MONT SAINT-MICHEL
HELMUT WYRWICH

Das Abschalten des AKW Fessenheim ist kein Einstieg in den Ausstieg

Staatspräsident Emmanuel Macron ist kein Gegner der Kernkraft. Er befürwortet sie im Gegenteil und steht damit in der Kontinuität französischer Politik. Wenn dennoch einer der beiden Reaktoren des ältesten französischen Kernkraftwerkes vom Netz genommen wird, dann ist das eine politische Entscheidung, die er nicht getroffen hat, die er aber vollzieht. Gleichzeitig beschließt das „Hexagon“ - wie Frankreich wegen seiner Form auch genannt wird - aber Studien für sechs neue Reaktoren einer neuen Generation.

Die Schließung des Reaktors 1 in Fessenheim ist eine Zeitenwende, weil sie politisch begründet ist. Frankreich wendet sich nicht von der Kernkraft ab, stellt sie aber erstmals in ein Energiekonzept, das auch andere Energiearten akzeptiert. Seit den Ölkrisen in den 1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sah Frankreich die Unabhängigkeit seiner Energiepolitik nur durch die Atomkraft gewährleistet. Staatspräsident Charles de Gaulle hatte noch auch auf Gezeitenkraftwerke, Wasserkraft und ein Gemisch aus Energien gesetzt. Sein Nachfolger Georges Pompidou richtete die Energiepolitik in Richtung Kernkraft aus.

Kernkraftstrom gehört zu den teuren Energien

Die Begründungen haben sich im Laufe der Jahre geändert. Es war zunächst die französische Energiesouveränität um die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren. Dann war es das Preisargument. Kernkraftstrom war lange Zeit sehr preiswert, gehört jetzt aber mit 52 Euro pro Megawatt/stunde zu den teuren Energien. Heutzutage stützt Frankreich seine Kernkraft mit dem Umwelt-Argument. Man stoße nur deswegen so wenig Kohlenstoffdioxid aus, weil man die saubere Kernkraft besitze, heißt es. Das bleibt als Argument anzweifelbar, weil es die „virtuellen“ Umweltkosten, wie Strahlung, Lagerkosten, und Gefahren für das Grundwasser nicht berücksichtigt. Geändert hat sich in Frankreich die Sicht auf die Atomenergie. Lange Zeit stand eine Mehrheit der Franzosen hinter ihr. Einer jüngsten - repräsentativen - Umfrage zufolge halten sie 46 Prozent der Franzosen nun für zu teuer und sogar umweltschädlich. Ein deutlicher Umschwung der öffentlichen Meinung, der nun im Gegensatz zur offiziellen Politik steht.

Frankreich wird sich von Kernenergie nicht trennen. Die Halbinsel Cotentin in der Normandie ist ein geografischer atomarer Schwerpunkt. Hier befindet sich die Wiederaufbereitungsanlage „La Hague“, steht die Anlage von Flamanville mit zwei Reaktoren, neben denen derzeit der Reaktor der neuen Generation, „EPR“, gebaut wird. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire hat gerade eine Studie in Auftrag gegeben, wann, wo und wie Frankreich sechs neue „EPR“ bauen kann. Le Maire will das alte System von Staatspräsident Georges Pompidou weiterführen. Der hatte die französische Kernenergie auf das System des US-Konzerns Westinghouse festgelegt und mit dem Bau von 58 Reaktoren eine Serienproduktion eingeführt. Le Maire will mit sechs „EPR“ ebenfalls die Vorteile einer Serienproduktion nutzen.

Allerdings befindet sich Frankreich derzeit in einer Sackgasse. Der „EPR“ sollte ursprünglich drei Milliarden Euro kosten. Jetzt ist der Bau bei 12 Milliarden angelangt. Auch die Bauzeit liegt bereits beim Dreifachen der geplanten Zeit. Die Expertise für den Bau von Kernkraftwerken, von denen das letzte in den 1980er Jahren gebaut wurde, ist verlorengegangen. Frankreich zeigte sich dennoch derart überzeugt von seinem neuen Reaktor, dass es ihn bereits exportierte. Allerdings gibt es auch in Großbritannien Schwierigkeiten. An Finnland zahlten die Franzosen einen dreistelligen Millionenbetrag als Entschädigung, weil Fristen nicht eingehalten wurden.

