeninitiativen der EU schon länger. Die Initiativen wurden jüngst aber in einer völlig neuen Dach-Initiative zusammengefasst: dem „European Solidarity Corps“ (ESC). Und die unter dem damaligen Kommissar für Jugend, Kultur, Sport und Bildung, dem Ungaren Tibor Navracsics gestartete Initiative macht keine Anstalten, an Fahrt zu verlieren.

Die Initiative ist nur eine von mehreren im Programm der EU-Kommission, ist aber im Vergleich zu bekannteren Vertretern wie dem Erasmus-Programm durch seine relativ rezente Gründung noch verhältnismäßig unbekannt. Trotzdem gibt es ein klares Ziel: „Sie richtet sich an alle Jugendlichen der EU“, erklärte der Kommissar im Rahmen der Jugendwoche in Brüssel. Wo Bedarf bestehe und ein entsprechendes Angebot an Hilfsorganisationen verfügbar sei, könne das ESC-Programm reibungslos Helfer an die Organisationen vermitteln - mit Erfolg, wie Navracsics betonte: „Wir haben weit über 125.000 Anmeldungen und mehr als 15.000 erfolgreich vermittelte Freiwillige“, sagte er. „Und das in gerade einmal zwei Jahren.“ Auch aus Luxemburg gab es Anmeldungen: 188 Registrierungen stammen von hier, 35 Teilnehmer konnten eine Aktivität finden.

Mehr Budget

Und die Zahlen sollen weiter steigen. Für die Kommission ist es eines der wichtigen Programme. „Es ist das menschliche Gesicht Europas bei der Solidarität und Integration“, meinte der Kommissar. Das lässt sich die Kommission viel kosten: Fast 1.26 Milliarden Euro sind im Budget bis 2027 insgesamt für das Solidaritätskorps vorgesehen. Das soll die Zahlen der Teilnehmer mehr als verdreifachen. „Ein ganz klares Invest in die Zukunft und in Kompetenzen.“ 350.000 Menschen sollen so zwischen 2021 und 2020 davon profitieren.

Ein Teil der Attraktivität: Das Solidaritätskorps kombiniert Freiwilligenprojekte mit normalen Beschäftigungsprojekten - also Solidärarbeit mit Praktika und Ausbildungsplätzen. Die Freiwilligentätigkeiten dauern dabei bis zu zwölf Monate, also lange genug, um sich im Lebenslauf einen guten Platz einzuräumen. Wer es sogar schafft, in einem Beschäftigungsprojekt oder als Auszubildender oder Praktikant eingestellt zu werden, wird für seine Arbeit sogar vergütet, ansonsten werden die Kosten der An- und Abreise sowie Unterkunft, Verpflegung und Versicherung von der EU gestemmt. Zudem bietet das Korps die Möglichkeit, eine Freiwilligenaktivität im Ausland zu absolvieren - man ist also nicht nur auf das Angebot aus der eigenen Heimat beschränkt.

Anmelden kann sich jeder jugendliche EU-Bürger im Alter ab 17 Jahren, aber zum ersten Einsatz muss das 18. Lebensjahr erreicht sein. Die Altersgrenze liegt danach bei 30 Jahren. Sobald die Registrierung vervollständigt wurde, können junge Menschen dann zu Freiwilligenprojekten in ihrer Heimat oder - je nach eingestellter Präferenz - im Ausland vermittelt werden. Je kompletter das Profil, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass eine Organisation Bedarf anmeldet.

Die verpartnerten Organisationen wurden zuvor geprüft und akkreditiert. Sie sind auch für die Teilnehmer verantwortlich und kümmern sich um die nötige Vorbereitung. Die Registrierung ist dabei keinesfalls direkt eine Verpflichtung: Zuerst werden die eigenen Angaben zu den bevorzugten Volontariats-Projekten lediglich in der Datenbank gespeichert und mit interessierten Organisationen geteilt - die schlussendliche Entscheidung liegt in jedem Fall beim Teilnehmer. Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Philosophie beim Solidaritätskorps: eigenständige Entscheidungen tätigen.

