LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Willkommen im Zeitalter der Transhumanität

Jeder wünscht sich ein langes Leben, nur will dabei keiner alt werden, bemerkte schon Cicero (106-43 v. Chr.). Dass diese Beobachtung irgendwann ein ganzes Gewerbe befeuern wird, hat der Römer wohl noch nicht geahnt. Mittlerweile gibt es nämlich bereits zahlreiche Techniken und Verfahren, die den natürlichen Alterungsprozess verlangsamen; mit Anti-Aging und Bodyshaping lassen sich seitens der Medizin und der ästhetischen Chirurgie gut die Kassen füllen. Doch nicht nur Leute, die sich vor Fältchen scheuen interessieren sich für solche Verfahren. Die über das natürliche Normalmaß hinausgehende, gesteigerte Leistung ist in der Sportmedizin seit eh und je ein Aufmerksamkeit erregendes Thema. Der Einsatz von Doping ist ein altes und stets wiederkehrendes Problem. Dabei wird nicht nur der Körper mit von uns entwickelten Mitteln oder Verfahren ‚verbessert‘, auch unserem mentalen Sein kann mit stimmungsaufhellenden oder konzentrationsfördernden Präparaten auf die Sprünge geholfen werden. Neben illegalen Substanzen gibt es mittlerweile zahlreiche Substanzen, die auch von eigentlich gesunden Menschen eingenommen werden, obgleich sie eigentlich zur Linderung von Depressions- oder Angstproblemen bei klinischen Krankheitsbildern entwickelt wurden. Jenseits des Ozeans gibt es beispielsweise eine regelrechte Epidemie an solchen Pharmaka, die wie Bonbons geschluckt werden, um den Anforderungen des gefüllten Alltags und dem Ideal des stetig gut gelaunten Menschen zu entsprechen. Dass das stimulierende Ritalin heutzutage recht schnell verschrieben wird, um sogenannter Hyperaktivität oder einem scheinbaren Aufmerksamkeitsdefizit vorzubeugen, ist auch bereits in Europa ein verbreitetes Phänomen.

Dieser avancierte Selbstverbesserungswahn hinterlässt bei nicht wenigen einen negativen Beigeschmack; treiben wir die Diskussion um die möglichen Anwendungsbereiche noch weiter, erweist sich die ethische Debatte als eine unumgängliche. Das „Neuro-Enhancement“ der Zukunft, also „die Gesamtheit der Maßnahmen, die auf die Verbesserung von mentalen Fähigkeiten oder Zuständen bei gesunden Menschen“ zielt – so definiert es zumindest der deutsche Ethikphilosoph Dieter Birnbacher (*1946) in einem Essay zu besagtem Thema – geht weit über das bisher Bekannte hinaus und lässt gar einige Szenarien bekannter Science Fiction Streifen alt aussehen. So sind etwa Gehirn-Chips nicht mehr nur bloße Hirngespinste, sondern Realität. Wenn heute noch bei schweren Hirnschäden eingesetzte Implantate den Betroffenen gewisse natürliche Funktionen wieder ermöglichen, ist es übermorgen vielleicht bereits gang und gäbe, sich einen Spanisch-Chip einsetzen zu lassen, wenn auf die Schnelle eine erweiterte Sprachkompetenz gefordert wird. Vielleicht kann man sich dann auch ein Mathematik- oder Physikupdate gönnen, oder gar eine Runde Moral oder Humor? Das lästige Pauken erspart man sich dann – Fleiß und Disziplin beim Lernen werden zum belächelten Anachronismus. Ähnlich verhält es sich mit den Errungenschaften der Humantechnik. Auch hier geht es primär darum, den eigentlich ‚natürlichen‘ gesunden Ist-Zustand zu überwinden und eine Leistungssteigerung durch technische, sprich künstliche Elemente zu erreichen. Stellen wir uns eine Prothese vor, die den Sprinter noch schneller laufen, oder sonstwelche menschliche Fähigkeiten übermenschlich werden lässt. Das Bild vom Robotermenschen ist ein seit jeher bestehendes. Dies geht weit über die Verwendung von Anabolika oder anderen Dopingmitteln hinaus, ist aber letztlich eine Leistungserweiterung, die dem User Überdurchschnittlichkeit gewährt. Nicht nur, aber auch darin liegt die Krux, die das Enhancement verwerflich erscheinen lassen. Neben der Frage nach der sozialen Gerechtigkeit (nicht jeder verfügt über die Mittel, sich ein Self-Update zu verpassen) und etwaigen längerfristigen gesundheitlichen Konsequenzen eines gechipten Gehirns, ist es eben gerade dieses über die Norm Hinausgehende, an dem sich gestoßen wird. Leidet der Mensch unter etwas, das ihn seiner Grundfunktion beraubt, sind technische oder medizinische Hilfsmittel positiv konnotiert: Niemand wird dem Rentner mit erhobenem Zeigefinger entgegentreten, wenn er sich ein künstliches Hüftgelenk einsetzen lässt, um wieder mobil zu sein. Genauso wenig ist es verwerflich, wenn psychoaktive Mittel der an Depressionen leidenden Person zu einer gewissen alltäglichen Normalität verhelfen, oder wenn schmerzstillende Präparate dem Erkrankten ein mehr an Lebensqualität gewähren. Letztgenannte Fälle benennen Momente, in denen den Menschen durch Hilfsmittel eine Wiederherstellung der Normalität ermöglicht wird, welches ihnen anhand ihrer natürlichen Fähigkeiten nicht gelingt. Geht die Hilfestellung dahin, dass über die natürliche Norm (deren Begriff eigentlich einer Differenzierung bedürfte) hinausgegangen wird, sprechen wir diesem die Notwendigkeit ab. Die Gestaltung des Selbst nach dem eigenen Idealbild gehört nun eher nicht dazu. In die Debatte reihen sich die Themen Pränataldiagnostik oder Genscheren, deren ethische Ambivalenz im ähnlichen Kontext zu diskutieren ist – welches auch, in einer bald folgenden Kolumne, angegangen werden wird!