LUXEMBURGCHRISTIAN BLOCK

Vesna Andonovics „Zëmmer Nummer fënnef“

Man könnte Vesna Andonovics Kurzgeschichte „Zëmmer Nummer fënnef“ damit abtun, dass sie nur knapp 36 Seiten lang ist. Doch das vermeintliche Leichtgewicht aus dem Hause Kremart entpuppt sich als komplexe Erzählung, die dem Leser einiges abverlangt und ihn am Ende auf jeden Fall beschäftigen wird.

Gedankenflut

Zumindest kann man als Leser nicht behaupten, nicht eindringlich gewarnt worden zu sein, bevor man den dritten Band der luxemburgischen Kurzgeschichten-Serie aufschlägt. Denn der Untertitel von „Zëmmer Nummer fënnef“ ist Programm: „Gedankespréng hott an har“, heißt es dort, „an eng geuerdent Rei vun Zuelen, déi eis d´Äntwert e Stéckelche méi no bréngen“.

Denn in den sieben Kapiteln der Kurzgeschichte wechselt die Erzählung ein paar Mal das Register, vom Mono- beziehungsweise Dialog des Erzählers, in deren Mittelpunkt eine zerbrochene Beziehung steht, zu kurzen, pointierten Geschichten, die auf die erste Lektüre nur bedingt durch den biographischen Bezug zum Erzähler ein zusammenhängendes Ganzes ergeben und durch ihren erzählenden Charakter in starkem Kontrast zum Gedankentrip des Ich-Erzählers stehen. Nimmt man die Nicht-Mathematik-Affinen bizarr anmutende Kapitelfolge (0, 1, 1, 3, 5 usw.) hinzu, können beim Leser erste Anzeichen einer leichten Überforderung auftreten- so weit, so gut funktioniert der literarische Cocktail aus Erzählung und Psychotrip mit existentieller Note. Sprachlich zeichnet sich „Zëmmer Nummer fënnef“ dabei durch einen lebendigen, unterhaltsamen Stil aus und ein Tempo, das an den richtigen Stellen zuzulegen weiß.

Zukunftsängste

Wie sich das alles zusammenfügt? In einer Episode geht es etwa um rückkehrende Auswanderer, deren Erwartungen sich in der neuen Welt nicht erfüllt haben. Im Vordergrund dieser und noch einer anderen Geschichte stehen dabei vorrangig die Hoffnung und die Angst angesichts einer unsicheren Zukunft. Beide Episoden kann man als Spurensuche des Erzählers lesen, der seinen Bezugspunkt, seinen sicheren „Hafen“ verloren hat und einen Ausweg aus seiner Krise sucht. Gleichzeitig bleiben die Grenzen zwischen dem reflektierenden Part und der Erzählung (bewusst) unklar, etwa durch bestimmte Zahlen und Metaphern, die in beiden Erzählmodi wiederkehren: Der von den Rückkehrern angesteuerte Hafen als Metapher für Sicherheit und Geborgenheit ist hier vielleicht das beste Beispiel.

Eine mögliche Antwort und gleichzeitig einen Lösungsansatz bietet die Erzählung zudem zum Schluss selbst: In jeder Lebensgeschichte finden sich Elemente wieder, die bereits in anderen vorgekommen sind. Trotzdem geht bestimmten Erfahrungen ein leidvoller Weg voraus. „Richteg Léift deet wéi“, heißt es im vorletzten Kapitel. Das aber ändert nichts daran, dass das Leben weitergehen muss.

„Zëmmer Nummer fënnef“ ist ein sprachlich einwandfreies Leseerlebnis, bei dem am Ende vielleicht nicht alle Fragen des Lesers beantworten werden - selbst wenn man hinter das anfangs gegebene Zahlenrätsel blickt. Das muss die Kurzgeschichte aber auch nicht, denn auch bei wiederholter Lektüre gibt es an Andonovics Experiment immer wieder neue Facetten zu entdecken.


Erhältlich für den Preis von 2,99 Euro