Während in Wien über 100 Staatsoberhäupter die Karte Europas nach den verheerenden Kriegszügen von Napoleon Bonaparte neu zeichneten, kam zur gleichen Zeit am 1. April 1815 in Schönhausen nahe Magdeburg ein gewisser Otto von Bismarck auf die Welt, der in späteren Jahren ebenfalls die Politik Europas durch zwei Kriege stark beeinflussen sollte.
Bereits im Alter von sechs Jahren musste der kleine Knirps in die Schülerpension Plamannsche Anstalt Berlin, die ihm wie ein Zuchthaus vorkam. 1832 bestand er sein Abitur und schrieb sich an der Universität Göttingen für ein Rechtsstudium ein. Nach drei Semestern wechselte er an die Universität Berlin und bestand dort schon 1835 seine Auskultatorprüfung, damals das Erste juristische Staatsexamen. Anfang Juli 1836 sollte der ostelbische Junker dann als Regierungsreferendar vereidigt werden. Doch seine starke Persönlichkeit drängte ihn eher zu einer größeren Unabhängigkeit in seinem Leben und somit fasste er 1838 den Entschluss, den Staatsdienst zu verlassen, um zusammen mit seinem Bruder das 550 Hektar große Familiengut zu verwalten.
Brillanter Rhetoriker
Bismarck verspürte früh das Gefühl, sich in der Gesellschaft zu engagieren. Sein erstes öffentliches Amt war die Funktion eines Deichhauptmanns. Zudem ließ er sich zum Stellvertreter des ritterschaftlichen Abgeordneten im sächsischen Provinziallandtag wählen. 1847 betrat er durch den Eintritt in den Vereinigten Landtag, ein von König Friedrich Wilhelm IV. einberufenes Ständeparlament, definitiv die politische Bühne. Schnell sollte er durch seine geschliffene und von Ironie, Spott und Zynismus markierte Rhetorik sich im politischen Umfeld einen Namen machen. Sein Profil entsprach dem eines unzweideutigen Fürsprechers einer traditionellen ständisch-monarchischen Ordnung.
Der spätere „eiserne“ Kanzler war ebenfalls als Journalist tätig und beteiligte sich an der Gründung einer konservativen Zeitschrift, die als Leitbild die Erhaltung der Unabhängigkeit des preußischen Königtums hatte. Sein erzkonservatives Denken stand im krassen Widerspruch zu der Märzrevolution von 1848. Der König verfügte nach den Unruhen am 5. Dezember 1848 die Auflösung der Nationalversammlung. Im Juli 1849 wurde ein neuer Landtag gewählt, dem auch Bismarck angehörte. In konservativen Kreisen behauptete sich das Ziel, einen deutschen Bundesstaat ohne die Habsburgermonarchie zu schaffen. Durch die „Olmützer Punktation“ vom 29. November 1850 kehrte Preußen allerdings in den Frankfurter Bundestag zurück. Im Rahmen der Debatten um diese Entscheidung in der Zweiten Kammer sollte Bismarck seine wohl wichtigste Rede seines Lebens halten und den Weg für höhere Aufgaben ebnen. Rund 11 Jahre verbrachte er anschließend als preußischer Gesandter in Frankfurt, St. Petersburg und Paris in der diplomatischen Laufbahn. Seit 1854 war er Mitglied der Ersten Kammer des Herrenhauses, als Vertreter des alten und befestigten Grundbesitzes im Herzogtum Stettin.
Preußischer Ministerpräsident und Außenminister in Personalunion
Die damalige politische Instabilität - 1854 brach der Krimkrieg aus, 1859 erlitt Österreich schwere Niederlagen - sollte Bismarck immer mehr auf den großen politischen Plan berufen. Doch die sich 1857/58 in der preußischen Führungsspitze vollzogenen personellen Veränderungen - im Oktober 1858 übernahm Prinz Wilhelm die Regentschaft in Preußen, litt doch König Friedrich William IV. an einer Geisteskrankheit - bremste Bismarck vorerst aus. Im Januar 1859 wurde er nach St. Petersburg versetzt.
Als Wilhelm I. den preußischen Thron nach dem Tod seines Bruders übernahm, rückte Bismarck wieder näher ins Zentrum der Macht: Am 8. Oktober 1862 wurde er definitiv zum Ministerpräsident und Außenminister ernannt. Die Krise um Schleswig-Holstein 1863 sollte ihn aus der deutschlandpolitischen Defensive herausführen. Am 1. Februar 1864 brach ein Krieg mit Dänemark aus, der zugunsten von Preußen endete. Dieser Konflikt mündete aber dann in einen Krieg mit Österreich, der am 3. Juli 1866 bei Königgrätz zu einer verheerenden Niederlage der Österreicher führte. Daraufhin kam es zur Auflösung des Deutschen Bundes, dem auch Luxemburg seit 1815 angehörte. Preußen gewann nun erheblich an Territorien hinzu.
1867 wurde Bismarck, der übrigens fließend Französisch und gut Englisch sprach und 1865 in den Grafenstand erhoben worden war, zum Bundeskanzler ernannt. Zu dieser Zeit war unser Land fast für fünf Millionen Gulden an Frankreich verkauft worden! Doch die öffentliche deutsche Meinung war entschieden gegen diesen Verkauf, und bei der internationalen Konferenz 1867 erlangte Luxemburg das Neutralitätsstatut.
1871 zum Reichskanzler ernannt
Die Beziehungen zu Frankreich sollten sich dann zusehends verschlechtern und es kam zum Krieg gegen Napoleon III., der in einem Fiasko für die Franzosen endete. Im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles fand die Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 statt: Das Deutsche Reich war gegründet und Bismarck zum Reichskanzler ernannt. Mit 56 Jahren stand er nun auf dem Gipfel seiner politischen Karriere. Es folgte eine bedeutende Reformära: 1873 Verstärkung des staatlichen Aufsichtsrechtes über die Kirche durch die Maigesetze und 1875 Einführung der obligatorischen Zivilehe. Ein Kulturkampf sollte die Folge sein. Bismarcks wichtigstes innenpolitisches Projekt war die in den 1880er Jahren vollzogene Sozialgesetzgebung.
Als nach dem Tod von Kaiser Friedrich III. dessen ältester Sohn Prinz Wilhelm die Nachfolge übernahm, brach ein offener Konflikt mit dem Reichskanzler aus. Vor allem die Arbeiterfrage und die Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie entzweiten die beiden Antagonisten. Mit der Entlassung Bismarcks endete am 18. März 1890 die Ära des großen Staatsmannes. Nach dem Abschied von der Macht strahlte sein Stern aber weiter. Bereits zu seiner Lebenszeit setzte ein regelrechter Kult um ihn ein, wie die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag bezeugten. Ihm, dem die Schaffung des Deutschen Reiches gelang, wird heute noch die Krone als den bedeutendsten deutschen Staatsmann des 19. Jahrhunderts aufgesetzt. Sein Mythos lebt weiter.
Bibliografie: Kolb Eberhard, Bismarck, Verlag C.H. Beck, 2. Auflage, 2014


