LUXEMBURG
BODO BOST

Am 10. Januar 1920 wurde Eupen-Malmedy belgisch

Vor hundert Jahren, am 10. Januar 1920, wurde Eupen-Malmedy belgisch. Die Regierung der „Deutschsprachigen Gemeinschaft“ hat deshalb das Jahr 2020 zum Gedenkjahr erklärt. Deutschland musste laut Versailler Vertrag von 1919 die mehrheitlich von Deutschen bewohnten Kreise Eupen und Malmedy abtreten. Die dazu vorgesehene Volksbefragung von 1920 ging als „petite farce belge“ in die Geschichte Belgiens ein. Kaum ein Stimmberechtigter traute sich, nachdem die ersten, die für Deutschland votiert hatten, vom belgischen Staat drangsaliert worden waren, für Deutschland zu votieren. Deshalb votierten nur 271 meist preußische Beamte für Deutschland, die in der Folge von Sankt Vith nach Mödrath umzogen. Am 10. Januar 1920 fand der Souveränitätswechsel statt.

Die Belgier sprachen von den „cantons rédimés“, den wiedergefundenen Kantonen, seltener von den Ostkantonen. In Luxemburg wurde die Region als „Neubelgien“ bezeichnet, im Unterschied zur belgischen Provinz Luxemburg, die zu Altbelgien gehört. Da Hitler während der deutschen Besatzung Belgiens das Eupen-Malmedy-Gebiet wieder in Deutschland eingegliedert hatte, beabsichtigte die belgische Regierung nach Kriegsende die Assimilation der deutschsprachigen Minderheit an die französische Kultur, da die Region politisch zu dem französischsprachigen Wallonien gehört.

Erst der Ausgleichsvertrag zwischen dem Königreich Belgien und der Bundesrepublik Deutschland von 1957, immerhin sechs Jahre vor dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, beendete die Isolation Ostbelgiens, die Grenze nach Deutschland wurde wieder geöffnet.

Zum 100. Geburtstag der drei belgischen Kantone Eupen, Malmedy und Sankt Vith wird von der deutschsprachigen Gemeinschaft ein eigenes Gedenkjahr mit vielen Veranstaltungen organisiert. Dazu gehören Ausstellungen, multimediale Theateraufführungen, ein Comic, ein Geschichtskongress, Jugendaustauschprogramme und Vorträge.

Erinnerung an Hubert Jenniges,den Gründervater Ostbelgiens

Der 50. Jahrestag der Volksbefragung 1969/70 hatte in der deutschsprachigen Öffentlichkeit Ostbelgiens zu einem ersten Aufbegehren gegen die Bevormundung der Ostkantone durch Brüssel geführt. Die Radiosendung „50 Jahre Geschichte der Ostkantone“ der Rundfunkjournalisten Hubert Jenniges und Peter Thomas hatte dazu die Vorarbeit geleistet.

Vor allem Hubert Jenniges (1934-2012) wurde in zahllosen Radiobeiträgen zum Motor der Veränderung, da er Tabuthemen, wie die Stellung der deutschen Sprache, ansprach, die bis dato nicht angesprochen werden durften. Er schenkte den Forderungen seit Kriegsende benachteiligten Ostbelgier ein Gehör und eine Stimme. Hubert Jenniges prägte die mediale und historiographische Landschaft Ostbelgiens ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie kein zweiter.

Jenniges hatte in Löwen Geschichte und Romanistik studiert, als sich in dieser Stadt der Sprachenkampf zwischen französischsprachigen und niederländischsprachigen Belgiern einem Höhepunkt zuneigte. Die Studenten-Proteste führten 1963 zur Aussiedlung der französischsprachigen Fakultäten der Katholischen Universität Löwen. Nach dem 1963 verabschiedeten Prinzip der „territorialen Einsprachigkeit“ waren die französischsprachigen Fakultäten in der alten Universitätsstadt Löwen im flämischen Landesteil, verfassungsrechtlich gesehen, illegal.

Nach seinem Studium war Jenniges kurze Zeit als Geschichtslehrer an der Bischöflichen Schule in Sankt Vith tätig, bevor er sich entschloss, Journalist zu werden. 1963 zog er nach Brüssel und produzierte als fester freier Mitarbeiter erste Beiträge für das deutschsprachige Programm des belgischen Rundfunks. 1969 wurde er vom BRF in Brüssel eingestellt. Im Rahmen der Diskussion um die staatliche Zukunft Belgiens in den 1960er Jahren schaltete sich auch der Belgische Hörfunk ein. Jenniges nutzte dies, um auf die Probleme der deutschsprachigen Belgier aufmerksam zu machen und er erkannte die Möglichkeiten, die sich aus der damals anstehenden Staatsreform ergaben. So wurde auch der Flame Leo Tindemans (1922-2014), damals belgischer Reform- und später Premierminister, auf Jenniges aufmerksam, seit Oktober 1968 verband beide eine persönliche Freundschaft. Beide träumten sie von einem „Korridor“, der von Flandern über Ostbelgien bis ins „Areler Land“ in die belgische Provinz Luxemburg reichte.

Bei dem Eifeler Jenniges verwischten sich manchmal die Grenzen zwischen Politik und Journalismus, er war gleichzeitig der bestinformierte journalistische Beobachter und Vertrauter Leo Tindemans. Jenniges schrieb sogar Tindemans Aachener Karlspreisrede 1976. Der pathetische Appell Tindemans an die Ostbelgier vom 26. Oktober 1971 in Eupen, „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“ soll ihm auch Jenniges empfohlen haben. Jenniges stand der christdemokratischen Partei nahe, aber er wurde kein Politiker, er wurde als Journalist das Sprachrohr Ostbelgiens und Vorkämpfer weitgehender kultureller Autonomie für die deutschsprachigen Belgier. Die Historiker Andreas Fickers, Geschichtsprofessor an der Uni Lëtzebuerg, und Christoph Brüll erinnern in dem Projekt „2x50 Jahre Ostbelgien“ an das Lebenswerk Hubert Jenniges.

1973: Ein eigenes Parlament in Eupen

1970 entstand der Rat der deutschen Kulturgemeinschaft (RdK), aus dem später der Rat der Deutschsprachigen Gemeinschaft (RDG) wurde. 1973 erhielten die 75.000 deutschsprachigen Belgier, die nach dem 1. Weltkrieg zu Belgien gekommen waren, auch ihr eigenes Parlament in Eupen. Erster Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien wurde am 30. Januar 1984 Bruno Fagnoul. Zur Eröffnung des Gedenkjahres in Anwesenheit des belgischen Königs Philippe im Parlament der deutschsprachigen Gemeinschaft in Eupen im letzten Jahr bezeichnete Ministerpräsident Oliver Paasch die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens als „eine der bestgeschützten Minderheiten der Welt, um deren Autonomie viele andere Regionen in Europa sie beneideten“.

Als vor einigen Jahren Belgien über ein Jahr lang ohne Regierung blieb und Überlegungen über einen Staatszerfall laut wurden, wobei Flandern mit den Niederlanden und die Wallonie mit Frankreich bereits Fühler ausstreckten, gab es in Ostbelgien solche Bestrebungen in Richtung Deutschland nicht. Kaum 190 Jahre nach der Entstehung Belgiens hat sich das deutschsprachige „Neubelgien“ als die staatstragendste Sprachgemeinschaft des Königsreichs erwiesen, ein beeindruckend schneller und intensiver Lernprozess.