Vergewaltigt von UN-Soldaten: Die vergessenen Opfer im Kongo

Mehr als ein Jahrzehnt ist vergangen, doch das Schicksal des Waisenmädchens aus dem Kongo verfolgt UN-Menschenrechtskommissar Said Raad al-Hussein bis heute. Es war ein großer Tag damals in Bunia im Nordosten des Landes. Eine ranghoch besetzte Delegation der Vereinten Nationen kam zu Besuch. Aber es war auch der Tag, an dem das Mädchen nach eigener Aussage von einem pakistanischen Blauhelmsoldaten vergewaltigt wurde - vor den Augen ihrer jüngeren Geschwister.

„Was um alles in der Welt hätte es noch gebraucht, dass der Soldat das nicht tut?“, fragt al-Hussein. „All die UN-Vertreter waren da. Und er tut es trotzdem.“ Er war Mitglied einer Delegation, die im Jahr 2004 die Aussage des Mädchens aufnahm. Ein Jahr später war er einer der Autoren eines bemerkenswerten Berichts, mit dem sexueller Missbrauch und Ausbeutung im UN-System eingedämmt werden sollten. Doch weder al-Husseins Zorn, noch der Bericht haben dem Mädchen geholfen.

Reformen verlaufen im Sand

Der Fall des Mädchens steht sinnbildlich für die Schattenseiten der UN-Friedenseinsätze - und für die Organisation als Ganzes: Denn trotz einer jahrelangen Untersuchung und versprochenen Reformen ist im vergangenen Jahrzehnt so gut wie nichts passiert. Fälle gingen verloren oder wurden an die Herkunftsländer der mutmaßlichen Täter übergeben, die oft nichts unternahmen. Den Opfern wurde nicht geholfen. Der Kongo ist das Epizentrum der sexuellen Übergriffe bei UN-Missionen. Dort kam der Skandal vor 13 Jahren ans Licht. Von den seither rund 2.000 Beschwerden über sexuellen Missbrauch und Ausbeutung gegen die Vereinten Nationen weltweit trugen sich mehr als 700 Fälle im Kongo zu, wo der größte Friedenseinsatz der Vereinten Nationen jedes Jahr rund eine Milliarde US-Dollar verschlingt.

Die Opfer erhielten so gut wie keine Hilfe. Viele wurden schwanger und von ihren Familien verstoßen. Ihre meist gemischt-rassigen Kinder gelten schon wegen des Aussehens als Außenseiter. Und die sexuelle Gewalt im Kongo durch UN-Vertreter hält bis heute an: Rund ein Drittel der weltweit angezeigten 43 Übergriffe in diesem Jahr ereigneten sich in dem Land.

Von dem Waisenmädchen, das beim Besuch der UN-Delegation vergewaltigt wurde, existiert bei den Vereinten Nationen keine Akte, die sich eindeutig dem Fall zuordnen lässt. Es gebe einen anderen Fall, aber der habe sich als unbegründet erwiesen, weil das Mädchen einen falschen Ausländer auf einem Foto als Täter identifiziert habe, heißt es bei den Vereinten Nationen. Die Nachrichtenagentur AP ermittelte innerhalb von drei Tagen eine Frau, deren Geschichte sich mit den Schilderungen al-Husseins deckt. Sie ist 27 Jahre alt, Alkoholikerin, lebt in Armut.

Ihre Tochter, die aus der Vergewaltigung entstand, lebt bei Verwandten. Doris Zawadi ist Adoptivmutter des Kindes. Sie verbietet dem Mädchen, sich UN-Stützpunkten zu nähern. „Die Friedensoldaten versuchen die Mädchen mit Keksen, Süßigkeiten und Milch zu locken, um sie dann zu vergewaltigen“, sagt sie.

Opfer oft selbst noch Kinder

Peter Gallo, ehemaliger interner Ermittler bei den Vereinten Nationen, macht das bürokratische, ineffiziente System für die anhaltende Krise verantwortlich. „Das UN-System beschützt die Urheber solcher Verbrechen wesentlich.“ Selbst als die UN mehr Reformen versprachen, war das zu wenig und zu spät für viele junge Frauen im Kongo. Bora wurde sogar zwei Mal von UN-Friedenssoldaten vergewaltigt. Ihre beiden Kinder kamen zur Welt, als sie selbst noch ein Kind war. Ihr erster Peiniger vergriff sich an ihr, als sie als Elfjährige die Grundschule verließ. „Das war der erste Mann, der mich jemals berührt hat“, sagt sie. Sie wurde schwanger, bekam einen Sohn. Zwei Jahre später wurde sie mit 13 abermals Opfer eines UN-Soldaten. Wieder wurde sie schwanger. „Ich werde niemals vergessen, was mir passiert ist“, sagt Bora. Das damals 14-jährige Waisenmädchen, das in Bunia vergewaltigt wurde, griff nach der Tat zum Alkohol, um den Schmerz zu betäuben, wie Freunde und Verwandte berichten. Weil die Angehörigen Angst um das Wohl ihres Säuglings hatten, kam er bereits als Baby zu einer Verwandten, die es großzog. Die neue Mutter gab dem kleinen Mädchen einen neuen Namen. Sie nannte es Hope (Hoffnung).