LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Bilanz mit der Schulmediatorin Lis De Pina nach dem ersten Schuljahr der Anlaufstelle

Während die Schüler des Großherzogtums in die große Sommerpause starten, haben Schulmediatorin Lis de Pina und ihre drei Mitarbeiterinnen noch einiges an Arbeit. Seit dem vergangenen Schuljahr gibt es in Luxemburg diese Anlaufstelle, die sich mit Beschwerden befasst, die den Verbleib im Schulsystem von Schülern, bei denen die Gefahr eines Schulabbruchs besteht, die Inklusion von Schülern mit besonderem Förderbedarf oder die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund betreffen. Im Gespräch zieht Schulmediatorin Lis De Pina erste Bilanz.

Wenn Sie die Erfahrungen aus diesem Schuljahr in einem Satz zusammenfassen müssten, was würden Sie dann sagen?

Lis de Pina Ich bin nicht enttäuscht, es war sehr interessant, ich habe viel gelernt und ich war ganz oft überrascht.

Inwiefern überrascht?

De Pina Ich war überrascht, dass so viel Angst da ist und wie schwierig kommuniziert wird.

Wie viele Beschwerden sind im vergangenen Schuljahr beim Schulmediator eingegangen?

De Pina Wir sind nicht weit entfernt von 120 eingegangenen Beschwerden, mit einer beschleunigenden Tendenz in den vergangenen vier bis fünf Monaten. Davon entfallen 57 Prozent auf den „Fondamental“ und der Rest auf das Sekundarschulwesen. Von den 120 Beschwerden drehen sich wiederum 53 Prozent um das Thema Inklusion. Die Inklusion ist damit das Thema, das für die meisten Diskussionen sorgt. Allerdings muss man auch sagen, dass diese Zahlen nicht repräsentativ für die Gesamtzahl der Schüler sind.

Etwa ein Dutzend der Dossiers geht auf Anfragen von Lehrkräften oder Inklusionskommissionen zurück, die sich wie das „Centre socio-éducatif de l’Etat“ oder die Kompetenzzentren an uns wenden können.

Hat die Entwicklung der vergangenen Monate damit zu tun, dass sich das Angebot der Schulmediation seit ihrer Einführung vor zehn Monaten herumspricht?

De Pina Das ist ein Grund. Aber auch, weil zum Ende des Schuljahres vielleicht mehr Bedarf da ist, sich an den Schulmediator zu wenden, weil Dinge nicht verstanden oder als ungerecht empfunden werden. Das hat zum Beispiel auch damit zu tun, dass für viele Schüler ab dem kommenden Schuljahr der Übergang von der Grund- zur Sekundarschule ansteht.

Entspricht die Anzahl der Beschwerden Ihren Erwartungen?

De Pina Ich hatte mir eigentlich keine bestimmte Vorstellung gemacht. Ich bin aber dennoch überrascht, denn es handelt sich hierbei um jene Beschwerden, mit denen wir uns tatsächlich befassen. Darin sind nicht die vielen anderen telefonischen Kontaktaufnahmen und andere Anfragen enthalten. Denn es gibt ja eine Vorbedingung, um den Schulmediator einschalten zu können, dass sich nämlich zunächst die Eltern um eine Lösung mit den betroffenen Akteuren der schulischen Gemeinschaft bemüht haben müssen, bevor ihr Anliegen für uns infrage kommt.

Auch wenn die genannten Zahlen nicht repräsentativ sind, so war die schulische Inklusion in den vergangenen Wochen doch ein viel diskutiertes Thema, besonders zwischen Eltern und Lehrern. Man hört auch von Eltern, die davon berichten, unter Druck gesetzt zu werden, damit sie ihre Kinder aus der Regelschule herausnehmen. Spiegelt sich das in den Dossiers wider, mit denen Sie sich befassen?

De Pina Was wir ganz oft feststellen und worauf ich schon ein paar Mal hingewiesen habe und auch weiter betonen werde ist der Aspekt der Kommunikation. Sie haben jetzt von Eltern gesprochen, die unter Druck gesetzt werden. Es gibt aber auch verschiedene Inklusionskommissionen und Klassenlehrer, die sich an uns wenden, mit der Bitte, den Eltern in bestimmten Situationen Erklärungen zu geben.

Wir haben manchmal Fälle, in denen sich Eltern schlichtweg weigern, in eine Inklusionskommission zu gehen oder mit dem Klassenlehrer zu reden, weil sie sagen: das bringt ja doch nichts. Wenn wir die Eltern dann bei uns haben, mit ihnen reden und die Prozedur erklären können, dann gibt es auf einmal eine gewisse Offenheit. Wir sind uns auch bewusst, dass das Ganze auf dünnem Eis steht, denn dieses Vertrauen zwischen den Parteien muss zurückgewonnen werden. Wir begleiten die Eltern und das Lehrpersonal oder die Inklusionskommission über eine gewisse Zeit, bis sich die Situation im Sinne des Kindes geklärt hat.

