Im April 2014 erregte die Entführung von 276 nigerianischen Mädchen aus einem Internat in Chibok internationales Aufsehen. Durch dieses Verbrechen, das sich gezielt gegen westliche Mädchenbildung in Nigeria wendete, wurde auch die schwarzafrikanische Terrorbewegung Boko Haram in der Weltöffentlichkeit bekannt. Die Mädchen wurden weder gefunden noch befreit, denn sie werden in dem sumpfigen, undurchdringlichen Sambisa-Wald im Nordosten Nigerias gefangen gehalten; also, wie Schriftsteller Joseph Conrad es umschreiben würde, im Herz der Finsternis.
Einigen Mädchen gelang die Flucht, woraufhin „Die Zeit“ sie interviewte. Sie vermitteln Aufschlüsse über ihre persönlichen Traumata, jedoch ebenfalls über die zersetzenden Konsequenzen des islamistischen Terrors in Afrika. Die Mädchen von Chibok sollten in der Tat führende Positionen im Aufbau einer islamistischen Gesellschaftsordnung bekommen. Boko Haram schuf in den Wäldern Nigerias eine Welt, die Conrads „Herz der Finsternis“, dem daraus resultierenden Film „Apocalypse Now“ von Francis Coppola, sowie allgemein einer Konzentrationslagerlogik in nichts nachsteht.
Die „Kämpfer“ der Terrorbewegung stammen aus einem Ländereck, wo Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun aneinander grenzen, und zu den ärmsten Regionen der Welt gehört. Frauen sind für Boko Haram eine Ware, eine Währung, die von der islamistischen Sekte propagierte Gesellschaftsordnung gründet auf Sklaverei; Menschen werden in Sammellagern festgehalten, dann in den Wald verschleppt und müssen dort in der Wildnis, unter Bäumen und zwischen gefährlichen Tieren, weiterleben. Essen wird durch Raubüberfälle angeschafft. Frauen werden vergewaltigt, müssen die Kinder ihrer Peiniger austragen. Familienbanden werden auf diese Weise zerstört. Christen werden zwangsweise zum Islam bekehrt, Menschen werden geköpft, gesteinigt, kleine Kinder werden sich selbst überlassen und sterben in der Wildnis. Todesmärsche, Massenhinrichtungen, Manipulation sind weitere Aspekte, die an einem Konzentrationslagersystem rühren, das uns alle interpellieren sollte, auch wenn der Samisa-Wald weit weg liegt.
Es ist davon auszugehen, dass sich derzeit tausende nigerianische Mädchen und Frauen mit ihren Kindern, in der Gefangenschaft von Boko Haram befinden. Diejenigen, die dieser Hölle entkamen, kommen in zerstörte und geplünderte Dörfer zurück, haben ihre Lebensgrundlage und ihre Familien verloren, und tragen die Kinder ihrer Vergewaltiger. Darüber hinaus wütet Boko Haram in einer Region, in der es viele Völker und Sprachen gibt; die einzelnen ethnischen Gruppen wurden gegeneinander aufgehetzt, und das Gleichgewicht einer ganzen Region untergraben.
Die Ausbreitung des islamistischen Terrors in Afrika ist verheerend auf zahlreichen Ebenen: Der Überfall von Hotels in Äthiopien zum Beispiel untergräbt die Entwicklung des Tourismus in diesem Land, der den Menschen wirtschaftlich weiterhelfen könnte. Der Terrorismus schafft Armut und hetzt soziale Gruppen gegeneinander auf. Er liefert also auch einen Beitrag zu jener Flüchtlingsproblematik, die die afrikanischen Probleme jetzt nach Europa bringt und mit denen wir uns dringend befassen müssen.
Bibliographische Referenz:
Zeitmagazin /Das Leben nach der Hölle


