MONT ST MICHELHELMUT WYRWICH

Regierungen und Banken stellen Milliarden für Luftfahrtkonzerne zur Verfügung

Der Corona-Virus attackiert nicht nur die Menschen. Kollateralschäden gibt es auch in der Wirtschaft. In Europa sind zwei Giganten der Luftfahrt und eine Chartergesellschaft betroffen, die ohne staatliche Hilfe nicht überleben würden: Lufthansa, Air France KLM und Condor.

Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire trat am vergangenen Samstag vor die Öffentlichkeit und verkündete das Rettungspaket für die französische Air France: Sieben Milliarden Euro werden in das Unternehmen gepumpt, damit es flügge bleibt. Davon sind vier Milliarden Garantien für Bankkredite, die zu 90 Prozent vom Staat abgesichert werden. Zehn Prozent Risiko tragen die Banken selbst. Um die staatliche Absicherung ist tagelang hart gerungen worden, weil die Regierung zunächst zögerte, das Risiko so hoch abzudecken. Die Banken zögerten, mit Milliardensummen in eine hochverschuldete Fluggesellschaft einzusteigen.

Bei den Garantien bleibt es nicht. Frankreich selbst stellt einen vorrangigen Aktionärskredit mit vier Milliarden Euro zur Verfügung. Es ist das zweite Mal in 20 Jahren, dass der französische Staat seine Fluggesellschaft mit Garantien und Krediten rettet. Der damalige Wettbewerbskommissar Karel van Miert hatte sich damals unter scharfer Kritik europäischer Fluggesellschaften wie British Airways oder auch Lufthansa gegenüber Frankreich großzügig in der Beurteilung der Staatshilfen gezeigt. Bei den jetzigen Staatshilfen hat Wettbewerbskommissarin Magarethe Verstager angesichts der Corona-Viruskatastrophe bereits Entgegenkommen gezeigt. Anders als vor 20 Jahren ist auch nicht nur Air France betroffen.

Die französische Regierung befindet sich bei den Hilfen, die sie nun der Wirtschaft insgesamt gewährt allerdings in einer Klemme. Bisher sind Hilfen in der Regel mit der Auflage gewährt worden, dass Arbeitsplätze erhalten werden müssen. Im Falle Air France redet Wirtschaftsminister Bruno Le Maire lediglich davon, dass die Erwartung bestehe, dass Air France zukünftig rentabel werden müsse. Auch geht Frankreich kein politisch-europäisches Risiko ein. Eine Aufstockung der Staatsbeteiligung von 14,3 Prozent am Kapital der Holding Air France/KLM sei nicht geplant, sagte er. Frankreich sind hier die Hände gebunden. Die niederländische Regierung hatte an der Börse einen gleich großen Anteil ohne vorherige Information von Paris gekauft, um die Interessen der KLM gewahrt zu sehen. KLM hatte sich durch Rationalisierungen rentabel entwickelt, während Air France zwar hohe Ansprüche hatte, aus sozialen Machtkämpfen mit den Gewerkschaften aber nicht herauskam und in den roten Zahlen und auf einem Schuldenberg von nicht bestätigten 15 Milliarden Euro verharrte.

12 bis 18 Monate Luft

Air France/KLM ist im Gegensatz zur Lufthansa-Gruppe ein Konzern, der auf Frankreich und die Niederlande konzentriert ist, wobei jede Gesellschaft über ihr eigenes Reich verfügt. Der neue kanadische Generaldirektor Ben Smith bei Air France hat ein klares Strukturkonzept vorgelegt. Die Unterstützung der Regierung soll über 12 bis 18 Monate ausreichen, um das Unternehmen in der Luft zu halten, sagt Smith. Die Regierung, so Smith, gewähre de Unterstützung, um die Mitarbeiter zu unterstützen. Er will die Mitarbeiter dazu bewegen, das Unternehmen freiwillig zu verlassen. Wie viele Arbeitsplätze er abbauen will, lässt er offen. Das soll im Sommer entschieden werden. Handlungsfreiheit, so meint er, habe er über 37 Verträge, die er mit den Gewerkschaften geschlossen habe.

Aus der Flotte soll der Airbus A380 ausscheiden. Dafür soll verstärkt der Airbus A350 eingesetzt werden. Die Übernahme des ersten Airbus A220 steht vor der Tür. Den konzerneigenen Billigflieger Transavia will Smith ausbauen. Und auch der Regionalflieger HOP, der Frankreichs Regionalflughäfen miteinander verbindet, soll gestärkt werden. Das steht im Gegensatz zu den Bemühungen der französischen Wirtschaft, Kurz- und Mittelstreckenflüge von Mitarbeitern möglichst zu vermeiden, stattdessen Zug-Fahrzeiten bis zu vier Stunden zwischen Frankreichs Norden und Süden zu favorisieren und das System der Videokonferenzen verstärkt zu nutzen. Der andere Teil des Konzerns, KLM, wird von der niederländischen Regierung mit einem Betrag „zwischen zwei und vier Milliarden Euro“ unterstützt werden. Die Bedingung dazu: „Eine Rentabilisierung des Unternehmens“, heißt es kurz und knapp. Im Berlin laufen nun Gespräche über die Zukunft des Lufthansa-Konzerns. Im Gegensatz zu Air France hat die Lufthansa mit ihren Tochtergesellschaften Austrian Airlines, Swiss, und Brussels Airlines Auswirkungen auf Österreich, die Schweiz und Belgien.

Vorstandsvorsitzender Carsten Spohr hat schon zu Beginn der Krise klare Schnitte vorgenommen. German Wings wurde eingestellt und in Eurowings integriert. Auf der Kurz- und Mittelstrecke wurden 23.000 Flüge gestrichen. Die Hoffnung der italienischen Regierung, dass die Lufthansa Alitalia wieder flügge machen würde, erfüllte sich nicht. Die Flotte wird um 100 Flugzeuge verkleinert werden. Der Catering-Bereich wird verkauft. Die Verhandlungen hatten bereits begonnen, ruhen aber seit Beginn der Viruskrise. Und der Konzern, der weltweit 103.000 Mitarbeiter beschäftigt, wird 10.000 Arbeitsplätze abbauen. Dennoch sieht sich Lufthansa nicht in der Lage, ohne staatliche Hilfe die Virus-Krise zu überwinden. Der Konzern steht derzeit bei einem Minus von 1,2 Milliarden Euro.

An den Verhandlungen mit der deutschen Regierung sollen diese Woche Finanzminister Olaf Scholz, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Verkehrsminister Andreas Scheuer teilnehmen. Die Frage ist nicht, ob die Lufthansa gestützt wird – die Rede ist von etwa zehn Milliarden Euro – was in etwa der Summe des Air France/KLM Konzerns entspricht. Die Frage ist, ob die Bundesregierung damit Forderungen zur Einflussnahme auf die Unternehmensführung verbindet. Die Bundesregierung hat gleichzeitig ein anderes Sorgenkind auf den Armen: Condor. Die Fluggesellschaft des in Konkurs gegangenen Reisekonzerns Thomas Cook war eigentlich schon an die polnische Holding PLG verkauft, Muttergesellschaft der Fluggesellschaft Lot. Die Polen machten zu Beginn der Krise einen Rückzieher. Einen Käufer zu finden, dürfte in der Krise schwierig sein. Im Gespräch ist daher eine Aufstockung des Überbrückungskredites von bisher 380 Millionen auf 500 Millionen, zusätzlich die Suche nach einem Finanzinvestor als Treuhänder. Corona bringt, so scheint es, die Ordnung am Himmel durcheinander.