LONDON/LUXEMBURG
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Großbritannien: Cameron rüffelt „Wahrheitsverdreher“ Johnson - der zitiert ein Comic

Der frühere britische Premierminister David Cameron hat den amtierenden Regierungschef Boris Johnson als politischen Opportunisten und prinzipienlosen Populisten kritisiert. Sein Parteikollege habe sich vor dem Brexit-Referendum 2016 aus rein egoistischen Motiven als Verfechter eines britischen EU-Austritts inszeniert, heißt es in einem Auszug aus Camerons Memoiren, den die „Sunday Times“ vorab veröffentlichte. Johnson reagierte zunächst nicht auf die Vorwürfe und beteuert weiterhin, er werde Großbritannien am 31. Oktober aus der EU führen - notfalls auch ohne vorherige Einigung mit der Europäischen Union.

Johnson hat sich „widerwärtig“ verhalten

„Boris hat etwas unterstützt, an das er selbst nicht glaubte“, heißt es im Vorabdruck aus Camerons Memoiren mit dem Titel „For the Record“ (Fürs Protokoll), die der konservative Ex-Premier kommende Woche veröffentlichen will. „Er hat einen Ausgang (der Volksabstimmung) riskiert, an den er selbst nicht glaubte, um seine politische Karriere zu befördern.“ Johnson habe sich „widerwärtig verhalten, die eigene Regierung attackiert, das miese Vorgehen des eigenen Lagers ignoriert“ - und sei ein „Aushängeschild des Experten verleumdenden, wahrheitsverdrehenden Zeitalters des Populismus geworden“.

Die beiden Männer verbindet eine langjährige, von starker Konkurrenz geprägte Beziehung. Sie kennen sich bereits aus Schultagen im Elite-Internat Eton - und die Rivalität scheint noch immer nachzuwirken. Erst vor Kurzem war ein aktuelles Regierungsdokument an die Öffentlichkeit gelangt, in dem Johnson seinen Vor-Vorgänger als „mädchenhaften Streber“ bezeichnet.

Cameron war nach dem Brexit-Votum der Briten im Jahr 2016 zurückgetreten. Er hatte das Referendum vor allem initiiert, um seine Position in der Konservativen Partei gegen die EU-Kritiker zu festigen. Cameron warb für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union, unterlag aber knapp den Befürwortern eines Austritts, zu deren Wortführern Johnson gehörte. Inzwischen hält Cameron ein zweites Brexit-Referendum für möglich, einen EU-Austritt ohne Abkommen - wie von Johnson angedroht - aber für keine gute Idee.

Hartnäckig halten sich Berichte über eine mögliche Annäherung zwischen London und Brüssel im Brexit-Streit. Passend dazu sagte Johnson der „Mail on Sunday“, er sei „sehr zuversichtlich“ vor seinem heutigen Gespräch mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in Luxemburg. Derzeit würden große Fortschritte erzielt.

Im Interview wählte Johnson ein ungewöhnliches Bild, indem er Großbritannien mit einer berühmten Comic-Figur verglich - dem Wissenschaftler Bruce Banner, der sich in ein muskelbepacktes Monster namens „Hulk“ verwandelt, wenn er in Rage gerät. „Banner mag Handschellen tragen“, sagte Johnson der Zeitung, „aber wenn man ihn provoziert, sprengt er sie. Hulk ist immer entkommen, egal wie eng gefesselt er war - und so ist das auch mit diesem Land. Wir werden rausgehen am 31. Oktober, und wir werden es vollbringen.“