LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Was derzeit in Belarus läuft, würde jedem US-Thriller Ehre machen: Bei der Wahl wird die wichtigste Kandidatin total abgedrängt, denn der Staats-Chef, der seit 1994 an der Macht ist, gewinnt mit einem in Demokratien nicht anzutreffenden Wert von 80,1 Prozent. Putin, Erdogan und Assad gratulieren. Die Kandidatin flieht nach Litauen und ihre Unterstützer gehen weiter auf die Straße. Tausende werden festgenommen. Viele berichten von befristeten Einlieferungen, bei denen sie gezwungen wurden, über am Boden liegende Menschen zu laufen, bevor sie sich selbst hinlegen mussten. Staats-Schikane.

Und nun das: die prominente Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa wird von maskierten Männern in ein Fahrzeug geschleppt. Erst weiß niemand, wo sie ist. Dann behauptet der Grenzschutz von Belarus, sie sei an der Grenze zur Ukraine festgenommen worden beim Versuch, das Land zu verlassen. Wo sie derzeit ist, weiß keiner. Die 38-Jährige arbeitet für den Ex-Bankenchef Viktor Babariko, der um das Präsidentenamt kandidieren wollte. Lukaschenko ließ ihn aber vor der Wahl verhaften. Das Strafverfahren gilt als politisch motiviert. Gemeinsam mit Babariko hat Kolesnikowa eine neue Partei gegründet.

Sie gilt als unerschrocken und entschlossen, Staats-Chef Alexander Lukaschenko entgegenzutreten. Ihren Geschmack für die Freiheit hat die Flötistin während ihres Musikstudiums in Stuttgart entwickelt, wo sie zwölf Jahre lebte. Jetzt könnte sie für eine neue Melodie auf internationaler Ebene sorgen.

Denn Europa kann schlecht wegschauen, wenn tausende Menschen ihr Leben riskieren für etwas mehr Demokratie und freie Wahlen. Weißrussland gilt als die letzte Diktatur Europas und als eine, die wenige Freunde hat. Einer davon ist Russlands Präsident Wladimir Putin. Jener Putin, dem vorgeworfen wird, dem russischen Oppositionellen Alexei Nawalny Nervengift verabreicht zu lassen haben. Der Fall Nawalny ist längst ein Politikum. Seit der Mann in der Berliner Charité liegt, wird darüber diskutiert, das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 zu beenden, das Deutschland und Russland geplant hatten. Doch es gibt juristische und politische Hürden - und große finanzielle Risiken für Deutschland. Am Ende geht es also um die gleiche Frage wie bei Maria Kolesnikowa: Soll die Politik sich einmischen? Wenn ja, wie?
Dazu kommt die Frage: Auf welcher Ebene? Als einzelnes Land – da steht Merkel unter Druck – oder aber als EU? Die EU war bislang wenig entschlussfreudig, wenn es um Vorkommnisse dieser Art ging.

Das mag daran liegen, dass die Angst vor einem neuen Kalten Krieg präsent ist. Doch wie lange kann man etwas bedauern? Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Andersdenkende eingeschüchtert, verhaftet, entführt oder ermordet werden. Lukaschenko „gewinnt“ seit 1994 jede Wahl. Erst in dieser hatte er vier aussichtsreiche Kandidaten gar nicht zur Wahl zugelassen. Zwei wurden verhaftet, einer sah sich mit einem Verfahren wegen Geldwäsche konfrontiert, bei einem wurde eine Unterschrift nicht anerkannt. So geht Diktatur. Die Frauen dieser Kandidaten kämpften dennoch mutig weiter, schickten ihre Kinder allerdings ins Ausland, weil der Nachwuchs von Oppositionellen in Belarus schon öfter im Waisenhaus gelandet ist, hatte man doch den Eltern das Sorgerecht entzogen.

Jetzt heißt es nicht: Maria, hilf!, wie im Gebet, sondern „Hilf Maria!“. Denn das junge Pflänzchen Demokratie und die Menschen, die daran glauben, haben Unterstützung verdient.