LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über das Leib-Seele-Problem in „Harry Potter“ und Co.

Das Philosophiestudium ist manchmal ein Fluch. Sich entspannt einen Film anzusehen und sich richtig gehen zu lassen, ohne sich allzu viele Fragen zu stellen, ist da nicht. Selbst dann nicht, wenn es um einen Fantasyfilm wie „Harry Potter“ geht. Dabei ist es durchaus Sinn und Zweck dieses Genres, sich jenseits der Realität im Reich des Fantastischen zu bewegen.

Warum Filme es sich einfach machen

Mir ist nun in vergangener Zeit eine bestimmte Sache ins Auge gesprungen, die in Büchern und Filmen häufig vorkommt und ich nicht als so unproblematisch ansehe, wie es dargestellt wird. Und zwar ist das die Vorstellung, in den Körper einer anderen Person zu schlüpfen. Dahinter stecken nämlich grundlegende philosophische Fragen, zu denen stillschweigend Position bezogen wird - und es scheint unter den Autoren sogar eine Übereinkunft diesbezüglich zu geben. 

Jedenfalls stellt sich die Frage, ob es überhaupt etwas wie ein Selbst gibt und wenn ja, was genau das „Ich“ ist. Damit hängt die Frage nach der Existenz einer Seele zusammen und damit wiederum das Leib-Seele-Problem, ob unser Körper und unser Geist zwei verschiedene Dinge sind oder eines. 

Egal ob in der „Harry Potter“-Reihe, in Stephanie Meyers „Seelen“, im Film „30 über Nacht“ oder in der Serie „The Vampire Diaries“, in Hollywood glauben offenbar alle an eine Seele, die ganz bequem in den Körper einer anderen Person oder des älteren „Ichs“ verpflanzt werden kann. Die Seele muss demnach das sein, was das „Ich“ ausmacht, der Leib scheint eher unwichtig zu sein und für unser Selbstbild irrelevant.

Körperloses Dasein?

Doch ist dem wirklich so? Gehört der Körper nicht zum „Ich“? Es fragt sich, warum „unser“ Aussehen uns dann so wichtig ist, wenn wir uns gar nicht damit identifizieren, sondern nur das „Innere“ zählt. Spätestens dann, wenn wir krank werden und/oder Schmerzen haben, dürften wir das noch einmal überdenken, ob das nicht doch „unser“ Schmerz ist… Ebenso dürfte wohl nicht nur unser Körper am Geschlechtsverkehr beteiligt sein…

Außerdem müsste es dann doch denkbar sein, dass wir gar keinen Körper brauchen und außerhalb eines Leibes existieren können. Immerhin ist unsere Seele unsterblich. Wieso der ganze Aufwand, sich einen anderen Körper zu suchen?

Übrigens zeigt der vorletzte Satz etwas auf, was höchst unlogisch ist, denn wenn ich die Seele bin und nichts anderes, warum spreche ich dann von „meiner“ Seele? Mir, der Seele, gehört keine Seele, denn dann hätte ich zwei Seelen... Da scheint der Sprachgebrauch zu enthüllen, dass wir den Körper offenbar doch als Teil des „Ichs“ ansehen. 

Erinnern wir uns: Im zweiten Teil der „Harry Potter“-Reihe verwandelt sich Harry mit Hilfe des Vielsafttranks in seinen Mitschüler Gregory Goyle, den Freund seines Erzfeindes Draco Malfoy. Auf den ersten Blick scheint J.K. Rowling das Problem zu umschiffen, denn den Informationen auf „Pottermore“ nach, wird demjenigen, der den Vielsafttrank einnimmt, nur die äußere Erscheinung einer anderen Person verliehen. Allerdings wird - zumindest im Buch - auch die Stimme übernommen, die ja mit dem Aussehen nichts zu tun hat, sondern mit der Beschaffenheit der inneren Organe. Wenn ein Organ übernommen wird, müssten sich in der Konsequenz aber alle anderen Organe ebenso verwandeln. 

Nehmen wir jetzt die Position ein, die nicht von der Existenz einer Seele ausgeht, sondern davon, dass Bewusstsein und „Ich-Gefühl“ im Gehirn entstehen. Nun, auch das Gehirn ist ein Organ.

Harry ist Goyle - ein Widerspruch?

Hätte Harry Potters Gehirn sich nun in das Gehirn von Gregory Goyle verwandelt, dann hätte Harry streng genommen auch dessen Bewusstsein übernehmen müssen, was bedeutet hätte, dass er sich nicht nur in Goyle verwandelt hätte, sondern gar zu Goyle geworden wäre und sein Selbst, sein eigenes Bewusstsein, sich mitsamt seinem Körper in Luft aufgelöst hätte. Harry wäre nicht mehr Harry, sondern eine Kopie von Goyle. Gäbe es dann keinen Harry Potter mehr? Und gäbe es fortan einen Goyle oder zwei Goyles? Wären Goyle 1 und Goyle 2 alias Ex-Harry identisch?

Nur „das Innere“ zählt?

Dass die Seele als das Entscheidende anzusehen ist und nicht der Körper, dagegen spricht die Reaktion Draco Malfoys, der nicht bemerkt, dass sein Freund Goyle - der Logik des Romans nach - in Wahrheit Harry ist, während der „echte“ Goyle bewusstlos im Besenschrank liegt. Diese Täuschung dürfte nicht möglich sein, wenn die Seele unser „Ich“ ausmachen würde und der Körper nur die Hülle wäre. Das Äußere ist und bleibt wohl unser größtes Wiedererkennungsmerkmal.

Der größte Beweis aber, dass das nicht haltbar ist und das Materielle und Äußere bedeutender sind, als wir uns das selbst eingestehen mögen, sind unser eigenes Verhalten, die Zeit, die wir im Badezimmer verbringen, die zahlreichen Modelwettbewerbe, Schönheits-OPs und die Komplimente, die an unsere Kleidung gerichtet sind und die wir trotzdem persönlich nehmen. Wir sind oberflächlicher, als „Harry Potter“ und Co. uns das weismachen - aber vielleicht ist das, in einem bestimmten Maße, auch in Ordnung so.