BERLIN
VIOLETTA KUHN (DPA)

Annette Humpe wird am Mittwoch 65

In den Achtzigern schnodderte Annette Humpe unterkühlte Neue-Deutsche-Welle-Songs ins Mikrofon. Mittlerweile laufen ihre einfühlsamen Hits des Duos Ich + Ich auch auf Hochzeiten und Beerdigungen. In den mehr als 35 Jahren ihrer Karriere hat die Musikerin ihren Stil immer wieder komplett umgekrempelt.

Sie blödelte mit ihrer Schwester Inga Songs für ihre gemeinsame Band DÖF zusammen, schrieb Hits für die Prinzen, für Udo Lindenberg und zuletzt auch für den Bariton-Sänger Max Raabe. Am 28. Oktober wird Annette Humpe 65 Jahre alt.

Schluss nach drei Alben

„Ich bin topfit“, sagt sie in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, „das ist schon mal eine gute Nachricht.“ Als einen Grund zu feiern sieht sie ihren Geburtstag trotzdem nicht. „Ich weiß: In den nächsten zwanzig Jahren, falls ich noch so viele habe, wird es viele kleine Abschiedsschritte geben.“

Den Zigaretten habe sie schon abgeschworen, der Alkohol sei vielleicht als nächstes dran. Angst machte der Musikerin das Loslassen aber nie, auch nicht musikalisch. Nach spätestens drei Alben in einer Formation war bei ihr stets Schluss, „immer so, dass es mich nicht langweilt, dass keine Routine mir das Leben versaut“, erzählt sie.

Dabei startete Humpes Musikkarriere holprig. Ihr Klavier- und Kompositionsstudium in Köln brach sie ab, weil sie erkannte, dass aus ihr wohl nie eine Virtuosin werden würde. Zuhause, im westfälischen Herdecke, seien ihre Eltern deshalb „durchgedreht“. Doch der Frust verflog bald: Humpe zog ins geteilte Berlin der 70er-Jahre, verliebte sich in die Stadt und machte den Traum von einer eigenen Band wahr.

Mit den Neonbabies feierte sie erste Erfolge. Der Durchbruch kam 1980 mit der Gruppe Ideal: Die Hits „Berlin“, „Eiszeit“ und „Blaue Augen“ lieferten den Soundtrack für eine Generation, die sich in den Untergrund-Clubs die Nächte um die Ohren schlug. Bevor die Neue Deutsche Welle ins Kommerzielle abdriftete, sprang Humpe ab.

In die Charts mit Adel Tawil

Zunehmend verlegte sie sich aufs Songschreiben - auf der Bühne habe sie sich ohnehin nie wohlgefühlt. Ihr einziges Soloalbum floppte. „Ich bin keine Rampensau“, sagt Humpe. Dafür produzierte sie Alben für Rio Reiser und schrieb den Ohrwurm „Küssen verboten“ für die Prinzen. Udo Lindenberg verhalf sie zu dem Hit „Ein Herz kann man nicht reparieren“. Humpe selbst schaffte es 2004 wieder in die Charts - als eine Hälfte des Pop-Duos Ich + Ich. Sie schrieb dabei die Texte, der 30 Jahre jüngere Sänger Adel Tawil übernahm den Part auf der Bühne. Auch wenn die Musikerin sich einmal als „Quecksilber“ bezeichnete, das sich mit anderen Menschen nicht verbinde, schätzen ihre musikalischen Partner die Arbeit mit ihr: Der stets befrackte Sänger Max Raabe, für den Humpe zuletzt textete, dankte ihr im Songheft seines Albums „für den besten Sommer meines Lebens“. Tawil sagte: „Ich habe Annette viel zu verdanken.“ 2011 wurde Humpe mit dem Echo für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Jetzt hat die unermüdliche Musikerin Lust auf einen Neuanfang: „Ich will mit einem alten Sack arbeiten“, kündigt sie an - und zwar mit einem, „der eine ganz raue Stimme hat, wo gelebtes Leben auf den Stimmbändern ist“. Sie lebt am Lietzensee in Berlin; ihr Sohn, den sie allein aufgezogen hat, studiert Amerikanistik in Bamberg. Auf die Hauptstadt steht Humpe immer noch: „Ich werde Berlin nie verlassen.“ Für ihren 65. Geburtstag macht sie eine Ausnahme. Den feiert sie mit Freunden in Rom.