Echte Beiträge leisten

Positive Beispiele gibt es satt: Als die Kleinstadt Norcia in der italienischen Provinz Perugia 2016 Opfer einer schweren Erdbebenserie wurde, wurden gleich mehrere Gebäude - darunter auch die Kirche San Salvatore - zerstört. Viele der knapp 4.800 Einwohner mussten ohne Dach über dem Kopf ausharren. Hilfsorganisationen schickten unzählige Helfer in die Krisenregion, um beim Wiederaufbau zu helfen, darunter auch mehrere Teilnehmer des ESC-Programms. „Es war faszinierend und sehr ermutigend“, erklärt der Bürgermeister Norcias; „Sie haben alles mitgemacht und so gelebt wie wir gelebt haben. Eine wirklich europäische Erfahrung der Solidarität. Sie haben uns Hoffnung eingeflößt.“ Das Solidaritätskorps ist dabei nicht als strenge Struktur gedacht. „Wir konnten Feedback einbringen und Dinge verändern“, erklärt einer der Helfer, der in Norcia am Wiederaufbau beteiligt war. „Es kann nämlich auch noch immer sehr viel besser werden - und ich hatte ganz klar den Eindruck, dass meine Meinung etwas bewirkt hat.“

Lernen fürs Leben

Auch bei der sogenannten Budapester Fahrradmafia konnten Helfer des ESC mit anpacken; die Fahrradmafia verteilt Essen an Obdachlose in den Straßen Budapests und hilft damit Tag und Nacht ihren Mitbürgern. Andere Hilfsprojekte befassen sich mit der Integration von Schutzsuchenden in der Migrationskrise seit 2015. Das Hilfsprojekt „Vivre Ensemble dans une dynamique interculturelle“ in Luxemburg profitiert so etwa von Freiwilligen wie Debora Lucque aus Italien. Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer am Solidaritätskorps ist übrigens weiblich (65 Prozent). Für viele ist es zudem die perfekte Gelegenheit, ein Volontariat zum Zugewinn neuer Kompetenzen zu absolvieren. Im Rahmen der „Youth Week“ der Kommission konnten wir uns mit mehreren Kandidaten aus den Programmen unterhalten, die das Korps für die eigene Bildung nutzt - und dabei nebenbei Menschen hilft. Da wäre etwa die Kandidatin aus Bulgarien, die im EU-Parlament aushilft. „Es ist eine große Chance, um nötige Erfahrungen fürs Leben zu sammeln“, erklärt sie im kurzen Gespräch. In Brüssel aktiv ist auch eine andere Freiwillige, die aus Finnland kommt und im Rahmen ihres Engagements für eine finnische Hilfsorganisation bereits in der Karibik unterwegs war. „Diese Arbeit vermittelte mir sehr viel wichtiges Wissen und erlaubte mir, als Mensch weiterzuwachsen“, meint sie. Beide können daher nur empfehlen, sich im Rahmen der Förderprogramme wie „Erasmus +“ oder dem „European Solidarity Corps“ einzuschreiben.

Weitere Beispiel gefällig? Aus Finnland nach Brüssel hat es auch eine andere junge Frau verschlagen, die Menschen unterrichtet. „Eine wundervolle Erfahrung“, schwärmt sie - die Dame war übrigens auch eines der Gesichter der „Youth Week“, auf reichlich Postern strahlte sie uns an - „Die Organisatoren geben uns die Möglichkeit, unser Wissen zu teilen und gleichzeitig unsere eigenen Ziele zu verfolgen.“ Eine weitere Freiwillige aus Portugal hat die vergangenen Monate derweil in einem völlig abgelegenen Dorf in den französischen Pyrenäen damit verbracht, um Jugendlichen, die von der rechten Spur abgekommen sind, wieder auf die Füße zu helfen. „Der Trip war gar nicht so einfach, weil mir das Vorwissen fehlte - ich habe Wirtschaft studiert“, erklärt sie. Dennoch sei die interdisziplinare Arbeit sehr lehrreich gewesen und habe ihren Horizont erweitert. Sie sei deshalb froh, sich ganz bewusst für diese Tätigkeit entschlossen zu haben. Mit der Uni fertig ist sie aber wohl noch nicht. „Ich möchte vielleicht einen Master in Internationalen Beziehungen machen“, erklärt die junge Frau. Eine Idee, wohin es gehen könnte, hat sie sogar auch schon: „Luxemburg steht ganz oben auf der Liste“, verrät sie.


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