NORA SCHLEICH

Phänomenologie mit Husserl

Edmund Husserl stellte sich Fragen, die bereits viele Denker vor und auch etliche Denker nach ihm beschäftigten. Er wollte wissen, inwiefern das, was wir in unserem Bewusstsein vorfinden, tatsächlich das ist, was unsere Welt für uns darstellt. Er versuchte also das zu analysieren, was wir bewusst wahrnehmen, um Informationen über die Realität aufdecken zu können. Diese Methode der philosophischen Untersuchung nennt sich die Phänomenologie. Abgeleitet vom Lateinischen phaenomenon, Erscheinung. Also das, was uns in der Welt begegnet. Die Hauptfrage, die die Phänomenologen methodologisch zu beantworten suchen, ist die folgende: Wie kann aus der Art, wie wir die Welt wahrnehmen und durch unser Bewusstseinserleben selbst beschreiben, eine wissenschaftliche Grundlage für alle Wissenschaften überhaupt werden? Das klingt jetzt etwas kompliziert, meint aber nichts anderes als die Suche nach Prinzipien und Gesetzen der Realitätserkenntnis, die auf unserer eigenen Auffassung von der Welt gründen.

Im Gegensatz dazu stehen andere Tendenzen, die sich eher dafür aussprachen, dass unsere persönliche Eindrücke niemals objektive Realität aufweisen könnten, sondern eher zufällige Sinneswahrnehmungen sind, die uns oft auch täuschen können und von einem wahrhaften Eindruck der Wirklichkeit meilenweit entfernt zu sein scheinen. Denn stets sind es unsere subjektiven Einflüsse, die ein reines Bild verfälschen. Wir könnten niemals prüfen, inwiefern das, was wir sehen, wahrhaft das ist, was realiter ist.

Der Vater der Phänomenologie Edmund Husserl entwickelte im 20. Jahrhundert eine Theorie, die aufweisen sollte, dass wir den wahrhaftigen Kern eines realen Gegenstandes durchaus erfassen können, sobald er bewusst wahrgenommen wird. Wenn wir unser Bewusstsein auf einen Gegenstand richten, verschaffen wir uns Zugang zu seiner Wesenheit. Husserls These behauptet nun, dass so ein direkter Link zwischen unserem Bewusstsein und der realen Welt aufgestellt werden kann.

Durch einen Sinneseindruck nehmen wir nun also ein Objekt (O) in unser Bewusstsein auf, wir sehen (O) und betiteln (O) mit einem Namen (Stuhl). Das Abstrakta (Stuhl) wird nun direkt auf (O) angewandt. Durch diese erste Erfahrung mit (O) können wir von nun an behaupten (O) zu kennen und als (Stuhl) zu beschreiben. Wir haben einem bloßen Begriff sozusagen Realität verliehen, da wir ihn auf einen sinnlich wahrnehmbaren Gegenstand angewandt haben. Wir haben ihn realisiert oder verdinglicht. (O) kann von nun an von uns als Sitzgelegenheit wiedererkannt werden. Also haben wir dem Gegenstand durch den Begriff einen Sinn zugesprochen und haben seine Realität geschaffen. Wir sind uns nämlich gewahr, dass es ein (O) mit Namen (Stuhl) gibt, denn (O) macht für uns Sinn und (Stuhl) ist auf ein Ding in der Realität gerichtet. Wir bilden so unsere Realität. Diesem Gedankengang folgend beschreibt Husserl nun, dass die Realität für uns nichts Gegebenes darstellt, sondern dass sie von uns abhängt, von unseren Erfahrungen und unserem Verständnis. Unsere Realität braucht uns, denn nur dadurch, dass wir dem Wahrgenommenen Bedeutung zuteilen, kann sie für uns entstehen und sein. Und nur weil etwas für uns Bedeutung hat, können wir behaupten, dass wir in einem Umfeld leben, was wirklich so ist, wie es sich gibt. Ansonsten würden wir in einem sinnlosen, bedeutungslosen Pool von Nichts treiben, ohne überhaupt etwas wahrnehmen zu können. Wir konstruieren, was wir draußen begegnen.

Diese Beweisführung zeigt deutlich auf, dass wir die Gegenstände unserer Erfahrung selbst formen. Dadurch bestärkt sich der Gedanke der Verbindung, die zwischen unserem Bewusstsein und dem Dasein eines Gegenstandes ergeben soll. Wir legen etwas in den Gegenstand hinein, einen Sinn, also ein Teil unseres Selbst. Auch hier scheint wiederum ein zentraler Punkt aus Husserls Lehre durch, die Grenze zwischen Subjekt, das bewusst wahrnimmt, und Gegenstand, der für uns den Zugang zur Realität sichert, wird verwischt. Gottseidank, könnte man sagen, denn nur so können wir, indem wir Teil an der konstituierten Realität haben, selbst real sein und müssen nicht mehr an der Wirklichkeit zweifeln! Natürlich ist Husserls Auffassung recht diskutabel, doch ganz so abwegig sind diese Auslegungen sicherlich nicht, so ist es doch durchaus vorstellbar, dass an dem Satz „er lebt in seiner eigenen Welt“ wesentlich mehr dran ist als es zunächst scheint.