SIMONE MOLITOR

Manchmal reicht ein Satz. Ob aus dem Kontext gerissen oder nicht. Obwohl am Ende mit dem obligaten Emoji versehen. Ob ironisch gemeint oder als Seitenhieb rausgehauen. Alles nebensächlich. Die Folge kann eine lebhafte Diskussion über ein Sujet sein, das häufig abwertend behandelt wird. Der Satz, um den es geht: „ah ech hat emmer geduet du wärs en Hobbykünstler an du wärs haaptberuflech Filsdefamilleriche“. Die Urheberin: Danielle Igniti, scheidende Direktorin des opderschmelz. Der Adressat: Serge Tonnar, freischaffender Künstler.

Tonnar, nicht beleidigt, dafür aber über seinen Mangel an Menschenkenntnis geschockt, sah sich zu einer Reaktion auf seiner Facebookseite veranlasst. Da ihm seine Herkunft bereits mehrfach vorgeworfen worden sei, wolle er sich nun dazu äußern. Es folgt ein langer, nicht uninteressanter Einblick in die Familiengeschichte. Darum soll es an dieser Stelle jedoch nicht gehen. Auch nicht um die Frage, ob man ein solches Streitgespräch wirklich öffentlich austragen muss - denn natürlich hat Igniti reagiert -, statt unter vier Augen. Partei kann man sowieso nicht ergreifen, wenn man den ganzen Kontext nicht kennt. Vielmehr sind die Begriffe „Hobbykünstler“ und „Filsdefamilleriche“, getrennt voneinander oder in eben dieser Konstellation, durchaus eine Analyse wert. Ist „Hobbykünstler“ per se eine Beleidigung? Oder nur dann, wenn man aus Gründen der finanziellen Sicherheit einem anderen Job nachgeht und seine Kunst oder Musik deshalb nicht hauptberuflich ausübt? Wer in solchen Fällen abwertend von Hobbykünstlern redet, vergisst, wie schwer es ist, in der Kulturszene zu überleben.

Tonnar, der seit über 20 Jahren als freischaffender Künstler lebt, mag eine Ausnahme sein, vielen anderen gelingt der Schritt in die sorgenfreie Unabhängigkeit nicht. Der erwähnte Nebenverdienst „am Enseignement, der Publicitéit oder anere Beräicher“ ist für sie eine unvermeidliche Notwendigkeit. „Künstler steigen oftmals aus finanzieller Not aus ihrer Künstlerkarriere aus, um einem besser bezahlten Job nachzugehen“, stellte unlängst Kulturministerin Sam Tanson im „Wort“-Interview fest. Wer nicht aus einem gewissen finanziellen und sozialen Background komme, könne als freischaffender Künstler fast nicht überleben, meinte ihrerseits die Schauspielerin Larisa Faber vor Monaten während der Diskussionsrunden im Rahmen des Kulturentwicklungsplans. Und in einem Kommentar auf Tonnars Post gab die Künstlerin Sophie Jung zu bedenken, dass es sehr wohl einen Unterschied mache, mit „Wohlstand im Rücken“ seinen Beruf aufzugeben, als mit der Sorge im Nacken, bei einem falschen Schritt die Miete nicht mehr zahlen zu können.

Ob Tonnar nun als „Filsdefamilleriche“ gewisse Privilegien und Sicherheiten hatte, die anderen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit fehlen, kann nur er selbst wissen. Das soll an dieser Stelle auch nicht näher kommentiert werden, dafür aber der Kontext, aus dem der monierte Satz laut Igniti gerissen wurde, ging es doch um das Thema „Congé culturel“. Laut Koalitionsabkommen soll er wieder eingeführt werden, „sous de nouvelles conditions“. Damit die „Hobbykünstler“ nicht die Lust an ihrem und die Zeit für ihr „Hobby“ verlieren, wäre dies zweifelsohne eine wünschenswerte Maßnahme.