Mit dem Internet wurde vieles einfacher, für manche aber entstand dadurch auch eine neue Konkurrenz, erklärte Jean Diederich, Partner von Kurt Salmon und Präsident der APSI (Association des Professionnels de la Société de l’Information) auf der gestrigen Konferenz zum Thema „Was ist FinTech?“ Ist FinTech das, was Amazon für den klassischen Buchhandel oder Netflix für Kinos ist? Aus der reinen Innovationsfunktion ist die neu entstandene Branche teils hinaus. Laut Diederich kann man grob die FinTech-Unternehmen in zwei Bereiche einteilen: Die, die sich direkt an den Endverbraucher wenden und die, die Unternehmen aus dem Finanzsektor zum Kunden haben. Oder noch anders: Diejenigen, die den traditionellen Markt weiterentwickeln und diejenigen, die ihn revolutionieren. Fakt sei, dass FinTech-Unternehmen, zumeist Startups, also junge Unternehmen, inzwischen auch in Luxemburg zu einem großen und bedeutenden Sektor geworden sind. „Die FinTech-Unternehmen in Luxemburg haben aber zu wenig Kontakt miteinander, was wir unter anderem mit dieser Veranstaltung von APSI verändern möchten“, erklärt Diederich. Er verweist darauf, dass es im Januar weltweit etwa 1.042 Startups im FinTech-Bereich gegeben hat mit einer Initialfinanzierung von rund 15 Milliarden US-Dollar.
Nicolas Mackel, Geschäftsführer von Luxembourg for Finance (LFF) ist als solcher auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe „FinTech“ der staatlichen Initiative Digital Lëtzebuerg, womit der öffentliche Sektor auf die Digitalisierung vorbereitet werden soll. Da die jungen, sich auf Finanzdienstleistungen spezialisierenden Unternehmen auf einen Wirtschaftszweig zielen, der für Luxemburg besonders bedeutend ist, ist demzufolge auch die Entwicklung des FinTech-Sektors für Luxemburg eine wichtige Angelegenheit. Die Arbeitsgruppe Mackels wird indes keine „Roadmap“ präsentieren, sondern einen Rahmen eruieren, wo sich FinTech in Zukunft in Luxemburg entwickeln kann.
Mackel sieht aber schon zwei Hindernisse, die überwunden werden müssen: Das ist einmal der Mangel an Talenten, an Software-Spezialisten, Programmierern und so weiter, und zum anderen ein Finanzierungsproblem, das heißt, es gibt in Luxemburg nicht genug privates Funding, das jungen Startups hilft und wodurch die Kapazitäten entwickelt werden könnten, die nötig seien.
Kryptowährungen gewinnen an Bedeutung
Einen wichtigen Bereich der FinTech-Unternehmen für Luxemburg stellen nach Chris Marcilla von der gleichnamigen APSI -Arbeitsgruppe die „Kryptowährungen“ dar, wovon Bitcoin die bekannteste ist. Man lese ständig von Wertschwankungen und von Bankrotten, sagt Marcilla, was das Vertrauen in Bitcoin lädiere. Doch Bitcoin sei tatsächlich nichts weiter als eine Technologie, ein dezentralisiertes, offenes, durchaus transparentes Computerprogramm, wobei die Transaktionen gar nicht anonym, sondern für jeden der aktuell 14 Millionen bestehenden - von maximal 21 Millionen Bitcoins - sämtlich nachvollziehbar seien. Marcilla findet, dass hiesige Banken durchaus Dienstleistungen für Bitcoin bieten könnten, auch Investmentfonds könnten die digitale Währung nutzen. „Heute nutzen etwa 10.000 Händler weltweit Bitcoin, auch darum, weil Transaktionen günstiger als mit Kreditkarten sind und sie auch nicht mehr rückgängig gemacht werden können.“ Hier sieht Marcilla einen Aspekt der kommenden FinTech-Revolution, die Luxemburg angehen müsse. „Kodak glaubte nicht an die digitale Fotografie - heute ist Kodak tot“, sagt Marcilla. Die luxemburgische Finanzaufsicht CSSF prüft derzeit als erster EU-Regulierer gesetzliche Vorschriften für das Bitcoin-Geschäft: Die Akteure warten auf eine baldige Lizenz.
Ein luxemburgisches Startup, das Bitcoinzahlungen und auch Speicherung anbietet, ist Coinplus. Auch dessen Chef Yves-Laurent Kayan erklärt, man brauche und hoffe auf eine Bitcoin-Regulierung. Die CSSF sei glücklicherweise der neuen Technologie gegenüber offen eingestellt. Ein anderes auf Bitcoin spezialisiertes Unternehmen in Luxemburg ist Neofacto, dessen CEO Laurent Kratz erklärt, dass das Unternehmen mit seinem bald startenden Programm „Scorechain“ eine Art „Standard and Poor’s“ für Bitcoin-Transaktionen entwickele, ein Bewertungssystem, dass der digitalen Währung zu mehr Vertrauen verhelfen kann. Dass sich Banken mehr und mehr Wettbewerbern von außen ausgesetzt sehen, darauf weist Luc Verbeken, Chef der ING Luxembourg, hin.
Ob Einzelhändler, Telekom-Unternehmen oder Giganten wie Apple, sie alle wenden sich direkt an den Kunden, was für die Gewinne der Banken natürlich eine Gefahr darstelle, so Verbeken. Banken müssten darum proaktiv sein, weshalb die ING schon vor geraumer Zeit den Posten des Chief Innovative Officers geschaffen und auch einen internen Innovationsfonds geschaffen habe.
„Menschen brauchen keine Bank, sondern Bankdienstleistungen“, warnt Verbeken. Traditionell erfüllte FinTech die Aufgabe, das Back Office zu automatisieren, dann kamen die Modernisierer, mit denen bei Dienstleistungen dem Kunden zusätzlicher Nutzen geboten wurde, doch heute böten FinTech-Firmen dem Kunden selbst eigene Technologien wie beispielsweise Zahlsysteme. Banken könnten in zweierlei Art darauf reagieren: Solche Firmen aufkaufen oder mit ihnen kooperieren. Schwierigkeiten, die er für den FinTech-Sektor in Luxemburg sieht, sind einmal die Dauer von Genehmigungsprozessen wie auch mangelnde Crowdfunding-Regularien, denn Banken selbst seien keine optimalen Risikokapitalgeber für Startups.




