LUXEMBURG
CATHERINE NOYER

Aus eins mach zwei – die Rückseite der Seidentücher wird zur neuen Vorderseite

Seit 1937 gibt es das „Carré Hermès“. Das erste Tuch „Jeu de l’omnibus et des dames blanches“ wurde in den Hermès Seidenwerkstätten in Lyon hergestellt, einem Ort, der seit nunmehr 83 Jahren nicht gewechselt wurde. Nicht nur der Ort ist geblieben, sondern ebenfalls die Art und Weise der Herstellung des berühmten Seidenschals.

Rund zwei Jahre dauert die Herstellung von der Entwicklung des Entwurfs bis zum fertigen Carré. Wichtigster Teil ist dabei der Druck des Seidentwills, eine traditionelle Art, die typisch für die verschiedenen Seidenwerkstätten in Lyon ist. Gedruckt wird „à la lyonnaise“ in Flachrahmentechnik, die nichts anderes ist als ein Siebdruck.

Um die Vorlage als Siebdruck umzusetzen, wird das Dessin zunächst nach Farben aufgeteilt. Da ein Siebdruck mit verschiedenen Rahmen hergestellt wird – jeweils ein Rahmen für eine Farbe – ist der Druck recht aufwendig. Je nach Farbkomposition können es 36 oder mehr Farben sein.

Die der Vorlage entsprechenden Farben werden durch ein Team von Koloristen gemischt, die über eine Palette von Basisfarben verfügen, mit denen die Farben des jeweiligen Carrés komponiert werden. Weit über 70.000 Farbmischungen wurden bisher verwendet, Farben, die alle auf Stoffstreifen archiviert werden und auf die zurückgegriffen werden kann.

Aluminiumrahmen mit Polyestergewebe

Die Aluminiumrahmen haben eine Oberfläche aus Polyestergewebe, bei der das Motiv in der jeweiligen Farbe frei bleibt und der Rest des Rahmens abgedeckt wird. So kann die Farbe durch das freie Raster auf den zu bedruckenden Stoff aufgebracht werden.

Gab es bisher eine Vorder- und eine Rückseite der Carrés, so präsentiert Hermes in diesem Jahr als Innovation einen Schal mit zwei Vorderseiten in verschiedenen Farben. Für das Pariser Luxushaus war dieser Druckprozess eine Herausforderung, mit der eine noch größere Farbenvielfalt auf einem einzigen Tuch erzielt werden konnte. Das bedeutet zwei Schals in einem mit demselben Motiv aber in einer anderen Farbe und der Möglichkeit das Tuch je nach Seite als neues Accessoire zu variieren.

Wie es allerdings den Seidendruckspezialisten in Lyon gelungen ist das Tuch beidseitig zu bedrucken ohne die Struktur des Twills oder dessen Transparenz zu verändern, bleibt das Geheimnis des Hauses. Es sei ganz allein dem Erfindungsgeist und der Ausdauer der Handwerker in den Werkstätten zu verdanken, denen es gelungen sei, die Grenzen ihres Know-hows sehr weit zu stecken, um diese neue Drucktechnik beherrschen zu können.