LUXEMBURG
FLORENCE NITSCHMANN

Warum Stabhochsprung nach einer Verletzung mein neuer Lieblingssport wurde

Sobald die Oberschenkel anfangen zu zittern, die Hände sich um den Stab legen und das Blickfeld sich in einen Tunnel verwandelt, weiß mein Körper, was er zu tun hat. Den Stab heben, kurz zurücklehnen, die Schritte anfangs klein halten, um schneller Geschwindigkeit aufzunehmen, die Knie hoch, den Stab neben der Hüfte halten. Im Hintergrund höre ich meinen Trainer rufen: „Jetzt nicht langsamer werden. Auf geht’s“ Ich fange an meinen Stab in Richtung Einstichskasten zu senken; noch ein kraftvoller Schritt mit links und dann Absprung mit rechts.

Müsste ich Stabhochsprung in drei Worten beschreiben, wäre es wohl: frustrierend, unglaublich anstrengend und anspruchsvoll. Diese Disziplin unterscheidet sich sehr von den anderen athletischen Sportarten, wie zum Beispiel Laufen oder Weitsprung. Das liegt wohl daran, dass Stabhochsprung sehr viel mehr turnerische als athletische Elemente beinhaltet. Ich habe nach einer Leichtathletikverletzung zum Stabhochspringen gefunden.

Start als Spätzünder

Wie bei so vielen Sportarten gilt auch hier: Aller Anfang ist schwer. So war es auch bei mir, denn das erste mal, dass ich einen Stab in der Hand hielt, ist noch keine drei Monate her. Damit gehöre ich zu den absoluten Spätzündern. Wer früher anfängt, hat es leichter. Mein später Start in diesem anspruchsvollen Sport hängt mit einer Rückenverletzung zusammen, die mich Ende 2015 vom Mehrkampftraining abhielt. Doch leider ist das so im Sport, unberechenbar und gnadenlos. Nach einem halben Jahr Physiotherapie, musste ich feststellen, dass ich jegliche Fitness verloren hatte.

In dem Glauben nie wieder gut genug zu werden, um mich selbst zufrieden zu stellen, entschied ich mich für ein sechs monatigen Auslandsaufenthalt in Australien. Dort hatte ich nicht die Möglichkeit so zu trainieren, wie ich es in Deutschland konnte und verlor die Lust an der Leichtathletik komplett. Als ich Anfang dieses Jahr zurück kam, waren alle Verletzungen geheilt und die Motivation groß. „Worauf möchtest du dich diese Saison spezialisieren?“, fragte mich meine Trainerin. Ich warf also einen Blick zu den Stabhochspringern am anderen Ende der Halle und sagte: „Das würde ich gerne mal versuchen.“

Ich selbst komme aus einer Leichtathleten Familie, weshalb mir als Kind keine andere Wahl blieb, als in die Fußstapfen meiner Eltern, vor allem die meines Vaters, zu treten. Noch bevor ich laufen konnte, krabbelte ich im Stadion meines Vereins herum. Natürlich gab es schon Phasen, in denen ich Lust hatte etwas anderes auszuprobieren, was ich dann auch tat, nur bin ich am Ende immer in die Stadien zurückgekehrt.

Kein Training auslassen

„Keine Müdigkeit vortäuschen“, ist der Leitspruch unseres Trainers, mit welchem er uns Woche für Woche antreibt. Mit „uns“ meine ich unsere Trainingsgruppe, die sich mehrmals wöchentlich am Olympiastützpunkt in Saarbrücken nach der Schule zusammenfindet. Noch sind wir eine relativ kleine Gruppe aus fünf Schülern, darunter zwei Mädchen und drei Jungs. Ich gehöre mit meinen 14 Jahren zu den jüngeren, was allerdings nur von Vorteil ist, da man von den älteren Athleten viel lernen kann. „Es ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Motivation“, pflegt mein Trainer zu sagen. Da wir uns zurzeit in der Vorbereitungsphase befinden, sprich die Monate vor der Wettkampfsaison von Mai bis September, besteht unser Training vor allem aus vielen kleineren Aufbauübungen und Krafttraining. „Wer hoch springen will, muss klein anfangen“, bläut uns der Trainer regelmäßig ein.

Stabhochsprung ist ein sehr risikoreicher Sport; schnell hat man sich mal die Nase oder eine Hand gebrochen. Sollte so etwas passieren, ist die Saison gelaufen. Also war dann alles umsonst? So sehen wir das nicht. „Wenn ihr nicht kommt werdet ihr nicht besser“, gibt der Trainer uns zur Antwort, sollten wir mal fehlen. Deshalb ist Anwesenheit das A und O. Die Tage sind lang wenn man nach der Schule noch trainiert, doch lieben wir unseren Sport und nehmen alles dafür in Kauf. Ob ich diese Saison schon regelmäßig an Wettkämpfen teilnehme, weiß ich noch nicht.

Bei diesem Sprung schaffe ich es problemlos die Latte zu überqueren und falle auf die dicke Matte. „30 cm mehr sind noch drin“, ruft der Trainer. Ob ich ihn dafür hasse oder liebe, wird sich im Laufe der Saison noch herausstellen.