LUXEMBURG
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18 Fragen an den „déi Lénk“-Abgeordneten David Wagner

Für unsere diesjährige Sommerserie ließen wir einer Reihe von Politikern einige Fragen per E-Mail zukommen, von denen wenige politisch, die meisten eher privater Natur sind. Manch einer hat noch am gleichen Tag geantwortet, bei anderen lässt die Antwort immer noch auf sich warten. Heute die Antworten des „déi Lénk“-Abgeordneten David Wagner.

Was war in Ihren Augen das wichtigste politische Dossier in der zurückliegenden Kammersession?

David Wagner Das Thema rund um die Digitalisierung hat mich gepackt. Ich hatte sogar Spaß, an der Rede zu arbeiten, was nicht oft vorkommt. Die politische Unbedarftheit der EntscheidungsträgerInnen in dieser Frage ist sehr beunruhigend, da sie sich regelrecht von den GAFAM - also den weltweit vernetzten Großkonzernen, die auf Profitmaximierung zielen jenseits jeglicher demokratischer Kontrolle - vorführen lassen. Erstens weil sie vortäuschen, dass man soziale, ökonomische und ökologische Probleme durch technische Innovation lösen könnte, und zweitens, weil die ökonomischen Grundlagen und Zielsetzungen der GAFAM nicht in Frage gestellt werden, was eine demokratische Gefahr darstellt. Das dubiose Projekt rund um Google in der Gemeinde Bissen ist ein perfektes Beispiel, mit welcher Naivität die ganze Frage behandelt wird. Dass ein liberaler Minister wie Etienne Schneider dieses Dossier führt, wundert mich nicht, aber dass die Grünen sich weiter keine Fragen stellen, lässt tief blicken.

Welches sind für Sie die Prioritäten für die Rentrée?

Wagner Es gibt deren viele. Intern muss „déi Lénk“ eine strategische Debatte führen, um zu wissen, wie es weitergeht. Ich hoffe auch, dass nach den Sommerferien eine größere Mobilisierung gegen den CETA-Vertrag (Freihandelsabkommen mit Kanada) stattfinden wird, um den Druck auf die politische Entscheidungsträger zu erhöhen. Immerhin kann ich mir nicht vorstellen, dass Grüne und LSAP (und warum nicht auch die anderen?) diesem Vertrag zustimmen können, ohne ihre Glaubwürdigkeit gänzlich zu verlieren. Ein anderes Thema wird weiterhin die Wohnungspolitik sein. Die Gesetzgebung soll geändert werden, und wir als „déi Lénk“ haben vor, in die Offensive zu gehen.

Wohin fahren Sie in den Urlaub, und warum?

Wagner Es wird mich zum ersten Mal nach Sizilien führen. Eigentlich wollte ich nach Kreta. Aber Sizilien ist ja auch mal griechisch gewesen. Und sowieso mag ich Inseln und das Mittelmeer. Und Cannoli. Müsste klappen.

Was haben Sie sich in sportlicher Hinsicht für den Urlaub vorgenommen?

Wagner Bier stemmen.

Welche Bücher planen Sie, im Urlaub zu lesen?

Wagner Ich verstehe das Konzept der „Sommerlektüre“ nicht. Ich lese einfach weiter. Zurzeit bin ich beim dritten Teil der „Perdido Street Station“-Trilogie von China Miéville, ein britischer Science-Fiction-Autor, der im Steampunk spezialisiert ist. Er ist nicht nur einer der größten Sci-Fi-Schriftsteller seiner Generation, sondern auch ein militanter Marxist. Wenn ich damit fertig bin, bleibe ich bei der Sci-Fi, überquere jedoch den Ärmelkanal, und werde „Les Furtifs“ von Alain Damasio lesen. Auch ein Großmeister der Sci-Fi und auch ein Linker, der über die sogenannte Digitalisierung der Welt im neoliberalen Kontext nachdenkt. Damit verbinde ich meine zwei Leidenschaften. Nebenbei lese ich „Sie suchten nach Goldschätzen und fanden Würmer“ (frei nach Rosa Luxemburg), ein Sammelwerk von linken Autoren aus Deutschland und anderen Ländern, die sich kritisch mit der Regierungsbeteiligung linker Parteien auseinandersetzen.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

Wagner Nicht mit Fragen durchbohrt zu werden.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Wagner Wenn man mich mit Fragen durchbohrt.

Was ist für Sie das größte Unglück?

Wagner Hoffnungslosigkeit und der Eindruck, in der eigenen Selbstbestimmung eingeschränkt zu sein.

Ihre liebsten Romanhelden?

Wagner Ich mag Persönlichkeiten, die die allgemeine Wahrnehmung der Realität in Frage stellen, auch wenn sie als verrückt oder verdammt abgestempelt werden, etwa wie die zwei „Dones“, Don Quijote und Don Juan. Oder wie eben Winston Smith in „1984“.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?

Wagner Es gibt deren viele. Im Prinzip all diejenigen, die an den Fundamenten der Ausbeutung rütteln. Zu Lebenszeiten werden sie von den „Realisten“ belächelt, verunglimpft, sogar verfolgt und manchmal getötet. Aber sie bleiben noch Jahrhunderte nach ihrem Tod in der allgemeinen Erinnerung, weil sie die Menschheit nachhaltig geprägt haben. Aber man soll auch immer bedenken, dass die Geschichte nicht von einzelnen Personen gestaltet wird, sondern es ist die Geschichte, die Geschichte der Massen, die Individualitäten hervorbringt.

Ihre Lieblingshelden in der Wirklichkeit?

Wagner Leute, die weiterhin der Meinung sind, dass wir eine soziale und politische Revolution brauchen und die sich dafür einsetzen, auch wenn sie zeitweise deswegen belächelt oder bekämpft werden.

Ihr Lieblingsmaler?

Wagner Noch immer Jeroen Bosch. Und es wird wohl lange so bleiben, da meine Kenntnisse in Malerei fast inexistent sind.

Ihr Lieblingsautor?

Wagner Der Autor, von dem ich am meisten gelesen habe, ist wahrscheinlich Isaac Asimov. Einer der mich am meisten durchgerüttelt hat, ist sicherlich George Orwell (und nicht nur durch „1984“). Aber kürzlich hat mich ein chinesischer Autor, Liu Cixing, durch seine Trilogie „Le problème à trois corps“, gehörig mitgenommen. Das ist mehr als Sci-Fi, es ist eine atemberaubende „Mise en abîme“ der physikalischen Gesetzgebungen des Universums.

Ihr Lieblingskomponist?

Wagner Noch immer derselbe wie letztes Jahr: Bach (und Freddie Mercury).

Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Wagner Mein Wesen ist sehr „provenzalisch“. Permanent aktiv zu sein, hindert stark am Nachdenken. Ich lese und schaue mir Filme an. Manchmal versuche ich auch die Welt zu erobern, aber nur beim Spielen von „Civilization“. Und obwohl ich eine gewisse Einsamkeit genieße, brauche ich immer wieder Geselligkeit.

Ihr Hauptcharakterzug?

Wagner Ich bin nicht nachtragend.

Ihr größter Fehler?

Wagner Meine Mutter würde sagen „keiner“. Und meiner Mutter würde ich natürlich nie widersprechen.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Wagner Ich versuche Entspannung zu finden, aber um ganz ehrlich zu sein: Die aktuelle Weltlage bekomme ich nicht aus meinem Köpfchen gejagt.