COLETTE MART

Die Parteien präsentieren derzeit ihre Kandidatenlisten für die Europawahlen, und rücken Europa in den Mittelpunkt der Alltagsaktualität. Europa war in den letzten Jahren gefordert und überfordert, geriet auch vielfach in negative Schlagzeilen, insbesondere wegen einer Subventionspolitik im Agrarsektor, die das Nord-Süd-Gefälle verstärkt, und wegen einer Flüchtlingspolitik, die einer humanistischen Analyse nicht immer standhält.

Des Weiteren stellte man in vielen europäischen Ländern einen Rechtsruck fest, Antisemitismus und Rassismus grassieren, die Gesellschaft klafft auseinander und Menschen mit Migrationshintergrund bleiben oft außen vor. Darüber hinaus ist die Geschichte Europas sehr eng mit jener der katholischen Kirche verknüpft. Die europäische Kultur orientierte sich stets am Christentum, und große Volksparteien lehnen sich an diese Werte an. Das Image der Kirche ist allerdings am Bröckeln, letztere deckte über Jahrzehnte, ja sehr wahrscheinlich über Jahrhunderte den sexuellen Missbrauch von Kindern und Nonnen. So wird die Weltöffentlichkeit derzeit mit den gravierendsten Menschenrechtsverletzungen konfrontiert, die im Namen des christlichen Gottes begangen wurden, und Europa muss sich allgemein in seiner Werteskala neu positionieren. Eine interessante Konsequenz dieser Entwicklung ist die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs im katholischen Irland.

In diesem Sinne sind die Europawahlen offen und spannend, und es bleibt auf jeden Fall zu hoffen, dass die Krise des europäischen Wertesystems sich nicht in der Stärkung rechter Parteien niederschlagen wird. Hier in Luxemburg könnten die Karten neu gemischt werden. Bei uns ist kein wirklicher Rechtsruck festzumachen. Vielmehr scheinen DP und Grüne im Aufwind zu sein, die Sozialisten gewinnen ihr Selbstvertrauen wieder, und die Christlich-Sozialen positionieren sich mit anderen Köpfen. Während die DP maßgeblich den gesellschaftlichen Fortschritt und die Emanzipation aller Menschen fördert, hat sie sich ebenfalls die sozialen Anliegen auf die Europafahne geschrieben. Christlich-soziale könnten hier und jetzt auf die positiven und sozialen Aspekte christlicher Mitmenschlichkeit setzen. Die Grünen machen sich durch spektakuläre Aktionen gegen Aufrüstung und auch gegen Tierquälerei stark, und die Sozialisten haben den Mut, die Mängel der Flüchtlingspolitik anzusprechen. Hiermit wären die Herausforderungen der zukünftigen EU benannt.

Europa muss zusammenbleiben, damit der Frieden auf unserem Kontinent erhalten bleibt und wir eine Stimme auf Weltebene haben. Europa muss der sozialen Kohäsion zuarbeiten, ansonsten immer mehr Menschen in der Gesellschaft auf der Strecke bleiben. Europa muss sich seiner historischen Verantwortung in den Entwicklungsländern annehmen. Es ergibt mittelfristig keinen Sinn, Entwicklungsprojekte zu finanzieren, und gleichzeitig ungerechte Handelsverträge aufrechtzuerhalten. Europa muss eine natürliche Nahrungsmittelproduktion fördern. Europa muss seine demokratischen Werte in die alltägliche soziale Realität umsetzen, und der Humanisierung der Gesellschaft in der Politik, der Wirtschaft, dem Handel, der Kultur, der Religion, und der Erziehung der Jugend umsetzen. Es bleibt also viel zu tun.