LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Vom Schönen zum Sinn des Lebens

In Platons Dialog Hippias Maior fragt Sokrates nach dem Schönen. Was ist eigentlich das Schöne? Der Gesprächspartner des weisen Sokrates, Hippias, versucht mit der Aufzählung allerhand schöner Dinge dieser Frage auf den Grund zu kommen. Zentral ist jedoch, dass es nicht darum geht, etwas als schönes Ding auszuweisen weil es schön ist, sondern darum, was den Seinsgrund des Schönen überhaupt ausmacht. Das Schön-Seiende ist nun nebensächlich. Was ist das Schöne, welches das Schön-Seiende zu dem macht, was es ist: das, was für uns als schönes Ding existiert? Hippias schießt demnach an dem eigentlichen Problem vorbei, indem er versucht, das Schöne selbst anhand von schönen Dingen zu erklären. Zum „vielerlei“ Schönen zählt er: eine schöne Frau, schöne Pferde, schöne Sitten, schöne Vasen,.... Das Schöne findet sich demnach am Menschen, an der Natur und an dem, was wir künstlich produzieren und betrifft daher sowohl Lebewesen als auch Dinge oder gar Handlungen. Nun wird es schwierig, durch diese Vielzahl an schönen Dingen hindurch „das Schönste“ auszuwählen, vor allem, weil nicht bekannt ist, zu was das Schönste im Vergleich stehen sollte. So kann auch zum Beispiel die kunstvoll geschaffene Statue aus Elfenbein schöner sein als eine aus dem hypothetisch gesehen schönsten Material Gold, wenn letztere unförmig daherkommt. Die materielle Beschaffenheit kann demnach auch nicht ausschlaggebend sein, um zu erklären, was es ist, welches das schöne Objekt schön macht. Das Schöne selbst, wie Platon sich ausdrückt, hat also wenig mit der Weise zu tun, wie es ist und es kann auch nicht durch etwas anderes als das Schöne schön sein. Für ihn ist klar, dass das Schöne immer schön sein muss und nicht nur zu gewissen Momenten. Dazu kommt, dass der Grund des Schönen in allem Schönen gleichermaßen zu finden sein muss. Wenn Sie nun denken, dass Hippias und Sokrates dem Problem auf die Schliche kommen, muss ich Sie enttäuschen. Was das Schöne selbst ist, werden wir hier nicht erfahren können.

Im berühmten Dialog Phaidon wird Platon nun aber explizit: Das vielerlei Schöne wird durch die Teilhabe an der Idee des Schönen zum Schönen. Durch eine Idee? Das wird Sie vielleicht nun auch nicht wirklich zufriedenstellen. Die Idee ist jedoch im Rahmen von Platons System dasjenige, was wahrhaft seiend und in Gedanken erkennbar ist. Sie ist das, welches immerzu unveränderbar ist. Das Absolute, welches niemals bloß relativ in Bezug zu etwas ist. Die Dinge, die für uns „sind“, die wir hier auf Erden begegnen, sind hingegen die relativ-seienden Dinge, die vom überzeitlich, wahrhaft Seienden weit entfernt sind. Sie sind bloße Abbilder dieser Ideen und „sind“ für uns nur durch Teilhabe an diesen. Ohne die Ideen gäbe es keine Urbilder, nach denen die Dinge, die wir erfahren, für uns möglich würden. Diese Ideen sind an einem außerzeitlichen, übersinnlichen und -himmlichen Ort, dem Ideenhimmel.

Alle Arten der Dinge, sagen wir Stuhl-Dinge, haben teil an der Stuhlidee, durch diese sie für uns als Stuhl erkennbar werden. Nun sagt Platon gar, dass wir ein Ding, welches wir in der Gegenwärtigkeit hier unten begegnen, als ein bestimmtes Ding erkennen, weil sich unsere Seele an das Urbild des Dinges, die Idee, erinnert. Dies geht auf die von Platon vertretene strikte Trennung von Seele und Körper des Menschen zurück: Die Seele ist dasjenige, das auch ohne einen Körper bestehen kann. Sie gelangt bei der Geburt aus dem Überhimmlichen in die Körper und haucht uns Menschen dadurch Atem ein. Nun hat sie vor der Geburt im Ideenhimmel sämtliche Ideen geschaut, wie Platon sich ausdrückt, welches aber durch ihren Eintritt in die körperliche Welt wieder in Vergessenheit gerät. Eignen wir uns Wissen an oder erkennen wir etwas, heißt dies nun, dass sich unsere Seele an das Urbild dessen, dem wir epistemologisch gegenüberstehen, erinnert. So besitzen wir ein vorgeburtliches Wissen, das durch Erinnerung, Anamnesis, wieder hervortritt.

Durch das Betrachten des schönen Einzelnen werden wir an die Idee des Urschönen erinnert. Dieses der Zeit enthobene Schöne ist mit dem Wahren und Guten gleichgesetzt, welches für Platon den Sinn des Lebens und das geistig vollkommene Sein beschreibt. Durch die Schau des Schönen nähern wir uns also dem Wesentlichen des Lebens an: „Und an dieser Stelle des Lebens [...] wenn irgendwo, ist es dem Menschen erst lebenswert, wo er das Schöne selbst schaut“. In der Schönheit wird die Seele an ihr Wesen erinnert, sodass in ihr das eigentliche Erstrebenswerte, die Wahrheit und das Gute als Quell der Glückseligkeit der Menschen aufleuchtet. Da dies für uns endliche Wesen trotzdem aber mühevoll ist und die Idee auch nicht lange geschaut werden kann, bedarf es Bildung und Erziehung – Kultur, wie es der deutsche Dichter Friedrich Schiller später sagen wird. Platons Gedankenwelt scheint heute vielleicht sehr abstrakt, doch dennoch bleibt an schönen Dingen dieser gewisse Reiz, der bis heute intrigiert und begeistert. Soll es wirklich das Wohlgefallen am Guten und Wahren sein, das uns daran bindet? Falls dem so wäre, schürt dies Hoffnung: Der Mensch ist noch dazu fähig, den Wert des Guten zu erkennen.