MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Der Autohersteller Renault kämpft um das Fortbestehen der Allianz mit Nissan - und sich selbst

Renault hat im vergangenen Jahr Marktanteile verloren. Der Absatz sank um 3,4 Prozent. Das ist deutlich weniger als Peugeot, das einen Rückgang der Verkäufe von zehn Prozent verzeichnete. Ein Trost ist das aber nicht. Denn der Konzern kämpft mit nicht wenigen Problemen und er muss in den kommenden Jahren zehn bis 12 Milliarden investieren, um konkurrenzfähig zu bleiben.

„Es geht mir besser und ich schlafe gut“, sagt Jean- Dominique Senard im Gespräch mit Journalisten und lächelt. Die Vereinigung der Finanz- und Wirtschaftsjournalisten in Paris hat ihn zum Gespräch eingeladen, wie sie das häufig mit Unternehmenschefs tut. Senard hat ein turbulentes Jahr 2019 hinter sich und geht davon aus, dass 2020 wesentlich besser werden wird. Die Ergebnisse für Renault sind nicht gut. Der Versuch, neben der Partnerschaft mit Nissan eine Fusion mit Fiat Chrysler in die Wege zu leiten, scheiterte nicht zuletzt daran, dass er mit dem Wirtschaftsminister Bruno Le Maire einen Überchef hat, der seine eigenen Ziele verfolgt, die nicht immer industriellen Zielen dienen. Der Zwist zwischen Senard und Le Maire war in der Aktionärsversammlung deutlich geworden. Börse und Wirtschaftswelt rechneten mit einem Rücktritt des hoch angesehenen ehemaligen Michelin-Chefs. Der hatte sich nach der Verhaftung von Carlos Ghosn zur Übernahme der Verantwortung bei Renault verführen lassen und sich auf sich einen Schleudersitz der französischen Industrie gesetzt.

Mantel des Schweigens

Über die Vergangenheit, insbesondere die Affäre Ghosn, will Senard nicht reden. Auch über die nachfolgenden Schwierigkeiten der Allianz mit Nissan nicht. Das gehöre der Vergangenheit an. Senard, der zugibt, im vergangenen Jahr häufig schlecht geschlafen zu haben, will an die Zukunft denken und an ruhige Nächte. Einen Artikel aus der „Financial Times“, in dem erneut von Spannungen zwischen den Japanern und der Renault-Führung die Rede war, weist er daher auch zurück. Es freue ihn, dass auch Nissan diese Meldungen „deutlich dementiert“ habe. Denn auf die Herausforderungen, die auf die Automobilindustrie zukommen, können Renault und Nissan nur gemeinsam reagieren. Senard drück daher Hoffungen aus: „80 Prozent des Potenzials der Allianz liegen noch vor uns.“

Renault hat dabei ein nicht zu unterschätzendes Problem. Das Unternehmen verfügt in seinem Archiv über eine große Menge von Motoren. Davon kann aber nichts mehr verwendet werden. „Wir müssen neue thermische Motoren entwickeln. Und wir müssen auf dem Markt der Elektro-Autos Fortschritte machen“, sagt Senard. „Sonst wird das Auto immer wieder für die Umweltverschmutzung verantwortlich gemacht. Aber Elektro-Autos machen weltweit bei den Verkäufen nur zwei Prozent aus.“ Und dann weist Senard einen Weg auf, der in Frankreich bisher nicht gesehen wird. „Das Elektro-Auto ist ein Weg. Aber auch Wasserstoff kann einen erheblichen Durchbruch erzielen“.

Senard spricht vor allem die Strategie des Unternehmens an. Aber Renault hat erhebliche andere Probleme, die zu lösen sind. Der Konzern hat das Image des Billig-Unternehmens. Im Vergleich zu Peugeot sind Renaults im Listenpreis bei Kleinwagen um 2.000 bis 3.000 Euro preiswerter. Bei der oberen Mittelklasse wie Talisman und Peugeot 508 sind es bis zu 4.000 Euro. Während Peugeot das Image hat, dass es wenig Sinn macht, den Preis zu verhandeln, kann man das bei Renault durchaus mit Erfolg versuchen. Das führt dazu, dass der Umsatz in den ersten neuen Monaten 2019 mit minus 6,7 Prozent stärker gesunken ist als der Absatz der Wagen.

