COLETTE MART

Der aktuelle militärische Eingriff in Syrien, der auf einer vermeintlichen Giftgasattacke des Regimes Assads gegen das eigene Volk gründet, erinnert an den Beginn des Irakkrieges im Jahre 2003, als auch von vermeintlichen Massenvernichtungswaffen in diesem Land die Rede war, die aber nie gefunden wurden. Militärische Angriffe können also aufgrund von Vermutungen, oder einfach Behauptungen geplant werden, sind natürlich in keinem Fall eine Lösung, töten auch immer unschuldige Menschen, auch wenn behauptet wird, nur rein militärische Ziele seien im Visier. Die gezielte militärische Aktion gegen eine bestimmte Installation gibt es nämlich nicht, Vergeltungsaktionen implizieren auch immer jene berühmten „Kollateralschäden“, die unschuldige Menschen treffen.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, warum es denn gerade jetzt zu einem koordinierten Eingriff der Westmächte kam, derweil seit Jahren bekannt ist, dass es in Syrien zahlreiche Übergriffe gegen internationales Recht gibt, sowie auch unzählige Menschenrechtsverletzungen, die zu einem solchen Eingreifen auf diplomatischer und humanitärer Ebene hätten führen sollen. Hinter der Front in Syrien spielen sich nämlich mittlerweile Dramen ab, die weltbekannt sind, aber gegen die niemand vorgeht. So zum Beispiel ist gewusst, dass Hilfsorganisationen sich dem sexuellen Missbrauch an Frauen und Kindern schuldig gemacht haben, und dass Helfer von Nichtregierungsorganisationen sexuelle Dienste gegen die Ausgabe von Nahrung fordern. Mittlerweile sei die Situation in Syrien derart eskaliert, dass Frauen sich von diesen Helfern fernhalten, weil sie ihren guten Ruf nicht völlig verlieren wollen. Dies bedeutet also, dass diese Helfer meist westlicher Nichtregierungsorganisationen keine Vertrauenspersonen mehr sind, und dies stellt den Westen vor seine humanitäre Verantwortung.

Darüber hinaus hat die Krise in Syrien zu einer dramatischen Prekarisierung der Situation syrischer Kinder geführt. Viele Kinder verlieren ihre Eltern, geraten in die Hände von Schleppern, Menschenhändlern, respektive auch Jihadisten, für die kleine Mädchen sexuelle Objekte sind, die als Sklavinnen herumgereicht und immer wieder weiterverkauft werden. Kinder von Flüchtlingen sind großen Gefahren ausgesetzt. Demgemäß sind die schwächsten und schutzlosesten Menschen weltweit, nämlich jene, die ihre Häuser und ihre Heimat verlieren, oder die in zerstörten Städten und Dörfern überleben müssen, auch kriminellen IS-Kämpfern und allgemein Vergewaltigern ausgeliefert; all dem haben wir als humanistischer Westen nichts wirklich entgegengesetzt. Wenn über Facebook Videos zirkulieren, in denen sich Jihadisten siebenjährige syrische Mädchen herumreichen, die in aufreizenden Posen fotografiert werden, haben wir als zivilisierte Welt kapituliert, und daran ändert dann auch ein militärischer Eingriff als Vergeltung gegen eine vermeintliche Giftgasattacke rein gar nichts an unserem vermeintlich korrekten Image. Der rezente militärische Eingriff des Westens in Syrien dokumentiert im Endeffekt nur das völlige Scheitern einer Weltgemeinschaft, den Krieg in Syrien auf diplomatischem Weg zu lösen. Natürlich ist das nicht einfach, und natürlich spielt auch hier der interkulturelle Dialog, den wir eigentlich nie wirklich gelernt haben, die wichtigste Rolle.