NEW YORK/LUXEMBURG
BOB DIESCHBURG

„Samson et Dalila“ nach Saint-Saëns: Triumph an der New Yorker Met - Am 20. Oktober im Kinepolis

Mit der Neuvermarktung der Metropolitan Opera unternimmt Direktor Peter Gelb den ambitionierten Versuch einer Demokratisierung des Opernbetriebs, der unter dem Motto „Drama In Every Breath“ die künstlerischen Standards der vergangenen Jahre mit den Ansprüchen einer wachsenden Zielaudienz verbindet. Als Teil dieser Kampagne werden Met-Produktionen auch in luxemburgischen Kinosälen gezeigt. Eines der vielleicht heterogensten Stücke des gesamten Repertoires sticht dabei besonders hervor: „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saëns.

Von Kitsch und Glorie

Nach langer Abwesenheit laden die Produktionsleiter Darko Tresnjak und Alexander Dodge zu einer Neuauslegung des biblisch-monumentalen Werkes ein, das sich von der klassizistischen Selbstdarstellung früherer Bühnenbilder abwendet und die Metropolitan ins Licht einer durchaus bizarren Kitsch-Ästhetik taucht. So inszeniert die Tempel-Architektur des dritten Aktes einen ins Maßlose gesteigerten Götzendienst, der sich um die blau-gelbliche Halbfigur des Gottes Dagon rankt: Die „Danse Bacchanale“ - als szenischer Höhepunkt - gleicht mehr der Karikierung einer aus den 1960er Jahren importierten Filmoptik als einer dem Operngenre gerechten Lesart. Es mag daher überraschen, dass Alexander Dodges Konzept einer modernisierten Antike sich zu einem homogenen Ganzen fügt: Die Verdichtung von Designelementen kann eine Form ästhetischer Legitimität beanspruchen, die sich im Einzelnen an Versatzstücken von Strauß und Verdis Aida bedient.

Anders die Regie. Diese reduziert den dramatischen Gehalt einer ohnehin handlungsarmen Oper auf die monolithische Haltung ihrer Akteure und lässt auch den Reiz einer vielleicht visionären Kulissengestaltung nicht über die Grenzen von Tresnjaks stereotypisierten Rollenbildern hinwegtäuschen.

Kernstück „Mon cœur s’ouvre à ta voix“

Es ist lohnenswert, den Blick auf die Interpretationsgeschichte von „Samson et Dalila“ zu richten. Bereits in den 1890er Jahren - als das Werk zum ersten mal die Metropolitan Opera erreichte - betonten Kritiker die strukturellen Herausforderungen, die es an die Operngattung im Allgemeinen stellt. Saint-Saëns konzipierte die Nacherzählung von Samsons Kampf gegen die Philister zunächst als Oratorium, das sich über eine Kompositionszeit von fast zehn Jahren zum lyrischen Drama entwickelte. Die alternierenden Chorpartien, sowie Anleihen aus dem Barockrepertoire sind Merkmale der ersten Kompositionszeit, die die gesangliche Feuerprobe der beiden Titelhelden umso mehr akzentuieren. Sie müssen sich in Massenszenen behaupten und die Eindimensionalität ihrer biblischen Vorbilder überwinden. Den Protagonisten der diesjährigen Saison gelingt die Einfühlung nur bedingt.

Der Tenor Roberto Alagna reiht sich in eine Tradition hochkarätiger Sänger ein, die Größen wie Francesco Tamagno und Enrico Caruso zählt. Dass er sich mit diesen nicht messen darf, steht außer Frage. Die Stimme hat an Kraft verloren und wirkt mitunter brüchig. Das Schluss-B ist weniger der Ausdruck alttestamentarischen Heroismus‘ als physischer Erschöpfung, die sich auch in der Phrasierung bemerkbar macht. Und dennoch haftet diesem Rollenporträt der Charme von Alagnas lyrischem Tenor an. Dieser leiht der eigentlich hochdramatischen und spinto-reichen Partie Samsons eine Art einfältigen Idealismus‘, der hörenswert ist.

Technisch souveräner ist Elina Garanca. Das Instrument des lettischen Mezzosoprans besitzt die Versatilität, die Dalila zur Paraderolle ihrer Vorgängerinnen, allen voran Rita Gorr, werden ließ. Der Gesang ist bravourös und Garanca verfügt zweifellos über alle Register, die ihre Philisterin von dem Vorwurf des reinen Schönklangs freisprechen könnte - nur passiert dies nicht. Die Modulationen besitzen nicht den nötigen Tiefgang, um ihr Kernstück „Mon cœur s’ouvre à ta voix“ als kritisches Moment zu definieren und Dalila entweder als rachsüchtige Priesterin oder tragisch Liebende zu psychologisieren. Man gewinnt den Eindruck einer zeitversetzten Carmen, die - trotz gesanglicher Leichtigkeit - wenig Substanz enthält.

Die Partie des Abimelech ist mit Elchin Azizov gut besetzt - ebenso solide der Hohepriester von Laurent Naouri. Besonderes Lob verdient zudem die spektakuläre Chorleistung unter der Führung Donald Palumbos, die dem teils elegischen, teils grandios auffahrenden Orchester von Sir Mark Elder mehr als gerecht wird.

„The Met: Live in HD“ in Luxemburgs Kinosälen

„Samson et Dalila“ empfiehlt sich durch die Brisanz von Inszenierung und Lichtregie, die das Schauspiel der Protagonisten leider übertrumpft. Dennoch bleibt die Oper ein Hörgenuss und Garancas scheinbare Indifferenz ist ein Schönheitsmakel, das man gerne verzeiht. In der Zweitbesetzung - ab kommendem März - kann das georgische Stimmwunder Rachvelishvili vielleicht auch dieses Makel beheben.

„Samson et Dalila“ ist Teil des Programms „The Met: Live in HD“ und wird am 20. Oktober im Kinepolis Kirchberg und Belval sowie im Ciné Utopia ausgestrahlt.