COLETTE MART

Die Veröffentlichung eines kritischen Artikels zur Wiedereröffnung des „AfricaMuseums“ in Brüssel auf der luxemburgischen Plattform „Reporter.lu“ sollte auch bei uns eine dringend anstehende Diskussion um das koloniale Erbe im Rahmen des Nord-Süd-Dialogs ankurbeln. Ein wichtiger Denkanstoß von Kollegin Charlotte Wirths Artikel besteht darin, dass es zwar zu einem Umdenken in der Konzeption des Brüsseler Museums gekommen ist, in dem über ein Jahrhundert der belgische Kolonialismus zelebriert wurde, aber keineswegs zu einem wirklichen Dialog mit der afrikanischen Diaspora in Brüssel.

Die Nachricht aus der belgischen Hauptstadt ist auch für uns und unser Geschichtsbewusstsein wichtig, weil Belgiens ehemalige Kolonie Kongo auch viele Luxemburger angezogen hat, was dann auch in dem Buch „Cette colonie qui nous appartient un peu: la communauté luxembourgeoise au Congo belge“ von Régis Moes aufgearbeitet worden ist. Desweiteren gibt es in der Kultur sehr interessante Ansätze zur Darstellung unserer Luxemburger Kolonialgeschichte. Jeanine Herrmann-Grisius, luxemburgisch-ruandisches Mischlingskind, schrieb ein eindrucksvolles Buch über die Trennung von ihrer ruandischen Mutter, und in dem sensiblen Film „Un noir parmi nous“ von Fränz Hausemer wurde die traurige Geschichte des Mischlingskindes Jacques Leurs dokumentiert.

Mittlerweile gibt es auch in Luxemburg eine afrikanische Diaspora, das Kulturzentrum Neumünster zeigte sich auch offen für Denkanstöße und Produktionen in Bezug auf Afrika, es gibt Vereinigungen von Kapverdiern, Senegalesen und Kamerunern, um nur einige zu nennen, die aber in wichtigen politischen Debatten der Aktualität, wie zum Beispiel der Migrations- und die Entwicklungshilfepolitik, grundsätzlich nicht impliziert werden.

„Das Herz der Finsternis“, das Joseph Konrad in seinem Weltbestseller beschreibt, existiert also auch immer noch irgendwo in der europäischen Gesellschaft, und auch mitten in uns.

Und hier wäre der ausgezeichnete Satz von Charlotte Wirth zum Kolonialismus und seinen Ausläufern zu zitieren: „Kolonialismus war keine Krankheit,
die nur jene befiel, die in fremde Welten zogen…. Es war ein Herabschauen auf das „Andere“, das „Fremde“, das sich durch die gesamte Gesellschaft zog.“

Eine wirkliche Aufarbeitung der kolonialen Geschichte wurde bei uns erst ansatzweise geschrieben. Vor allem jedoch seine Implikationen auf das Denken und das politische Handeln wurden noch nicht analysiert. In den Luxemburger Nicht-Regierungsorganisationen werden kaum Afrikaner ausgemacht, es wird keineswegs ein Dialog mit ihnen gesucht, und es wird auch viel zu selten daran erinnert, dass wir zwar afrikanische Flüchtlinge bei uns aufnehmen, aber trotzdem eine EU-Politik unterstützen, im Rahmen derer viele Afrikaner im Mittelmeer ertrinken. Dies bedeutet, dass in keiner politischen Debatte der Aktualität ein wirkliches Umdenken stattgefunden hat, und dass nirgendwo die afrikanische Diaspora als gleichberechtigter Partner mit am Diskussionstisch sitzt. In der Kooperation, in der Forschung und in der Kultur gibt es also für die neue Luxemburger Regierung sehr viel zu tun, und sehr Vieles grundsätzlich anders anzugehen.