LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Sensibilisierung, Coaching, angepasste Lernumgebung: Wie sich die Missionsbeauftragte Nicole Wagner das Kompetenzzentrum für hochbegabte Schüler vorstellt

Nicole Wagner kann kaum erwarten, dass es im Herbst endlich losgeht. Die gelernte Grundschullehrerin und Psychologin ist derzeit damit beschäftigt, das Kompetenzzentrum für Hochbegabte aufzubauen - und damit eine Lücke im Bildungswesen zu schließen. „Als wir ,Mensa Lëtzebuerg‘ das Konzept vorgestellt haben, haben die gesagt: ,Schade, dass es so etwas nicht schon früher gegeben hat‘“, sagt Wagner im Interview mit dem „Journal“.

Die Inspektorin, die anderthalb Jahre lang die Abteilung für das Grundschulwesen im Ministerium leitete, ist eher zufällig mit diesem Spezialgebiet in Berührung gekommen, das sie aber seitdem fasziniert. Hochbegabte kann man als Menschen definieren, „die das Potenzial haben, in einem oder mehreren Bereichen eine überdurchschnittliche Leistung zu erbringen“ und die einen Intelligenzquotienten über 130 aufweisen. Zum Beispiel wenn Kinder eine ausgeprägte kreative Veranlagung haben. Schätzungsweise 2.260 Schüler im Alter zwischen drei und 19 Jahren erfüllen in Luxemburg dieses Kriterium. Eine wirkliche Koordinierung fehlte aber bislang auf diesem Feld.

„Im Jahr 1994 hat der Europarat Hochbegabte als Kinder mit spezifischen Bedürfnissen anerkannt“, führt Wagner aus. In der Empfehlung der Parlamentarischen Versammlung des Europarates heißt es, dass hochbegabte Kinder „geeignete Unterrichtsbedingungen“ vorfinden sollen, die es ihnen ermöglichen, sich voll zu entfalten. „Diese Kinder funktionieren einfach anders“, führt Wagner aus. Manche Kinder haben die Eigenschaft, in alle möglichen Richtungen zu denken, schießen dabei aber gelegentlich weit über das eigentliche Ziel hinaus. Andere wiederum stellen Fragen über Fragen, um ihren enormen Wissensdurst zu stillen - und können unbequem werden, wenn sie die Antworten nicht bekommen. Noch andere ziehen sich in sich zurück. „Jedes hochbegabte Kind ist anders“, bemerkt Wagner.

Konzept zunächst auf 150 Schüler ausgelegt

Zu den Aufgaben des Kompetenzzentrums gehört deshalb, eine individuelle spezialisierte Diagnose zu erstellen. Dazu gehören Hochbegabungstests „und sehr viel Beobachtung“, die in den Räumlichkeiten des Kompetenzzentrums stattfinden soll. Das Konzept des Kompetenzzentrums ist im ersten Jahr auf 150 Schüler ausgelegt. In der Praxis wird das Zentrum - anders als etwa das Kompetenzzentrum für Verhaltensauffälligkeiten - nicht direkt mit Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext arbeiten, sondern dabei helfen, den Schulalltag an die Bedürfnisse des Kindes anzupassen und die Lehrer zu coachen.

Zu diesem Zweck habe das insgesamt 14-köpfige Team bereits in Form von Powerpoint-Präsentation einiges an Vorarbeit geleistet. Sind etwa die Divisionen im Matheunterricht dran und ist ein Kind damit unterfordert, bekommen sie in dieser Zeit einen Projektleitfaden, mit dem sie größtenteils autonom arbeiten können. „Es handelt sich entweder um vertiefende oder erweiternde Projekte“, führt Wagner aus. „Beschäftigt sich die Klasse beispielsweise mit Flüssen wie Mosel und Sauer, dann könnte das Kind etwas über den Rhein machen“. Mit fünfeinhalb Posten für die „enseignants-ressources“ - dreieinhalb im „Fondamental“ und zwei in der Sekundarschule - wird das Kompetenzzentrum zunächst starten. Sie sollen die Lehrer im Umgang mit den Unterrichtsressourcen coachen und den Eltern ebenfalls als Referenz- und Kontaktpersonen dienen.

„Pullout“-Angebot an sechs Tagen mit im Trimester

Der auch im Gesetz vorgesehene Austausch zwischen den Kompetenzzentren über ein Kollegium der Direktionen besteht laut Wagner bereits. Die Abstimmung soll beispielsweise in den Fällen zum Tragen kommen, wenn Kinder neben einer Hochbegabung auch autistisch veranlagt sind. „Wir haben schon Maßnahmen ergriffen, die den Austausch vereinfachen“, beteuert Wagner. Darüber hinaus wird das Zentrum an sechs Tagen im Trimester ein „Pull-out“ anbieten. Dabei sollen hochbegabte Kinder und Jugendliche mit Partnern wie dem „Luxembourg Science Center“, dem Mudam, Philharmonie und anderen in einen Flow-Zustand versetzt werden. Oder sie erlernen im Kompetenzzentrum Lernstrategien - die ihnen oft einfach fehlen -, wie sie besser im Alltag klarkommen oder wie sie mit Stress umgehen können.

Denn: Auch wenn es hochbegabten Kindern einfach fallen mag, den Unterrichtsstoff zu bewältigen, so haben auch sie Schwächen. „So eine Gabe ist nicht immer ein Geschenk“, meint Wagner. „Wie alle anderen Kinder auch haben Hochbegabte auch ihre Stärken und Schwächen“. Es kann sein, dass ein hochbegabtes Kind Verhaltensauffälligkeiten zeigt, sich in Theorien verirrt in der Annahme, die vom Lehrer gestellt Aufgabe könne so simpel schlicht nicht sein oder dass ein Kind schlechte Noten mit nach Hause bringt, weil es nach der zweiten Aufgabe einer Klassenarbeit aus Unterforderung aufhört. Der zweite Schwerpunkt des Kompetenzzentrums liegt daher auf der Aufklärung und Sensibilisierungsarbeit. So will das Kompetenzzentrum in kleinen Gruppen mit Lehrern arbeiten, um über mögliche Anzeichen einer Hochbegabung zu informieren. Aus früherer Erfahrung weiß Wagner, dass Lehrer danach oft an bestimmte Schüler denken, die möglicherweise hochbegabt sind. „Solche Kinder haben beispielsweise einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, illustriert Wagner. „Wenn man versteht, dass beispielsweise manche hochbegabte Kinder eine Sinnes-Hyperästhesie aufweisen, dann kann man ihnen auch helfen.“

Räumlichkeiten in Strassen

Das Kompetenzzentrum wird darüber hinaus auch den Eltern als Ansprechpartner dienen, wie man zuhause mit einer Hochbegabung umgeht. Wie andere Kompetenzzentren auch sollen die bis zum Herbst 15 Posten des „Centre pour enfants et jeunes à haut potentiel“ (CEJHP) Räumlichkeiten in Strassen, unweit des „Centre Hospitalier de Luxembourg“, beziehen. „Wir haben fünf Räume beantragt, in denen Stressbewältigung gemacht werden kann oder auch Eltern empfangen werden können“, sagt die Missionsbeauftragte. Ob der Sensibilisierungsbedarf über das Thema Hochbegabung insgesamt noch groß ist? Nicole Wagner sagt es so: „Es gibt noch viele Möglichkeiten, diesen Kindern zu helfen“.