COLETTE MART

Ein Mädchen aus einem Geschäft bleibt in ihrem Herzen immer ein Mädchen aus einem Geschäft. Dies wäre die grundsätzlich wichtige Erkenntnis im Zusammenhang mit der Angelegenheit um Familienministerin Corinne Cahen, die von ihrer beruflichen E-Mail aus ein Schreiben an den hauptstädtischen Geschäftsverband gerichtet hatte, dem sie lange vorstand, um mehr Einsatz für die Belange der Geschäftsleute im Bahnhofsviertel zu fordern.

Seit Corinne Cahen 2013 in die Regierung berufen wurde, haftet ihr ihre Herkunft an. Nicht selten wurde sie dafür besonders in den sozialen Netzwerken gehänselt und ihr angeraten, lieber wieder Schuhe zu verkaufen statt Politik zu machen. Dabei wissen Kinder aus einem Geschäft wesentlich mehr über den Ernst des Lebens und die Verantwortung in einem Familienunternehmen als zum Beispiel Kinder aus Familien mit festem Monatseinkommen.

Im Sinne der Diversität in der Politik ist es sehr wichtig, dass auch Kleinunternehmer, oder deren Kinder den Sprung in die Verantwortung schaffen, weil sie Aspekte des Lebens mit in die politische Diskussion einbringen können, die andere Berufsgruppen überhaupt nicht kennen. Die Unsicherheiten der Monatsenden, die Verpflichtungen, das Personal zu bezahlen, sind einige Beispiele für jene Realitäten, mit denen viele Kinder von Geschäftsleuten aufwachsen. Das mag sie auch sensibler machen im Umgang mit Geld - auch öffentlichen Geldern natürlich. Für Geschäftsleute in der Politik gilt demnach das Gleiche wie für andere Berufsgruppen. Eine Ministerin, oder ein Abgeordneter bleibt das was er ist und war, also demnach Anwalt, Arzt, Journalist oder Beamter, sie bringen die Blickwinkel aus ihrer Erfahrung in die Politik ein, und das ist auch gut so.

Dass Corinne Cahen sich also für das Schicksal der Geschäftsleute am Bahnhof interessiert, ist normal, dass sie mitredet und ein Schreiben an ihre früheren Kollegen des Geschäftsverbandes richtet, ist auch in Ordnung. Allerdings war es ein Fehler - und dafür hat sie sich entschuldigt - das Schreiben aus dem Familienministerium und mit ihrer Signatur als Ministerin zu schicken, und so den Eindruck aufkommen zu lassen, sie würde ihre Position dazu nutzen, um Einfluss zu nehmen. Die Unterstellung an Corinne Cahen, sie habe mit ihrem Brief, in dem sie eine Reihe von Vorschlägen zugunsten aller von der Tram-Baustelle betroffenen Geschäftsleute macht, Eigeninteressen bedient, ist weit hergeholt.

Leider hat die ganze, von der politischen Opposition befeuerte Entrüstung über besagten Brief den Anlass dafür völlig in den Hintergrund gedrängt, nämlich die ganz realen Probleme und Entwicklungen im hauptstädtischen Handel, der in einer Phase großer Herausforderungen ist.

Wollen wir hoffen, dass der gestrige Antrag Corinne Cahens, ihr Verhalten vom Ethikrat prüfen zu lassen zur Objektivierung einer überzogenen Polemik führt und die Probleme des Handels dabei nicht vergessen werden. Denn der ist mehr denn je auf die Unterstützung der Kunden und der Politik - über alle Parteigrenzen hinaus - angewiesen.