LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die Leiden von Hinz und Kunz

Aua. Moment! Ich muss noch ganz kurz überlegen, wo es heute ziept. Dauert nicht lange. Gleich hab´ ich´s! Halsweh fällt weg, ich will später noch eine Sprachnachricht verschicken und da fällt es auf, wenn ich nicht heiser bin. Sehnenentzündung geht auch nicht, ich könnte nicht erklären, wo sie herkommt, mitten in der Krankschreibung. Allergischen Ausschlag hatte ich diese Woche schon und Schnupfen, nee, das ist zu banal. Heute hat man keinen Schnupfen, sondern mindestens ein neuartiges, gegen Antibiotika resistentes Mutantenvirus.

Einen dicken Hals kriegen

Gut, ich muss ja zugeben, das mit der Grippewelle war schlimm. Sehr schlimm. Aber so langsam habe ich die Nase voll - äh, ich meine nicht mehr voll. Seit Wochen, was sage ich, seit Monaten wollen mir die Medien verraten, wie ich mich am besten schützen kann, und auf Instagram hat sich mittlerweile ein erbitterter Kampf entwickelt. Während die eine Front Ingwertee mit Zitrone als Wunderallheilmittel anpreist, jammert die andere, mit einer Stimme, die erstaunlich nach der ihren klingt: „Ich kann immer noch nicht sprechen“.

In beiden Fällen aber wird Krankheit zu einem Selbstvermarktungsinstrument, einem Abzeichen für Sympathieträger, einem Ganzjahreswettkampf, in dem der eine den anderen zu übertrumpfen versucht. Auch wenn man nicht die Grippe hat, geht es einem schlecht, sehr schlecht, weil Müdigkeit, Wetter, keine Zeit. Kurz gesagt: die Heilige Dreifaltigkeit des ach so angesagten Zustand des Leidens.

Aus Lebenslauf wird Leidenslauf

Vom Gesundsein spricht man nicht, das ist zu langweilig. Überflüssig also die Frage „Wie geht’s dir?“. aber wir stellen sie ja trotzdem und bekommen als Antwort ein halb im Stöhnen ersticktes „Ja“. Doch Achtung: Das ist kein Hinweis auf Gesundheit! „Ja“ heißt: „Eine korrekte Antwort auf die Wie-Frage hat für jemanden in meinem Zustand zu viele Buchstaben.“ Wir stellen dann fest: „Das klingt aber nicht so überzeugend“ - so verlangt es die Höflichkeit - woraufhin uns die ganze Krankheitsgeschichte des Gegenübers so ausführlich und dramatisch erzählt wird, dass das ganze RTLII-Nachmittagsprogramm damit gefüllt werden könnte. Ich weiß, wovon ich spreche. Es ergeht mir jedes Mal so, wenn ich meinen Nachbarn sehe. Er hat was an den Knien, im Rücken, im Zeh und im Ellenbogen, leidet unter Depressionen und vielen anderen Dingen, die schon krank machen, wenn man versucht, ihren Namen ohne Versprecher zu artikulieren.

Ich glaube, um nicht durcheinander zu kommen, fertigen viele sich einen Krankheitskalender an, wie ein wöchentlicher Speiseplan nur mit Symptomen. Montags kalt, dienstags Blasenentzündung, mittwochs Midweekcrisis, donnerstags Hexenschuss, freitags Mausarm, samstags Haarschmerzen. Nur sonntags ruht der Bazillus.

Aber gut, da muss man durch, wenn man immer eine passende Ausrede parat haben möchte, mit Freunden nichts unternehmen zu müssen. Dass die Migräne in Wahrheit Netflix-Serie heißt, das muss ja keiner wissen. Abgesehen davon ist es doch manchmal einfach schön, sich selbst zu bemitleiden, oder?

Kleiner Tipp: Wer sich auch krankfühlen will, sollte Bus fahren und sich ein bisschen anhusten lassen von Mitfahrern, die ganze Stücke ihrer Lunge durch ihre offene Faust katapultieren. Oder in der Philharmonie eines der beliebten Hustkonzerte besuchen. Mit ein bißchen Glück erspart er sich auf diese Weise sogar das lästige Simulieren.

Quietschfidel

Allerdings lässt sich auch das gegenteilige Phänomen beobachten. Menschen, denen es offensichtlich schlecht geht, leugnen es und unternehmen auch nichts, um dem entgegenzuwirken. Während andere so verzweifelt alles tun, um sich leidend zu präsentieren, wollen sie sich partout nicht eingestehen, dass ihnen wirklich etwas fehlt. Sie verzichten auf ärztliche Routineuntersuchungen, greifen zu fragwürdiger Eigenmedikation, denken, dass sie zu jung sind, um einen gesunden Lebensstil nötig zu haben, legen sich nackt in den Schnee, als wollten sie sich selbst beweisen: Mich kann nichts brechen!

Vor allem wenn es um die Psyche geht, ist Gesundheit eine Frage der Würde. Stress, das klingt nach einem Scheinproblem, das kennen nur Weicheier. Das jedenfalls behauptet ein Bekannter von mir, der mich immer mit einem blassen Friede-Freude-Eierkuchen-Lächeln begrüßt und mir versichert, im Moment ginge es ihm wirklich absolut unzweifelhaft supergut und wunderbar. Seine Arbeit sei ein Traum, er werde viel gebraucht. Dass seine Kloschüssel von ihm ebenfalls viel gebraucht wird, das erwähnt er nur am Rande. Es lag seiner Angabe nach an etwas Verdorbenem, ja, immer dieses verdorbene Essen: nicht durchgegarte Kidneybohnen, zu lange geöffnete Mayonnaise, fertig geschnittene Gammelananasstücke, immer ist irgendetwas, regelmäßig, alle zwei Wochen. Davon, dass seine Übelkeit auch andere Ursachen haben könnte, will er nichts wissen. Seine Gesundheit, das sei seine Privatangelegenheit und ich hätte mich da rauszuhalten.

Ich bin verwirrt: folgt diesmal etwa keine Krankheits-Instagram-Story? Der eine will es öffentlich, der andere behält es für sich, dieser ist aufrichtig, jener gaukelt mir etwas vor. Wie sollte ich da durchblicken? Gesund ist das jedenfalls nicht, dieses Übertreib- und Versteckspiel. Hatschi!