LUXEMBURGCLAUDE MÜLLER

Dianne Reeves in Höchstform mit großorchestralem Aufgebot in der Philharmonie

Es ist schon eine Rarität, wenn ein Solist im Jazzbereich jahrelang mit derselben Band, ohne Umbesetzung, auf Tournee ist, wie dies der Fall bei der fünffachen Grammypreisträgerin Dianne Reeves ist. Dass dies gewiss eine Garantie für bestes, internes Kommunikatonsgespür und intensives, höchstes musikalisches Vergnügen ist, davon konnte man sich am Samstag im ausverkauften großen Auditorium der hauptstädtischen Philharmonie überzeugen. Wenn zudem das hervorragende Quartett noch durch ein Sinfonieorchester, wie am Samstag das OPL Orchester unter Leitung des amerikanischen Orgelvirtuosen Wayne Marshall, ergänzt wird, ist ein spannendes Konzert mit allen Schikanen der aktuellen U-Musik in Sachen Jazz zu erwarten.

Blues zum Einstimmen

Wie es bei vielen Jazzinterpreten Usus ist, begann das Konzert mit einem Blues, dem besten und wirksamsten Wundermittel zum Einstimmen und Warmmachen, sowohl für die Musiker wie für das Publikum. Wer Dianne Reeves vor etlichen Jahren im „Großen Theater“, nur begleitet von zwei „unplugged“ spielenden Gitarristen, erlebte, konnte sich jetzt von den Qualitäten der Ausnahmevokalistin im anderen Extrem, als Leadstimme eines siebzig Musiker starken Sinfonieorchesters, das mit intelligent konstruierten und unaufdringlichen Streicherarrangements, gespickt mit ausgeklügelten Bläsereinlagen und ihrer kompletten, gewohnten Rhythmusgruppe, als einzigartige Powerfrau überzeugen.

Gleich bei der Ballade „Stormy weather“ zog die stimmgewaltige Extremvokalistin alle Register ihres gewaltigen, dreieinhalb Oktaven umfassenden, Stimmvolumens und verlieh dem „dunklen Sturm von Traurigkeit“ die adäquate, spannungsgeladene Note. Mit dem populären Evergreen „Lullaby of birdland“ aus der Feder des blinden Pianisten George Shearing kehrte wieder das entspannte, magische Sessionambiente von intimeren Clubauftritten ein.

Dann endlich das langerwartete Latinintermezzo mit zwei Nummern, bei denen besonders der brasilianische Gitarrist Romero Lubambo aus Rio de Janeiro im Vordergrund stand, konnte der Bossa Nova-Spezialität in dieser Rolle mit seiner Virtuosität und seinen für diese Musikart typischen Finessen glänzen.

Besonders im unbegleiteten Duo mit der Leaderin war die perfekte Intonation des makellosen Zusammenspiels der beiden Hauptprotagonisten zu spüren.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Dianne Reeves‘ Inspiration in allen angebotenen Stilen, ob in sentimentalen Balladen, beboporientiertem Scatgesang, swingenden Jazzstandards oder eben den exotischen Ausflügen in südamerikanische Gefilde, sie in die Kategorie der unangefochtenen Superstars klassifiziert.

Anschließend präsentierte Reeves ihren musikalischen Direktor, den faszinierenden Pianisten Peter Martin mit einem atemberaubenden Arrangement des Klassiker der Gebrüder Gershwin „Embraceable you“, einem Meisterwerk von höchster Qualität in punkto Arrangementkunst für sinfonisches Orchester.

Nach den angenehmen Mediumtempo folgte dann wieder ein rasanter Ohrwurm. Mitreißend betreffend Tempo und dem ausgeprägtem synkopischem Aufbau, konnte die Solistin, mit der wegen ihres Schwierigkeitsgrades von Vokalisten meist gemiedenen Ella-Fitzgerald-Hit „Fascination rhythm“, wiederum von George und Ira Gershwin, durch ihre originelle Kunst der instrumentalen Improvisation begeistern.

Leider blieb bei den scharf strukturierten, kompakten großorchestralen Arrangements kein Platz für Soloeinlagen der beiden vorzüglichen und wichtigen Männern im Hintergrund, nämlich Reginald Veal am Kontrabass, langjähriger Wegbegleiter von Trompeter Wynton Marsalis und dem diskreten SchlagzeugerTerreon Gully.

Sicher zählt das fast zweistündige Nonstopkonzert mit unzähligen Höhepunkten und einem reichhaltigen Feuerwerk an farbenreicher Vielseitigkeit zu den unumstritten Höhepunkten der diesjährigen Jazzsaison.

Gestern wurde das äußerst erfolgreiche vielumjubelte Event mit sämtlichen Beteiligten übrigens in der belgischen Metropole in der prachtvollen „Salle Henry Le Boeuf“ im Palais des Beaux Arts wiederholt.