Frankreichs Nuklearindustrie hat nach der Katastrophe von Fukushima in Japan, wo ein Kernkraftwerk von einem Tsunami zerstört wurde, ein umfangreiches Nachrüstprogramm aufgelegt. Der Stromkonzern bessert für insgesamt 50 Milliarden Euro Sicherheit nach. Die Anlage in Cattenom lädt die Journalisten nach der jährlichen Pressekonferenz im März ein, einen Dieselmotor zu besichtigen, der außerhalb der Reaktoren angebracht ist, und im Fall der Fälle die nötige Energie produzieren soll, damit der Reaktor weiter beherrscht werden kann.

Frankreich will in seinem zukünftigen Energiemix die Kernkraft auf einen Anteil von 50 Prozent zurückführen. Der Rechnungshof der Republik meint, dass dazu insgesamt 17 Reaktoren stillgelegt werden müssten. Zu dem vor einem Monat vorgelegten Programm von 14 stillzulegenden Reaktoren müssten also noch drei hinzu kommen. Fessenheim ist nur der Einstieg in einen langfristigen Umbau der französischen Energie-Erzeugung, aber dennoch nicht der Ausstieg aus der Kernenergie.

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Abwracken als Herausforderung

Das Aus für Fessenheim 1 ist der Beginn einer ganzen Reihe von Abschaltungen


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Das Abschalten des Reaktors 1 der Nuklear Anlage in Fessenheim ist der Beginn einer ganzen Reihe von Abschaltungen, die bis 2035 erfolgen werden. Insgesamt legt Frankreich 14 der aktiven Reaktoren still. Der im Januar 2020 vorgestellte mehrjährige Plan sieht vor, dass bis 2035 sieben weitere Standorte mit je zwei Reaktoren stillgelegt werden: Blayais, Bugey, Chinon, Cruas, Dampierre, Tricastin und zwei Reaktoren von sechs der größten Anlage Frankreichs in Gravelines. Frankreich verfügt insgesamt über 19 Standorte mit 58 aktiven Reaktoren, darunter in Lothringen den Standort Cattenom mit vier Blöcken von je 1.200 Megawatt Leistung.
Diese massive Abschaltung von 14 Reaktoren innerhalb von 15 Jahren stellt die französische Atomindustrie vor Herausforderungen, von denen derzeit nicht geklärt ist, wie sie bewältigt werden sollen.

Atomruinen, zwei Jahrzehnte lang

Nach der Abschaltung liegt ein Reaktor zur Abkühlung fünf Jahre still, muss während dieser Zeit kontrolliert und bewacht werden. In den darauf folgenden fünf Jahren wird der Rückbau vorbereitet. Der eigentliche Abbau der Gebäude und der Nuklearteile dauert dann 15 Jahre. Insgesamt wird nach Vorstellungen des Stromkonzerns EDF ein Zeitraum von 25 Jahren nötig sein, um auf dem Gelände von Fessenheim wieder Rasen und Bäume wachsen zulassen. Bei 14 Kernkraftwerken, die in einem Zeitraum von 15 Jahren abgeschaltet werden, bedeutet das, dass EDF den letzten Reaktor abschaltet, während theoretisch in Fessenheim gerade der Rasen gesät werden kann. Der französische Stromkonzern muss für den Abbau von 14 Kernkraftwerken die Kosten für den Abbau aufbringen, das Personal finden und schulen, das es in dieser Spezialisierung in dieser Anzahl nicht gibt, die Technik zum Abbau entwickeln und auch die Frage der Lagerung der Abfälle klären. Frankreich hat mit Fessenheim 1977 den ersten Reaktor in Betrieb genommen. Keines dieser Probleme ist 43 Jahre später wirklich geklärt.
In Frankreich sind derzeit 40 Reaktoren abgeschaltet. Viele davon sind Forschungsreaktoren oder Prototypen. Nur neun sind industriell arbeitende Reaktoren wie Fessenheim gewesen. Das Problem dabei: Von den neun Abgeschalteten ist nur einer ein Druckwasserreaktor nach dem Typ von Fessenheim. Aber: Der ehemalige Staatspräsident Georges Pompidou sprach Anfang der 1970er Jahre ein Machtwort. Statt verschiedene Verfahren selbst zu entwickeln, entschied er, dass Frankreich eine Lizenz der US-Firma Westinghouse nahm und nach deren Modell Druckwasserreaktoren in Serie baute. Die zukünftig stillzulegenden Reaktoren sind daher alle vom selben Typ, allerdings mit 1.200 Megawatt größer ausgelegt als Fessenheim. Beschränkte Erfahrungen sammelt Frankreich gerade beim Abbau der 305 Megawatt-Anlage in Chooz in den Ardennen an der belgischen Grenze.
EDF rechnet gerade wegen des Serienbaus mit Kosten in Höhe von nur 40 Milliarden Euro für den Rückbau. Davon sind 19 Milliarden für den Rückbau vorgesehen, 11 Milliarden für die Behandlung der Kernbrennstäbe und zehn Milliarden für die Lagerung der strahlenden Abfälle. Der Serienbau soll über die gesammelten Erfahrungen den Rückbau der Anlagen zunehmend günstiger gestalten, nimmt das Unternehmen an. Eine Annahme, die Zweifeln unterliegt. Im Februar 2017 schrieben Parlamentarier, dass man im Hinblick auf deutsche Erfahrungen eher mit Kosten in Höhe des 2,4fachen jener 40 Milliarden Rückstellungen von EDF rechnen müsse.

