LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Bei einer Busfahrt mit Kindern kam Klebeband zur Ruhigstellung zum Einsatz

Ist es schon wieder passiert? Gehört Klebeband zu den pädagogischen Hilfsmitteln des „letzten Augenblicks“? Kommt es dann zum Einsatz, wenn gar nichts mehr hilft, um das renitente Kind zu beruhigen?

Das „Journal“ und andere Medien haben in den letzten Monaten ausführlich über einen Prozess gegen mehrere Erzieherinnen berichtet, die 2008 und 2009 in einer kommunalen Kindertagesstätte in Luxemburg-Stadt aufsässige Kinder mit Klebeband an ihre Stühle gefesselt haben sollen. In dem Prozess, der zurzeit wegen der Sommerpause unterbrochen ist, war es der Verteidigung mehrmals glaubhaft gelungen, der Stadtverwaltung Luxemburg Organisationsversagen vorzuwerfen. Sei es wegen dauerhaftem Personalmangel, sei es wegen nie erreichter Sollzahlen für die Personalstärke einer Kindertagesstätte. Die Erzieherinnen seien dauerhaft überlastet gewesen und die - damals - zuständige Schöffin habe nichts dagegen unternommen, so das Hauptargument der Verteidigung.

Déja vu?

Im aktuellen Fall soll es zu einem ähnlichen Zwischenfall im Rahmen der „Aktion Bambesch“ gekommen sein. Die Aktion Bambesch ist die Ferienfreizeit der Stadt Luxemburg für Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren und erfreut sich in jedem Jahr großem Zuspruch. Verantwortlicher Veranstalter ist der pädagogische Dienst der Stadt Luxemburg CAPEL.

Mit Hilfe der sozialen Netzwerke hat eine Mutter die Öffentlichkeit darüber informiert, dass ihr unruhiges Kind bei einer Busfahrt von einer Betreuerin an seinen Sitz „getapt“ wurde. Wobei es sich bei der Aufsichtsperson nicht um eine Fachkraft, sondern um eine Ferienjobberin, die allerdings eine Grundausbildung durchlaufen haben muss, gehandelt habe.

Schöffin Sam Tanson, die im Augenblick die sommerliche „Stallwache“ im Rathaus am Knuedler hält - eigentlich zuständig wäre die Schulschöffin Colette Mart - hat einem Radiosender gegen über das Verhalten der Betreuerin, das ihr erst über Umwege zugetragen worden sei, klar kritisiert.

Öffentlichkeit beklagt sich über unerzogene Kinder

Ausgesprochen interessant ist die öffentliche Reaktion, gerade auf den Kommentarseiten von RTL. Dort reicht die Stimmung von Verurteilung der Betreuerin mit dem Klebeband bis hin zu offenem Ärger über Eltern, die ihren Kindern kein sozialverträgliches Benehmen beibringen können. Vielen Kindern fehle es an Erziehung, lautet der breite Tenor.

Dem Beobachter stellt sich aber auch eine ganz praktische Frage: Wieso hat eine Betreuerin für eine Kinderfreizeit im Wald genug Klebeband in der Tasche, um ein aufsässiges Kind an einem Omnibussitz zu fixieren?

Opposition wittert Morgenluft

Für die CSV-Opposition im hauptstädtischen Gemeinderat ist das Affärchen mitten im Sommerloch natürlich ein „gefundenes Fressen“. In einer, auch an die Medien verbreiteten, dringlichen Anfrage an Bürgermeisterin Lydie Polfer und den Schöffenrat wollten die CSV-Räte Martine Mergen und Maurice Bauer Auskunft über die Angelegenheit haben. Es handelt sich nicht, wie verschiedentlich gemeldet, um eine „parlamentarische Anfrage“ - die müsste sich an einen Minister richten - sondern um eine „Frage an den Schöffenrat“.

In ihrer vierteiligen Frage beziehen sich die beiden Räte auf den Vorfall vom 3. August, ebenso wie auf die gerichtsnotorischen Fälle aus den Jahren 2008 und 2009. Konkret wollten sie wissen, was der Schöffenrat in Fragen der Personalbetreuung unternommen hat, um Vorfälle wie 2008 und 2009 für die Zukunft zu unterbinden. Falls es solche Rahmenmaßnahmen für das pädagogische Personal gegeben habe, ob diese auch an die für die Ferienfreizeiten eingestellten Aushilfskräfte weitergegeben worden seien, lautete die zweite Frage von Mergen und Bauer.

Ob der Schöffenrat im konkreten Fall auf dem Laufenden über die Vorgänge sei? Diese Frage kommt ein bisschen spät und hat sich eigentlich mit der Aussage von Sam Tanson via Radio erledigt.

Die eigentliche politische Frage der CSV kommt ganz zum Schluss: Es gebe Gerüchte über Probleme und Konflikte innerhalb des Personals des pädagogischen Dienstes CAPEL. Ob der Schöffenrat den Gemeinderat darüber aufklären können. Trotz aller Eile wird der Schöffenrat diese Fragen wohl erst in der nächsten Gemeinderatssitzung nach der Sommerpause beantworten.