Dass Eltern unter Druck gesetzt werden ist uns natürlich auch schon zu Ohren gekommen. Ich denke aber auch, dass es häufig ein Zeichen der Verzweiflung ist. Man muss ja sehen, dass es zur Arbeit der Lehrkraft oder des Pädagogen gehört, dass sie viel schneller sehen, warum sie den Eltern dieses oder jenes vorschlagen. Und parallel dazu sind die Eltern noch in der Trauer oder verschließen sich der Realität. Es ist meistens eine Frage der zeitlichen Verschiebung.

Weil ich das oft gefragt werde, kann ich über die Dossiers, mit denen wir uns befassen, bestätigen, dass die Inklusion in der Sekundarschule noch nicht so weit ist wie in der Grundschule. Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Das größere und anonymere schulische Umfeld, die Vielzahl der Lehrer, Schwierigkeiten, einen leeren Saal oder einen „surveillant“ zu finden, wenn Kinder ihre Prüfung in einem ruhigen Umfeld schreiben sollen, Eltern, die glauben, es gebe einen Automatismus, weil ihr Kind über Jahre auf eine bestimmte Weise im „Fondamental“ begleitet wurde. Es gibt auch Lehrer, die sich der Tatsache nicht bewusst sind, dass sie ein Kind mit spezifischen Bedürfnissen in ihrer Klasse haben. Manchmal sind es auch Kleinigkeiten wie Fotokopien, die für einen Schüler in größerer Schrift angefertigt werden müssen, was dann aber nicht immer klappt.

Lëtzebuerger Journal

Was sind andere häufige Probleme, mit denen die Schulmediationsstelle befasst wird?

De Pina Mobbing in der Schule, sowohl in der Grund- wie auch in der Sekundarschule. Für jemanden wie mich, der von außen in das schulische Milieu gekommen ist, hat mich das sehr überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass es schon so viel Mobbing in der Grundschule gibt. Ob das wirklich in allen Fällen Mobbing ist, so wie die Kriterien sind, will ich nicht sagen. Aber die Kinder, Eltern oder sogar die Lehrer empfinden es als Mobbing. In dem Fall gibt es einen Vertrauensbruch und dann muss man sich das ansehen, was und wie man verbessern kann, damit sich dieses Kind nicht mehr gemobbt fühlt. Wir haben dann zum Beispiel die Möglichkeit, das SCRIPT-Projekt Stop-Mobbing zu kontaktieren.

Wie läuft die Mediationsprozedur und gab es dabei bislang Probleme?

De Pina Jeder Fall ist anders und wir entscheiden aufgrund der Dringlichkeit. Manchmal gibt es Dossiers, in denen lediglich eine Kleinigkeit schief läuft und wo eine kurze Nachfrage im Bildungsministerium das Problem löst. Manchmal gibt es aber auch Dossiers, in denen der Konflikt tiefer liegt. Dann reden wir viel mit den Eltern und fragen im Anschluss meistens in den Schulen beziehungsweise bei den Regionaldirektionen für den „Fondamental“ einen Termin an. Es gibt Lyzeen, die damit kein Problem haben. Andere Direktionen sind extrem erschrocken und fühlen sich, als würde man mit dem Finger auf sie zeigen. Es handelt sich aber nicht um eine Vorladung, es geht darum, ihre Version der Dinge zu hören. Da ist es dann unsere Aufgabe, Überzeugungsarbeit zu leisten, um sie mit ins Boot zu holen. Inzwischen hat sich diese Angst aber gelegt.

Wenn das Mediationsgespräch nicht klappt, formuliert die Mediationsstelle Empfehlungen?

De Pina Wir unterscheiden zwischen individuellen und allgemeinen Empfehlungen. Wenn wir zwischen den Parteien nicht zu einer Einigung finden, wir aber sehen, dass die eine oder andere Lösung eingesetzt werden muss, um im Interesse des Kindes eine Konfliktlösung zu finden, dann richten wir individuelle Empfehlungen beispielsweise an eine Schule. Das ist letzten Endes auch automatisch im Sinne der Lehrkraft, weil es sich ohne Konflikt viel einfacher in die Schule leben lässt.

Gerade in Fragen der schulischen Inklusion, wenn Eltern und Lehrer entgegengesetzter Meinung sind, muss das ja nicht automatisch der Fall sein.

De Pina In solchen Fällen kann man zum Beispiel Zwischenlösungen vorschlagen. Ein Kompromiss erlaubt es beiden Seiten, unter Berücksichtigung der Erfahrungen des Kindes die Situation neu einzuschätzen. Die Tatsache, dass wir ins Spiel kommen, dass wir sehr viele Emotionen absorbieren, dass sich das Ganze beruhigt, das bringt sehr viel Ruhe rein. Diese Ruhe kommt dann auch dem Kind zugute, well die Entscheidungen unter objektiveren Bedingungen getroffen werden können.

Kann man daraus ziehen, dass es einen großen Bedarf für diese Anlaufstelle gab?

