PATRICK WELTER

Wir lassen mal die Extreme wie Donald T., der jede abweichende Meinung zu „Fake-News“ erklärt, und Pegida und AfD, die gerne mit alten Goebbels-Worten wie „Lügen-Presse“ arbeiten, beiseite. Da weiß man was Sache ist. Als Journalist muss man sich erst gar nicht an Argumenten versuchen. Da reicht der Kommentar.

Aber was tun, wenn zwei seriöse Quellen ein und dieselbe Sache völlig unterschiedlich beschreiben und einordnen? Werden Tatsachen verdreht, oder kann man sie so unterschiedlich interpretieren, dass konträre Aussagen dabei herauskommen? Genau genommen müsste man sich hinter jede Aussage klemmen und sie gründlich untersuchen, aber wer hat in einer kleinen Redaktion die Zeit dazu?

Ein Beispiel. Vor einiger Zeit hat ein luxemburgischer Milchbauernverband, der nicht nur für die faire Behandlung der eigenen Klientel, sondern für einen ordentlichen Umgang mit allen Milchbauern eintritt, einen Gast der heimischen Presse vorgestellt. Der Milchbauer aus Burkina Faso klagte sein Leid, dass man in seinem Land kaum eine Molkerei aufbauen könne, weil billige europäische Milch den Markt kaputtmacht. Essenz unseres damaligen Artikels: „Jeder Liter Milch der hierzulande über den Marktbedarf hinaus produziert wird, hat direkte Folgen für die kleinen Milchbauern in der Dritten Welt.“

Dass die EU in Afrika in Sachen Lebensmittel offenbar unglücklich operiert, wurde durch einen Fernsehbericht unterstrichen, der sich mit der mitteleuropäischen Lust auf Hühnchenbrust beschäftigte. Tenor: „Wer nur die Brust des Hähnchens kauft, sorgt dafür, dass der Rest billig auf afrikanischen Märkten landet und dort die Bauern ruiniert.“ Das passte zur Milch.

Gestern gab es endlich die Gelegenheit einen leitenden Beamten aus der Landwirtschaftsverwaltung der EU zu befragen. Ob die neue Agrarpolitik auch den Widerspruch zur Entwicklungspolitik der EU aufheben werde, und es ein Ende billiger Importe in die Dritte Welt gibt? Konsternierte Antwort: Davon sei man schon lange weg, es gebe keinen Widerspruch zur Entwicklungspolitik. Exportsubventionen habe man schon vor Jahren abgeschafft und nur ein kleiner Anteil der EU-Exporte für 131 Milliarden Euro fließe in die „Dritte Welt“, der Rest in die großen Märkte wie die USA oder China.

Meine Frage - immerhin durch andere Aussagen untermauert - war offenbar so provokant, dass Minuten später eine Kommissionsmitarbeiterin neben mir steht und mir auf ihrem Smartphone die Exportzahlen der EU zeigt: Die EU importiert Agrargüter für 11,5 Milliarden Euro aus Afrika. Landwirtschaftliche EU-Produkte im Wert von nur 1,8 Milliarden Euro gingen nach Afrika. Andere Anbieter wie China und die USA würden den dortigen Markt überschwemmen.

Widerlegt das jetzt die Aussagen über die schädliche Wirkung europäischer Milch und Hühnchen auf afrikanische Märkte? Oder fällt deren Export unter die berühmten „Peanuts“? Oder sind es chinesisch-amerikanische Danaergeschenke in Hühnchenform?

Was bleibt für einen, der sich bisher für fit in Sachen Landwirtschaft hielt? Die Erkenntnis des Dr. Faust: „Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.“