Schwieriges Umfeld

Ausdruck dieser Philosophie sind die Marken Dacia und Lada; beide als Preiswert-Marken konzipiert. Ihre Verkäufe legten um 5,1 Prozent und 3,3 Prozent zu, während insgesamt ein Absatzverlust zu verzeichnen war. Bei den großen Wagen Espace, Talisman oder auch dem SUV Koleos, stellt sich die Frage nach den Nachfolgern. Espace und Talisman kamen über 55.000 Einheiten in den ersten elf Monaten 2019 nach Werksangaben nicht hinaus. Das sind 1,6 Prozent der Verkäufe gegenüber zehn Prozent in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts. Espace und Talisman werden in Douai hergestellt, der SUV Koleos kommt aus Korea. Eine Enttäuschung ist der Sportwagen Alpine. Mit seiner Neu-Auflage wollte man eine Konkurrenz zu Porsche bauen. Der Verkauf von 2.300 Exemplaren stellt aber gerade die Hälfte der erwarteten Verkäufe dar.

Senard erklärt, dass die Elektromobilität ausgebaut wird. Das Aushängeschild Zoe soll eine Reichweite von 390 Kilometern bekommen. Die reinen Elektromodelle sollen durch Hybridversionen und durch Elektroversionen bei den neuen Generationen des Twingo und des Clio ergänzt werden. Renault überspielt mit diesen Ankündigungen, dass der Hersteller dabei war, von zahlreichen Konkurrenten abgehängt zu werden. Carlos Ghosn hatte einst vollmundig verkündet, dass Renault den Markt für Elektrowagen geschaffen habe. Mehr als der eigenwillige Renault Zoe war aber nicht dabei herausgekommen. Nissan kam mit dem Nissan Leaf. Und nach Renault Angaben müsse man 100.000 Zoe verkaufen, um in die Gewinnmarge zu kommen. Verkauft wird die Hälfte. Nach gut sieben Jahren fährt Zoe immer noch rote Zahlen ein.

Große Markenvielfalt

Renault ist ein Unternehmen mit einer Vielzahl von Marken: Renault, Dacia, Samsung Motors, Alpine, Lada, Jinbei, Huasong. Anders als Peugeot verkauft Renault mit 48 Prozent fast jeden zweiten Wagen außerhalb Europas. Gelitten hat das Unternehmen durch Einbrüche in Argentinien und der Türkei. Gelitten, wie auch Peugeot hat es durch das Embargo der USA gegenüber dem Iran. Und es kann auch zu Missverständnissen kommen. Nicht nachprüfbaren französischen Presseberichten zufolge soll Renault die Dacia-Wagen mit Renault Zeichen als Renault in Südamerika verkaufen.

Die Probleme des Herstellers gab es bereits zu Zeiten von Ghosn, der auch sah, dass Nissan auf einem absteigenden Ast war. Ghosn hatte Lösungen in seinen Unterlagen, als er am 19. November in Tokio verhaftet wurde. Er sah sich als starker Mann an der Spitze, der rationalisieren und sanieren wollte. Senard setzt mehr auf Kooperation, auf gegenseitigen Respekt, auf Produkte, die auf gemeinsamen Plattformen hergestellt werden und auf gemeinsamen Einsatz der enormen Investitionen.

Unabhängig davon hat Renault im vergangenen Oktober einen Gewinnwarnung herausgegeben. Laut der Wirtschaftszeitschrift „Challenge´s“ geht man beim Unternehmen von einem Verlust für das Geschäftsjahr 2019 aus und habe im ersten Halbjahr 2019 mit einem negativen Cash Flow gearbeitet.

„Wir leben in einer Periode starker Unsicherheiten und Turbulenzen“, sagt Senard. „Wir müssen unsere Investitionsentscheidungen treffen, ohne dass wir wirklich wissen, wohin der Markt uns führt.“ Nach dem Misserfolg der Fusion mit Fiat Chrysler will er aber andere Fusionen nicht ausschließen. „Sie werden nicht ausbleiben“, sagt er.