De Pina Mit Sicherheit. Deshalb sage ich: Ich war extrem positiv überrascht und ich habe extrem viel gelernt. Es freut mich, wenn die Menschen über ihre Probleme reden, weil es heißt, dass sie sich in der Akzeptanz befinden und schon auf der Suche nach einer Lösung sind. Wenn man nicht auf der Suche nach einer Lösung ist, dann ist es eigentlich dieser Ort, an dem sich das ganze Leid ansammelt.

Um zu den Empfehlungen zurückzukommen: Die Schulen müssen das umsetzen?

De Pina Das Gesetz sieht vor, dass eine Frist zur Umsetzung im Schreiben mit den Empfehlungen mitformuliert wird. Es ist mir aber wichtig zu betonen, dass das Vertrauen in dieser Prozedur entscheidend ist. So geht das Schreiben, von dem es nur ein Exemplar gibt, allein an den Direktor der Regionaldirektion oder Schule, der die Hintergründe aus den vorher stattgefundenen Gesprächen kennt. Der Name des Klassenlehrers wird nicht genannt. Setzt die Schule das nicht um, dann sieht das Gesetz vor, dass der Schulmediator den Minister darüber in Kenntnis setzen muss. Wir hatten bis jetzt nur einen solchen Fall.

Als Schulmediatorin sind Sie spezifisch für den Verbleib, die Inklusion und die Integration im Schulsystem zuständig. Gab es in den vergangenen Monaten auch Fälle, die nicht in diese Kategorien fielen?

De Pina Wir haben selbstverständlich Menschen, die uns anrufen, weil sie das Gesetz nicht genau verstehen und nicht im Detail wissen, was wir für sie machen können. Wir haben auch Fälle, in denen der Kontakt zwischen einem Schüler und einem Lehrer nicht funktioniert. In solchen Fällen geben wir den Kontakt vom „Centre psycho-social et d’accompagnement scolaires“ (CePas) an die Betroffenen weiter. Diese können Schulmediationen durchführen. Dann verhält es sich aber auch so, dass wir eingeschaltet werden können, wenn eine Schule kein adäquates Bildungsangebot vorschlägt, wenn Schulen ihrer Mission nicht gerecht werden oder ein Gesetz falsch angewendet wird. Das ist extrem interpretativ. Auch weil das Gesetz vorsieht, dass wir dem Schulabbruch präventiv entgegenwirken, erlaubt das, viele Anliegen mit in die Mediation aufzunehmen.

Die gesetzlichen Bestimmungen verlangen jedoch, dass der Schulmediator erst dann einschreiten kann, wenn die Betroffenen sich im schulischen Umfeld um eine Lösung bemüht haben.

Und falls es doch Fälle gibt, in denen der Schulmediator nicht zuständig ist?

De Pina Dann leiten wir sie an die jeweiligen Stellen weiter.

Stichwort Empfehlungen: Sie werden in diesem Jahr ihren ersten Jahresbericht aufsetzen. In welche Richtung werden die darin formulierten Empfehlungen der Schulmediatorin gehen?

De Pina Zum Detail kann ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht äußern, weil das Gesetz vorsieht, dass wir den Bericht dem Parlament und der Regierung überreichen, bevor dieser auf der Website des Bildungsministeriums veröffentlicht wird und ich keinen Prozedurfehler machen will. Aber es geht unter anderem um Kommunikation, um Harmonisierung (harmonisierte Interpretation des Gesetzes, d. R.) und dann auf jeden Fall auch Inklusion.

Wie arbeitet die Schulmediationsstelle mit anderen Instanzen wie dem „Ombuds-Comité fir d’Rechter vum Kand“ (ORK) zusammen?

De Pina Sowohl der Ombudsman wie auch das ORK schicken uns viele Dossiers. Was die Arbeit von Claudia Monti angeht, gehört die Schulmediationsstelle zu den administrativen Instanzen, an die man sich wenden muss, bevor man den Ombudsman einschalten kann. Beim ORK hingegen nicht. Sie schicken uns mit dem Einverständnis der Eltern Dossiers, auch weil sie wissen, dass wir mit den Untersuchungen und Empfehlungen über ganz andere Mittel verfügen.

Neben Ihnen arbeiten noch drei weitere Mitarbeiterinnen in der Schulmediationsstelle. Reicht das?

De Pina Es reicht definitiv nicht und wir hoffen wirklich, demnächst Verstärkung zu bekommen. Wir warten auf die dafür nötigen Genehmigungen. Unsere Agenda ist heute Termin auf Termin, aber man muss sich auch in die Dossiers einarbeiten und braucht Zeit, um Empfehlungen zu formulieren. Wir bräuchten mindestens zwei weitere Mitarbeiter.

Dann wird es in diesen Büros aber eng?

De Pina Ja, wir wollen demnächst umziehen. Wir sind ein unabhängiger Dienst, aber wir brauchen die Nähe zum Ministerium, um Fragen in Dossiers unkompliziert und schnell lösen zu können. Das verringert den administrativen Aufwand.

Gibt es denn schon eine Perspektive für einen zukünftigen Standort?

De Pina Noch nicht. Wir wollen die Nähe zum Ministerium behalten. Ob das jetzt geht oder nicht, das sehen wir.