LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Claire Parsons legt mit „In Geometry“ ein gefühlvolles Album vor

Wenn es um die britisch-luxemburgische Sängerin und Musikerin Claire Parsons geht, werden regelrechte Lobeshymnen gesungen. Ihre Vielseitigkeit und ihr Talent hat die 27-Jährige bereits bei vielen Musikprojekten unter Beweis gestellt. Nun hat sie mit ihrem Quintett das Album „In Geometry“ vorgelegt. Darauf zu hören: moderner Jazzsound in Form von neun gefühlvollen Songs, die einerseits von ihrer klaren Stimme getragen werden, sich andererseits durch lange musikalische Passagen auszeichnen. Eigentlich hätte zur Album-Veröffentlichung eine kleine Release-Tour gehört, doch die Corona-Pandemie brachte auch ihre Pläne durcheinander.

„Der Frühling ist immer ein Höhepunkt in der Agenda von Musikern, eigentlich ist es die aktivste Zeit, was Konzerte anbelangt. Auch ich war darauf eingestellt, Gas zu geben, weil ich gerade Anlauf genommen hatte, und wurde dann brutal abgebremst. Finanziell hatte man eine solche Situation ja auch nicht eingeplant“, gibt die Jazzmusikerin zu bedenken. Am Anfang sei sie deshalb etwas desorientiert gewesen, habe sich aber schnell gefangen und die Zeit kreativ genutzt. „Ich habe viele Kompositionen geschrieben und konnte mich auch besser auf meinen Master konzentrieren. Eben habe ich die letzten Dossiers eingereicht“, freut sie sich.

Release ohne Konzert

Zumindest konnte das neue Album planmäßig erscheinen. Das Label Double Moon Records hielt am ursprünglichen Veröffentlichungstermin fest, obwohl eine digitale Release ohne Konzert im Jazz-Bereich eher unüblich ist. „An diesem Samstag hätten wir im ,Gudde Wëllen´ spielen sollen, und am letzten Wochenende waren Auftritte bei drei Festivals geplant. Nun mussten wir die Strategie eben ändern und uns am Pop-Bereich inspirieren, wo man sich sehr auf die Online-Veröffentlichung fokussiert. Die Release-Konzerte werden wir dann im Herbst nachholen“, erklärt Claire Parsons.

Mit „wir“ ist ihr Quintett gemeint, dem Bassist Pol Belardi, Schlagzeuger Niels Engel, Pianist Jérôme Klein und der israelische Gitarrist Eran Har Even angehören. „In Geometry“ ist aus dieser multinationalen Kollaboration heraus entstanden, will heißen, jeder der Musiker hat mit seinem Stil und seinen Visionen zum Ergebnis beigetragen. „Musik schreibe ich schon lange, sie muss aber auch gespielt werden, und da ist es mir wichtig, dies mit Leuten zu tun, die Spaß daran haben und ihre Ideen mit einbringen. Die vier Musiker respektiere ich sehr und schätze ihre Meinung und Musikalität. Diese Zusammenarbeit bereichert die Musik extrem“, schwärmt Claire Parsons.

Viel Freiraum

Zwar stammt die Vorlage, also jede Komposition von ihr, wie sie danach klingt, ist aber das Resultat eines gemeinschaftlichen Prozesses. „Der Rhythmus oder der Groove des Stücks entsteht beispielsweise im Zusammenspiel. Welcher Musiker welchen Part oder welche Rolle übernimmt, wird ebenfalls gemeinsam entschieden. Das war das einzige, was vielleicht etwas schwieriger war, weil wir mit der Gitarre und dem Piano ja zwei Instrumente haben, die die Harmonien tragen können. Ansonsten lief der Prozess ganz natürlich ab. Im Jazz haben die Musiker ja ohnehin viele Freiheiten, wie sie die Musik spielen, es gibt keine klassische Partitur“, erfahren wir.

Und wie geht Claire Parsons beim Komponieren vor? „Meistens ist die Melodie zuerst da, und dann erst folgt der Text. Für mich ist es einfacher, mich in Musik auszudrücken“, antwortet sie. Als Inspiration würden ihr derweil oft Menschen aus ihrem Umfeld dienen. „Wenn ich ein Lied schreibe, denke ich häufig an eine konkrete Person und versuche dann herauszufinden, was mich in dem Moment beschäftigt, und das setze ich dann in Wörter um oder gebe dem eine Symbolik. Das ist immer der erste Anhaltspunkt, und danach kann es in viele Richtungen gehen. Als große Poetin würde ich mich nicht bezeichnen. Meine politischen Meinungen lasse ich thematisch auch nicht einfließen, dafür aber meine Grundwerte. Und da sind Frieden und Liebe wesentlich“, beschreibt sie.

