LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Rekordwert: Mit knapp 25 Prozent liegt Luxemburg knapp hinter Spanien und Griechenland

Die Jugendarbeitslosigkeit in Luxemburg befindet sich bei knapp 25 Prozent. Damit liegt sie laut den letzten Eurostat-Zahlen von April knapp hinter Spanien und Griechenland. Unter diese Zahlen fallen die 16- bis 25-Jährigen. Im Schnitt lag die Jugendarbeitslosigkeit in der EU für April 2020 bei 15,4 Prozent.

„Das ist ein Rekordwert“, bedauert Ariane Toepfer. Sie leitet „Youth&work“, eine gemeinnützige Gesellschaft zur Begleitung von arbeitslosen Jugendlichen, die durch Coaching wieder eine Beschäftigung finden sollen. Toepfer betont: „Im Vergleich zum Vorjahr sind die Zahlen um 33 Prozent gestiegen, bei der Altersgruppe zwischen 25 und 29 Jahren sogar um 39 Prozent.“ Sie bedauert, dass die Zahlen in Luxemburg nicht öffentlich diskutiert werden.

Die Krise trifft vor allem Jugendliche

Durch die Coronavirus-Krise kamen viele Faktoren zusammen: Die Unternehmen stellen nicht ein, wollen keine Auszubildenden und haben keine Überkapazitäten, für die sie zusätzliche Kräfte bräuchten. Das trifft vor allem jene Jugendlichen, die keinen Schulabschluss haben oder ihren ersten Job suchen oder gerade gefunden hatten. „Auch Jugendliche mit befristeten Verträgen oder Zeitarbeitsverträgen sowie solche in besonders betroffenen Sektoren wie dem Bau oder der Gastronomie sind die ersten, die ihren Vertrag wieder verlieren. Und dann haben sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld“, weiß Toepfer aus ihrer Praxis. Sie hat bislang mit „Youth & Work“ rund 2.000 Jugendliche begleitet. „Darüber hinaus rechnen wir mit einer hohen Dunkelziffer. Jeder Dritte, der von Youth & Work begleitet wird, ist nicht bei der Adem eingeschrieben“, unterstreicht Toepfer.

Youth & Work coacht und begleitet Jugendliche gratis, die sich freiwillig melden, solange, bis sie einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz gefunden haben. Die Coachs sind ausnahmslos ehemalige Führungskräfte aus der Wirtschaft und regen die Jugendlichen an, innerhalb kurzer Zeit selbstständig ihr Leben zu führen und finanziell unabhängig zu werden. „72 Prozent der von uns begleiteten Jugendlichen haben das Coachingprogramm erfolgreich abgeschlossen. Das heißt, sie haben entweder einen Ausbildungs- oder Arbeitsvertrag unterschrieben oder haben sich bei einer Schule oder Universität angemeldet“, bemerkt die Leiterin nicht ohne Stolz.

Bei der Beratung spielt nicht nur der Ausbildungswunsch eine Rolle, sondern auch die persönlichen, gesundheitlichen oder sozial-ökonomische Situation. Die ist oft alles andere als einfach. Da bleibt ein Jugendlicher zu Hause, weil die Mutter gestorben ist und es vier kleinere Geschwister zu versorgen gilt. Oder jemand hat einen schweren Unfall mit kompliziertem Bruch, der ihn den Job oder die Ausbildung kostet und steht dann vor dem Nichts. Um möglichst viele arbeitslose Jugendliche zu erreichen, arbeitet Youth & Work seit 2012 mit Gemeinden, Unternehmen und Stiftungen zusammen.

Konflikte, Gewalt, Obdachlosigkeit, Armut

„Die Zahl der existentiell einschränkenden Probleme, die der Jugendliche parallel zur Arbeitslosigkeit lösen muss, nimmt zu“, betont Toepfer. 2019 hätten die Jugendlichen vier große Probleme gehabt, im Vorjahr seiene es noch 3,3 gewesen. „Das sind Dinge wie gravierende familiäre Konflikte, Gewalt, Langzeitarbeitslosigkeit in Verbindung mit Schulabbruch, drohende Obdachlosigkeit, akute Armut, starke soziale Isolierung“, zählt Annette Steberl auf, die als Coach bei Youth & Work arbeitet. Ihr Kollegin Kristina Nincevic fügt hinzu: „Je länger Jugendliche ohne sinnvolle Beschäftigung sind, desto eher stellt sich die Sinnfrage. 71 Prozent der Jugendlichen, die sich freiwillig bei uns melden, klagen über einen fehlenden Sinn im Leben, was bedeutet, dass sie ihre Tagesstruktur aufgeben, sich isolieren, sich vernachlässigen und gesundheitsschädigendes Verhalten annehmen.“ Jeder zweite Jugendliche gibt an, über ein sehr geringes Selbstwertgefühl zu verfügen. Hinzu kommt wachsende Zukunftsangst.

Die Coaches waren seit Mitte März ohne Unterbrechung online in Kontakt mit den arbeitslosen Jugendlichen. Christof Grozinger, Coach mit 20-jähriger Erfahrung in der Finanzbranche, berichtet: „Wir erleben eine Welle an sehr schweren, ja dramatischen Lebensumständen. Wer jetzt als Jugendlicher arbeitslos ist, hat es schwer, eine neue Stelle zu finden oder riskiert Unterbrechungen in der Ausbildung und muss somit eventuell zukünftig mit geringerem Einkommen leben. Wir beobachten, dass junge Menschen, die während einer Rezession versuchen, sich im Erwerbsleben zu etablieren, dauerhaft schlechtere Arbeitsmarktchancen haben. Sie nehmen Stellen unterhalb ihres Qualifikationsniveaus an, aus denen sie sich kaum wieder herausarbeiten können.“

Erfolgsgeschichten gibt es

Aber es gibt auch Erfolgsgeschichten. Angélica K. berichtet: „Als ich zu Youth & Work kam, befand ich mich ganz unten. Ich war völlig verzweifelt, arbeitslos, depressiv, hatte kein Geld und so viele Probleme, dass ich nicht wusste, wo mir der Kopf stand. Es war ein langer harter Weg und es hat sich gelohnt.“ Für die 24-Jährige war es wichtig, dass der Coach an sie geglaubt hat. Heute arbeitet sie mit einem unbefristeten Vertrag bei der Stadt Luxemburg. „Trotz Corona habe ich im April meine erste eigene Wohnung gefunden. Es war einfach mega“, lächelt sie.

Toepfer wünscht sich mehr solcher Erfolgsgeschichten. Deshalb ist es für sie wichtig, dass die Politik und die öffentliche Hand schnell handeln. „Wir brauchen sowohl strukturelle Veränderungen als auch kurzfristige Maßnahmen“, fordert sie mit Blick auf die schulische und berufliche Ausbildung, die fehlende berufliche Orientierung und die Begleitung derjenigen Jugendlichen, die über keine familiäre Unterstützung verfügen. Toepfer ist davon überzeugt, dass sich durch eine persönliche Betreuung viel erreichen lässt. „Unsere Erfahrung zeigt, dass eine beziehungsorientierte Begleitung zum Erfolg führt.“