BERBOURG
CORDELIA CHATON

Der Spenglerbetrieb Ferisol fing mit dem papierlosen Büro an – und ist noch nicht fertig

Wer zu Ferisol in den Osten von Luxemburg fährt, der trifft auf einen Spenglerbetrieb der besonderen Art. „Spengler“, sagt Geschäftsführer Michael Kirchen, „das sind auf Luxemburgisch die Blechleger, auf Französisch die Ferblantiers. Wir machen alles, was mit Metallfassaden und –dächern zu tun hat.“ Das Unternehmen aus Berbourg hat das Studentenwohnheim in Esch/Alzette mit grauem Aluminium verkleidet oder das Patton-Museum in Ettelbrück mit einer gelochten Paneelfassade versehen. Auch die Sporthalle in Strassen oder Amphibienschutz für Frösche hat Kirchen schon in seinem Unternehmen gefertigt, das zwölf Mitarbeiter außer ihm und seiner Frau Christiane zählt. Das Besondere am Handwerksbetrieb ist, dass Ferisol schon ganz früh auf Digitalisierung gesetzt hat. Damit hat Kirchen sich einen solchen Namen in der Branche gemacht, dass er nicht nur Vorträge in Deutschland und der Schweiz gehalten hat, sondern im Januar auch in Thailand, wie er mit leuchtenden Augen erzählt. „Das war nicht das erste Mal!“

Schnellere Abläufe und mehr Transparenz

Der Meister ist die treibende Kraft hinter der Entwicklung. „Wenn ich das als Geschäftsführer nicht mache, dann klappt es nicht“, ist er überzeugt. Als er vor rund 14 Jahren damit anfing, wollte Kirchen vor allem einfachere Prozesse und weniger Papier im Büro. Also erhielt jeder der Mitarbeiter ein iPhone und iPad. Die waren damals noch richtig teuer. „Viele Kollegen in anderen Unternehmen haben mich für verrückt erklärt“, lächelt Kirchen. Aber was der Spengler-Meister will, das setzt er durch. „Wir haben rund 80 Prozent unserer Digitalisierung selbst mit Apple-Lösungen durchgeführt“, versichert er. Auf Lösungen von der Stange könne man nicht hoffen. Die Kosten? „Die lagen bei 25.000 Euro. Aber vor allem kostet es Herzblut und Energie“, versichert der energische Chef.

In seinen Augen ist Hartnäckigkeit beim Thema Digitalisierung das Wichtigste. „Schließlich muss man auch mit Rückschlägen leben“, hat er gelernt. Digitalisierung ist in den Augen von Kirchen ein ideales  Mittel, sein eigenes Unternehmen anders und neu kennen zu lernen. „Denn man muss sich Zeit nehmen, sich zu fragen, warum man etwas macht und warum man es so macht.“ Viele Kollegen, hat Kirchen beobachtet, scheiterten, weil sie ihre Prozesse nicht kennen.

Wenn die Ferisol-Mitarbeiter heute auf die Baustelle fahren, dann können ihre Kollegen in der Werkstatt und im Büro die Ergebnisse des Aufmessens in Echtzeit mitverfolgen. Oder auf dem Weg zum Kunden schon mal nachsehen, was zuletzt gemacht wurde. Denn Ferisol hat mittlerweile über 50.000 Fotos in der Cloud, auf die alle jederzeit Zugriff haben. „Ich kann mein Unternehmen jetzt jederzeit von überall führen und muss nicht mehr am Schreibtisch sitzen“, freut sich der Geschäftsführer und verweist auf einen Krankenhausaufenthalt, bei dem er trotzdem weiter auf dem Laufenden war und Input geben konnte. „Die Digitalisierung sorgt für schnellere Abläufe, mehr Transparenz und verständlichere Prozesse. Ich weiß jetzt viel genauer, was wie wo läuft.“ Noch ist nicht alles papierlos. „Wir digitalisieren nur, wenn es auch etwas bringt.“

Darüber hinaus hat ihm die Digitalisierung geholfen, als es 2011 in seinem Betrieb brannte. „Da hatten wir Glück, weil nicht alles verbrannt ist. Denn das kann existenzbedrohlich sein.“ Anschließend legte Kirchen noch mehr Wert darauf, dass alles gescannt wird und lässt das Argument „keine Zeit“ nicht gelten. „Für andere mag Digitalisierung Luxus sein. Für uns ist sie Alltag.“ Die Digitalisierung trägt auch zur Optimierung von Arbeitsabläufen bei. Daran arbeitet unter anderem Christopher Schilz. Der Bauingenieur kam als Student für einen Ferienjob, fand Gefallen am Betrieb und Metier, arbeitete quasi berufsbegleitend weiter bei dem Handwerksunternehmen und machte noch eine Ausbildung zum Spengler. Schilz schätzt, dass der Betrieb wendig und offen ist, aber auch, dass es ein gutes Klima und Freiheiten gibt. Mittags kocht die Belegschaft zusammen in der eigens dafür eingerichteten Küche. Das kommt gut an. Digitalisierung sorgt bei der Personalsuche für ein interessantes Image.

In der Coronakrise erwies sich die Digitalisierung als Vorteil für das Handwerksunternehmen. Kunden waren offener für neue Ansätze. Eine Online-Beratung für eine Fassade oder eine Telefonkonferenz erschienen plötzlich akzeptabel. „Wenn man digitalisiert, dann sollte man auch an seine Arbeitgebermarke denken“, lächelt Kirchen.

Stolz ist Kirchen nicht nur auf seine Marke, sondern vor allem auch auf sein Personal. „Die sind hier richtig ausgebildet und ziehen super mit. Wenn sie heute mit Kollegen sprechen und denen erzählen, dass wir in den Fotos Tracking-Codes mit Infos haben, dann sind die schon erstaunt“, freut sich der Chef. Er stellt seine Mitarbeiter regelmäßig auf Facebook vor. Unter den Handwerksbetrieben ist Ferisol längst über die Grenzen Luxemburgs hinaus bekannt.

www.ferisol.lu