Einladung zur Reise

Mit dem Album „In Geometry“ hofft sie, die Leute mit auf eine Reise zu nehmen. „Ich wünsche mir, dass sie beim Hören den Eindruck haben, durch eine kleine Parallelwelt zu spazieren, irgendwie in einem anderen Film zu sein. Das sollen auch die Zeichnungen der Illustratorin Astrid Rothaug vermitteln, mit der ich für das Booklet zusammengearbeitet habe“, erzählt die junge Frau. Der Albumtitel fiel ihr indes im letzten Sommer während einer Reise mit dem Camper durch Norwegen ein. „Die Panoramen haben mich total beeindruckt. Manchmal ist man desorientiert, wenn man sich so frei fühlt. Da habe ich mir gedacht, dass ich mich an sich die ganze Zeit in der Geometrie bewege. Punkte, Linien und Kurven, das sind die Komponenten, an denen man sich orientiert. Ja und dann habe ich mich auch sehr mit den verschiedenen Facetten der Geometrie in Bezug auf die Musik beschäftigt und viele interessante Bücher dazu gelesen. Es gibt Theorien, wie Musik eine geometrische Form annimmt. An sich ist Musik ganz mathematisch“, weiß sie.

Liebe auf den ersten Klang

Obwohl Claire Parsons generell als Jazzsängerin und -musikerin beschrieben wird, sind viele andere Einflüsse in ihrer Musik unverkennbar. Kann man sie überhaupt in eine Schublade stecken? „Im Herzen bin ich definitiv Jazzmusikerin. Ich mag die Theorie und vor allem die Philosophie des Jazz. Das alles nehme ich mit in meinen musikalischen Prozess. Jazz ist für mich ganz klar der Überbegriff davon, wie ich Musik empfinde, wie ich sie analysiere und wahrnehme, und auch wie ich komponiere. Aber an Musik höre ich eigentlich alles gerne, und zwar stundenlang am Tag. Ich bin eine echte Musikfanatikerin. Das spiegelt sich wahrscheinlich automatisch in meiner Musik“, antwortet sie.

Angefangen hat Claire Parsons im Alter von fünf Jahren mit klassischer Musik. Jazz kam später. „Mit 13 war ich eher in einer Rockphase“, lacht sie. Und dann hörte sie ihre erste Stride-Piano-CD. „Das war Liebe auf den ersten Klang. Sofort wollte ich das lernen, ohne zu wissen, welches Genre es überhaupt ist. Die ersten Kurse, die ich dann belegt habe, waren im Jazz-Piano. Das Singen kam sehr spät, da Gesangsunterricht in unseren Musikschulen erst ab 16 Jahren möglich ist und dann auch nur klassischer Gesang, kein Jazzgesang. Damit habe ich erst an der Uni angefangen und hatte einiges nachzuholen“, gibt sie zu. Die Stimme sieht sie übrigens ebenso als Instrument wie die Gitarre oder das Klavier. „Wie jedes andere Instrument muss man es auch lernen, nur dass eben jeder Mensch dieses Instrument hat“, sagt sie.

Vielseitig unterwegs

Ihre Stimme als Instrument setzt Claire Parsons in vielen verschiedenen Formationen ein. „Jedes Projekt ist eine Bereicherung, ich würde mich nie nur auf ein einziges konzentrieren. Ich packe alle Gelegenheiten beim Schopf, egal um welchen Musikstil es sich handelt, da bin ich ganz offen. Wenn mich jetzt ein Rapper fragen würde, ob ich mit ihm singen wollte, würde ich auch das gerne machen, einfach der Musik wegen. Und um zu lernen, wie man rappt“, meint sie lachend. Davon einmal abgesehen gibt die junge Frau auch Unterricht an einer Musikschule. Wie bekommt man das alles unter einen Hut? „Dieses Jahr bin ich tatsächlich etwas an meine Grenzen gestoßen. Gerade jetzt während der Corona-Krise ist mir bewusst geworden, dass ich schon lange nicht mehr auf meinen Körper gehört habe und vielleicht nicht mehr ganz so viel machen sollte. Zumindest kann ich die Uni jetzt hinter mir lassen, dann wird es ja schon mal automatisch etwas weniger“, überlegt sie. Dafür kommt die Konzertplanung aber langsam wieder in Fahrt. Am 13. Juli steht etwa ein Auftritt im neimënster an.

Angesichts der geltenden Abstandsregeln finden Konzerte aber vor reduziertem Publikum statt. Claire Parsons nimmt es mit Humor: „Als Jazzmusiker ist man daran gewöhnt, vor wenig Zuschauern zu spielen. Die Jazz-Gemeinschaft in Luxemburg und der Großregion ist relativ überschaubar, dafür ist es aber ein sehr leidenschaftliches und treues Publikum. Das ist mir lieber, als ein großes, oberflächliches Publikum vor mir zu haben.“ •