CHRISTINE MANDY

Bauchweg-Unterwäsche, Push-Up-BH, Wimperntusche: Wir sind sowohl Konsumopfer als auch Opfer unseres mangelhaften Selbstbewusstseins

Du hörst sie schon von Weitem. Klack Klack Klack. Eine Puderquaste und Parfumwolke mit zwei wackligen Storchenbeinen auf jeweils einem Zahnstocher, der sich Stöckelschuh nennt. Sehen und gesehen werden, das ist immer noch das Motto - oder etwa nicht? Ich habe von der Puderquaste offen gestanden wenig gesehen, als sie so schnell an mir vorbeigerauscht ist; ich habe erstaunlich wenig Mensch wahrgenommen in diesen zwei Sekunden. Kein Gesicht, keine Augen, kein Blick. Nur ein Paradox. Denn dieser Mensch kann sich nicht entscheiden, ob er nun die Aufmerksamkeit auf sich lenken will oder sich in Wahrheit eher verstecken möchte.

Wahrheit unter dem Nagellack

Die Maskerade der als Mode verkleideten Seele ist dabei längst nicht das einzige Mittel des heimlichen Versteckspiels. Es geht nicht nur darum, was sie sich überstreift, sondern auch um das, was sie abstreift und das sind grundsätzlich zwei Dinge: die Individualität und die Emotion. Und wir tun das alle, ich will mich keineswegs davon ausschließen. Ich entscheide mich dazu, keine Beispiele zu nennen, weil man sonst fälschlicherweise auf die Idee kommen könnte, ich wollte dieses konkrete Verhalten kritisieren. Denn ich bemängele nicht, ich verfechte nur die These, dass wir heute aus unerklärlichen Gründen alles tun, um eben gerade NICHT gesehen zu werden. Vielleicht also hat das ganze Geschminke und Getue wenig mit bewusster Oberflächlichkeit zu tun, als vielmehr mit unbewusster Unsicherheit. Denn eigentlich wissen wir doch gar nicht, für wen wir uns auftakeln und warum und wem wir damit eigentlich gefallen wollen. Ich kann das selbst bestätigen. Es gab eine Zeit, da hatte ich ein ganz schreckliches Faible für Nagellack. Eines Tages nun gestand ein männlicher Freund von mir, dass er bunte Nägel bei Frauen eigentlich total hässlich findet und dass er sich immer fragt, warum wir Frauen das eigentlich tun. Und ich lachte, war mir sicher, die Antwort zu kennen - und hielt inne. Ja, warum tat ich das denn? Weil es andere taten? Und warum taten dann die anderen es? Weil es ihnen, wie mir, gefiel? Aber warum gefiel es uns? „Ihr tut es doch für die Männer. Aber wir finden blaue oder grüne Fingernägel zum Schreien“, sagte mein Bekannter. Ich wollte protestieren. Ich täte es doch nicht für die Männer, sondern für mich! Aber ehrlich gesagt, weiß ich selbst nicht, ob das stimmt. Und ich frage mich das jeden Tag, wenn ich die Kontaktlinsen einsetze, weil ich nicht mit der Brille gesehen werden möchte oder wenn ich ins Fitnessstudio gehe: Warum eigentlich und für wen?

Die Kunst, etwas zu sein

Wir wissen doch, dass das meiste davon unsinnig und unnatürlich ist. Bauchweg-Unterwäsche, Push-Up-BH, Wimperntusche, wer braucht das alles schon? Doch so sehr wir uns das auch klarzumachen versuchen, dass wir sowohl Konsumopfer als auch Opfer unseres mangelhaften Selbstbewusstseins sind, wir ertappen uns immer wieder dabei, dass es uns längst nicht ausreicht, so gesehen zu werden, wie wir sind. Es reicht uns nicht aus, und wir trauen uns das nicht zu. Und ich spreche dabei nicht von notwendiger Körperhygiene und Bewegung, sondern von all dem, was über Vernunft und Gesundheitsbewusstsein hinausgeht. Wir wollen nicht ge-sehen werden, wir wollen aus-sehen und das ist ein erheblicher Unterschied. Denn beim Verb „aussehen“ fragen wir nicht danach, wer aussieht, sondern WONACH er aussieht. Und wer IRGENDWIE aussieht oder NACH IRGENDETWAS, in dem sieht man nicht das, was er ist, sondern das, was er verkörpert. Auch im sozialen Verhalten adaptieren wir dieses Nicht-zu-uns-selbst-stehen-Wollen. Wir weichen Blicken aus, schlagen nervös die Beine übereinander und die Hände zusammen, alles um uns möglichst klein und unsichtbar zu machen. Wenn wir reden, bilden wir mit unseren Händen ein Dreieck, weil die deutsche Bundeskanzlerin das auch so macht oder sagen dauernd „ähm“, weil wir uns diesen Laut, der scharfes Nachdenken symbolisieren soll, bei einem besonders klugen Menschen abgeschaut haben. Und dann schwenken wir die Flagge unserer Nation, laden massenweise Selfies hoch und wackeln mit dem Hintern auf der Tanzfläche der Diskotheken, damit auch ja jeder sieht, was wir NICHT sind. Vielleicht hat es mich auch geprägt, dass ich die vergangene Bachelorfolge gesehen habe und den Trailer für die nächste Klum-Staffel, aber ich beobachte tatsächlich, dass wir ständig kaschieren und imitieren, um möglichst wenig von unserem wahren Ich zu zeigen.

Baustelle Mensch?

Gesehen werden, das hat für uns heute einen negativen Beigeschmack. Das ist die permanente Videoüberwachung und der Datenschutzmissbrauch, das ist das Kleinkind, das uns unverblümt anstarrt, das ist die Bindehautentzündung, die uns zwingt, ohne Eyeliner vor die Tür zu gehen, das ist das aufmerksame Gegenüber, das sieht, dass wir auf der Stirn eine Narbe, am Kinn einen Pickel, an der Wange einen Schönheitsfleck haben, dass wir die Sommersprossen nicht überdeckt, die Cellulite nicht behandelt und die Haare nicht gegelt haben, kurzum, der sieht, dass wir nicht die Frau aus der Nicholas-Sparks-Verfilmung oder der Whitening-Zahnpasta-Werbung sind. Wir glauben Detlef D! Soost, wenn er sagt:
„I make you sexy“. Denn Sexysein ist etwas, das man erst wird, das „gemacht“ werden muss. Man ist es nicht einfach und erst dann, wenn wir es geworden sind, erst dann, wenn wir nicht mehr sind, wer wir sind, dürfen und wollen wir gesehen werden.