WÜRZBURG/ LUXEMBURG
DPA/ CORDELIA CHATON

Kinder leiden oft unter Tierphobien - was tun, wenn sie zu einem dauerhaften Problem werden

Als Janine die Spinne sah, schrie sie auf und kletterte auf einen Stuhl. Genau so hatte es die Vierjährige zuvor bei ihrer Mutter gesehen. Sie weinte und zitterte. Die Spinne war in ihrer Vorstellung viel größer als in Wirklichkeit. Das Mädchen hatte Angst.

Die meisten Kinder durchleben im Alter von zwei bis vier Jahren eine Phase, in der sie sich vor Tieren fürchten. Dazu bedarf es nicht einmal einer schlechten Erfahrung. Bis zur Pubertät verliert sich diese Angst. Doch was, wenn nicht?

Angst ist ein normales und gesundes menschliches Erleben. Ihr Zweck ist es, uns auf Reize aufmerksam zu machen, die eine potenzielle Gefahr bedeuten könnten und auf die wir gegebenenfalls entsprechend schnell reagieren sollten. Wenn Angst uns stark einschränkt, unsere Lebensführung beeinflusst, dann spricht man von einer „Phobie“. Für Phobien ist charakteristisch, dass sie sich auf ein bestimmtes Objekt oder eine genau umschriebene Situation beziehen. Typisch für Phobien sind die Erwartungsangst und als wichtigste Bewältigungsstrategie das Vermeiden, zum Beispiel indem man als Hundephobiker selbst dann auf die andere Straßenseite wechselt, wenn ein winziger Hund entgegenkommt. Das Ausmaß der Angst kann bei einer Phobie von leichtem Unbehagen bis zu panischer Angst reichen. Bei Kindern kann sich die Angst in Form von Weinen, Wutanfällen, Erstarren oder Anklammern ausdrücken.

Dabei kann sich Angst durch negative Erlebnisse noch verstärken. „Die Sache mit der Angst ist ein bisschen vergleichbar mit einem Buch, das bei unserer Geburt noch leere Seiten hat. Durch Erfahrungen werden diese Seiten gefüllt“, sagt Prof. Marcel Romanos vom Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP) des Uniklinikums Würzburg.

Wenn zum Beispiel Janines Mutter panische Angst vor Spinnen hat und in Gegenwart ihres Kindes kreischend auf einen Stuhl steigt, kann das bei Janine ebenfalls Spinnen-Angst auslösen. Aber wenn eine andere wichtige Bezugsperson wie der Vater keine Angst vor Spinnen hat und dem Kind beim Zoobesuch Spinnen erklärt, wird dieses Kind beide Erlebnisse abspeichern.

„Kinder reflektieren ihre Umwelt“, erklärt Romanos. Das dominantere Erlebnis überlagere das weniger dominante. „Das Erlebnis mit der Mutter relativiert sich, ist aber nicht vergessen - wir haben dazugelernt.“ Für ihn sei es normal, dass Kinder in Entwicklungsphasen Ängste entwickeln. „Die Angst ist ein normales Grundgefühl wie Freude und Lust, das wir von Geburt an in uns tragen“, beruhigt Neurobiologe Gerald Hüther. Der Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung in Göttingen findet sogar: „Wir sollten dankbar sein, Grundgefühle wie die Angst zu haben. Denn sie warnt uns, dass wir uns nicht unnötig in Gefahr begeben.“

Problematisch werde es, wenn die Angst zur Phobie geworden ist. Bei Phobien würde Romanos stufenweise an die Angst heranführen. „Zuerst fragen wir ab, was dem Kind beispielsweise an einem Hund die größte Angst macht“, sagt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. So könne das Kind antworten, dass es sich keinesfalls vorstellen kann, einen großen Hund zu streicheln, sich aber Bilder von einem Hund anschauen würde.

„Das Anschauen von Hundebildern wäre also der erste Schritt, das Kind mit seiner Angst zu konfrontieren“, so Romanos. Bei der Therapie ginge es darum, die Angst zu erleben und zu überwinden, anstatt sie zu vermeiden. Um das Angstniveau in den Konfrontationssituationen einschätzen zu können, fragen die Therapeuten immer wieder nach, auf welchem Niveau einer gedachten Skala von eins für niedrig bis zehn für hoch sich das Kind gerade befindet.

„Ist das angegebene Angstniveau niedrig, würden wir uns einen kleinen Hund auf einem Video, in der nächsten Stufe durch eine Fensterscheibe anschauen“, erklärt der Experte. Dabei gehe es nicht darum, das Tier mit Hinweisen auf Knopfaugen und Flauschfell sympathisch zu machen. So würde Angst nur kompensiert, ohne sich ihr zu stellen. Um Vermeidungstaktiken entgegenzuwirken, werde auch immer wieder gefragt, woran das Kind gerade denkt. Antwortet es etwa „an die Schule“, lenkt der Therapeut die Aufmerksamkeit zurück zum Hund.

Phobien vor Tieren seien sehr gut behandelbar. „Man ist der Angst nicht ausgeliefert“, sagt der Facharzt. Die Geschwindigkeit, mit der der Patient mit dem Angst-Objekt konfrontiert wird, bestimme der Patient. Der Therapeut begleite nur. Oft führen bereits sechs Sitzungen zu deutlichen Erfolgen.

Janine braucht wahrscheinlich keine Therapie. Neulich war sie mit ihrem Vater im Garten. Da hat er ihr eine kleine Spinne in einem von Regentropfen glänzenden Netz gezeigt. „Ist das nicht wunderschön? Wie in Diamant?“, hat er gefragt. Und seine Tochter hat genickt. Die Spinne schien ihr tatsächlich sehr klein, fast süß.