Wohin mit dem strahlenden Müll?

Das größte ungelöste Problem in einem Land, das Kernreaktoren betreibt, ist das der Lagerung der Abfälle. Der Rückbau der französischen Kernreaktoren würde auf Dauer zwischen 2 und 2,3 Millionen Kubikmeter strahlender Abfälle verursachen, rechnet die Agentur für die Lagerung der atomaren Abfälle, Andra, vor. „wenn man ein Kernkraftwerk zurückbaut, dann sind 90 Prozent der Abfälle traditioneller Natur, die nichts mit Radioaktivität zu tun haben“, rechnet der Andra-Direktor für technische Operationen, Patrice Torrès, vor. „Nur zehn Prozent sind wirklich radioaktiv“. Die radioaktiven Abfälle fänden sich in drei Klassen wieder: „sehr schwach radioaktiv“, „schwach und mittel radioaktiv“ mit einer kurzen Strahlungszeit und „hoch radioaktiv“. Dieser letzte Teil sei aber gleichzeitig der kleinste. Es ist zum Beispiel der Reaktorkessel.
Im Département Aube verwaltet die Agentur zwei Lagerstätten. Eine sollte ursprünglich 50 bis 60 Jahre benötigen, um gefüllt zu sein. Ihre Kapazität von 650.000 Kubikmetern ist allerdings mit 400.000 Kubikmetern bereits gut ausgelastet. Andra will im Jahre 2022 Anträge stellen, um die Kapazität für schwach strahlenden Atommüll auf 900.000 Kubikmeter auszuweiten. Bei Bure im Département Meuse, etwa 200 Kilometer südlich von Luxemburg, soll strahlender Müll in 500 Metern Tiefe eingelagert werden.
Ein Projekt, das sehr umstritten ist. EDF hat ein anderes System entwickelt. Das Unternehmen will sich von Strahlungsgrenzwerten befreien. In so genannten „Technozentren“ soll Metall aus den Rückbauten gewaschen und eingeschmolzen werden. Danach soll die verbleibende Strahlung gemessen und entschieden werden, ob, wo und wie eine Lagerung nötig sein soll. EDF probiert dieses System in Schweden aus. Nicht-Regierungsorganisation kritisieren dies scharf, weil nicht mehr nachzuvollziehen sei, aus welchem Kraftwerk der Schrott käme. Auch die Ministerin für den ökologischen Umbau Frankreichs, Elisabeth Borne, ist von diesem System nicht überzeugt, zumal es kein europäisches System zur Behandlung von radioaktivem Schrott gäbe. Sie legt damit die Behandlung radioaktiven französischen Abfalls in die Hände der Europäischen Union.  Helmut Wyrwich