PATRICK WELTER

Ist Russland aggressiv, weil die NATO sich nach Osten ausgedehnt hat oder hat sich die NATO nach Osten ausgedehnt, weil Russland aggressiv ist? Der Russland erfahrene Kollege aus der Wirtschaftsredaktion zuckt ob dieser Frage die Schulter und meint lakonisch „Es kommt ganz darauf an, wie Du sozialisiert wurdest.“

Für alte und neue Linke ist klar, dass die aggressive, NATO daran schuld ist, dass sich der russische Bär im Hinterzimmer der Ukraine breit gemacht hat. Auch die aus Moskauer Sicht abtrünnigen Provinzen im Baltikum seien selbst schuld daran, dass es jetzt russische Marinemanöver vor ihrer Küste gibt. Den angeblichen latenten Faschismus in der Ukraine und bei den Balten nicht zu vergessen. Russland fühle sich eben bedroht und reagiere auf seine Art, so die Entschuldigung.

Die Linke erfährt dabei Unterstützung von unerwarteter Seite. Die Exportindustrie, die glänzende Geschäfte mit dem neureichen Russland gemacht hat, trauert den goldenen Zeiten hinterher. Jede bestehende und jede weitere EU-Sanktion gegen Russland reißt Löcher in ihre Kassen. Man müsse mit Russland reden, aufhören Russland auszuschließen und allzu scharfe Kritik am Kreml vermeiden. Amerikanische Panzer in Polen seien da gar nicht hilfreich.

Dieser Koalition stehen diejenigen gegenüber, die den Grund für NATO-Panzer im Osten Polens und in den baltischen Staaten, eher auf russischer Seite sehen. Putins falsches Spiel mit Ukraine und Krim sind für sie Signale einer abgestürzten Weltmacht, die auf Teufel komm raus wieder Geltung haben will. Mit Mitteln von vorgestern, auch wenn es die Stabilität der letzten zwanzig Jahre kostet. Um des lieben Friedens willen haben NATO und EU für Jahre weggeschaut, wenn im Kaukasus mal wieder „Terroristen“ bekämpft wurden. Als die Ukraine und Georgien vor Jahren darum gebettelt haben, per Abkommen näher an die NATO heranrücken zu dürfen, lehnte man dieses Ansinnen mit Rücksicht auf Russland ab. Insbesondere Mutti aus der Uckermark hatte mehr Verständnis für Moskau als andere.

Fragt man Polen und Balten direkt, wie sie NATO-Manöver und Stationierung von Bündnistruppen sehen, erhält man ein erleichtertes „endlich“ zur Antwort. Dort ist die latente Angst vor dem Russland alter Schule eine gesellschaftliche Grundströmung. Man freut sich über jeden US-Soldaten und Panzer, der dauerhaft bleibt. Zu lange war man Teil des Zaren- und Sowjetreiches, als dass man sich Illusionen macht. Das westeuropäische Verständnis für diese Angst war lange gering. Erst seit Zar Putin vom Kaukasus abgelassen und sich die Ukraine als Spielweise auserkoren hat, setzt ein Umdenken ein. Nun glaubt man den Esten, Letten und Litauern, wenn sie beteuern, dass sie ohne NATO-Mitgliedschaft längst wieder russisch wären.

Die NATO-Panzer und -Manöver in Polen sind eine Warnung - keine Drohung. Ziel muss es sein, Russland klar zu machen, dass es im Rahmen der existierenden Weltordnung mit Handel- und Austausch weiter kommt, als mit jedem noch so modernen Panzer. Der Linken wird die prokapitalistische Prämisse dieser Art von Frieden nicht gefallen, aber wer einen gemeinsamen Markt hat, schießt nicht aufeinander.