DAVOS
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Kriege, Krisen, Terrorismus: An Problemen mangelt es nicht, aber an Lösungen

Die Erwartungen an die Topmanager und Spitzenpolitiker, die seit gestern im schweizerischen Alpenkurort Davos zum diesjährigen Weltwirtschaftsforum (WEF) zusammenkommen, sind groß. Als positiv zu werten ist vielleicht schon die Rekordzahl von mehr als 2.500 Teilnehmern aus 140 Ländern, die bis zum Samstag über wirtschaftliche und politische Krisen sowie neue globale Herausforderungen wie die digitale Revolution debattieren wollen.

Weit oben auf der Tagesordnung stehen Themen wie die Gefahr einer erneuten Verschärfung der Euro-Schuldenkrise, die Bedrohung der Weltwirtschaft durch den Terrorismus sowie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in vielen Ländern. Und so ist Davos nicht nur ein Stelldichein der Wirtschaftselite, sondern das WEF selbst hat Winnie Byanyima, der Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation Oxfam International, den Co-Vorsitz der Veranstaltung übertragen.

Ukraine-Konflikt überschattet Eröffnungstag

Vom Weltwirtschaftsforum soll in diesem Jahr ein Signal für neues Vertrauen in schwierigen Zeiten ausgehen. Doch schon am Eröffnungstag erweist sich das als Wunschdenken: Der rund 2.100 Kilometer Luftlinie entfernte Krieg ist trotz eines vereinbarten Waffenstillstands wieder aufgeflammt. Wegen der neuen Kämpfe im Krisengebiet Donbass entschied der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko, seinen Schweiz-Besuch zu verkürzen und nach seinem Auftritt in Davos nach Kiew zurückzufliegen. Von der WEF-Bühne aus bezichtigte er Russland der Aggression gegen sein Land. Mehr als 9.000 russische Soldaten würden sich mittlerweile samt Panzern und anderer Militärtechnik im Osten der Ukraine aufhalten. „Wenn das keine Aggression ist, was ist dann eine Aggression?“

Früher war Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew Stammgast beim WEF, diesmal schickte Moskau niemanden aus der ersten Reihe. Eingeladen waren sowohl Medwedew als auch Präsident Wladimir Putin. Doch WEF-Gründer Klaus Schwab verband das dem Vernehmen nach mit der Bitte, nicht nur eine Rede zu halten, sondern auch in einer live übertragenen Debatte erwartbar kritische Fragen auf dem Weltwirtschaftsforum zu beantworten. Putin und Medwedew winkten ab.

Dabei könnte die russische Wirtschaft neues Vertrauen auch der vertretenen internationalen Wirtschaftselite gut gebrauchen. Vor einem Jahr erwarteten noch mehr als die Hälfte der russischen Manager bei einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC für ihre Unternehmen ein starkes Umsatzwachstum. Das hat sich dramatisch gewandelt: Der aktuellen PwC-Umfrage zufolge glauben nur noch 16 Prozent an bessere Geschäfte.

Dissens zu EZB-Politik

Auch die für heute erwartete EZB-Entscheidung für den massiven Ankauf von Staatsanleihen sorgt für Diskussionsstoff. „Die Schritte der EZB werden ein Zeichen setzen, dass Europa in eine neue Richtung geht“, sagte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi beim Weltwirtschaftsforum. Finanzexperten wie UBS-Präsident und Ex-Bundesbankpräsident Axel Weber beurteilten den möglichen Erfolg des Kaufprogramms hingegen eher skeptisch. Die EZB habe Staaten mit geldpolitischen Maßnahmen Zeit verschafft, die jedoch von der Politik kaum für Reformen genutzt worden sei. Renzi warf der Europäische Union vor, bislang immer nur Sparmaßnahmen gefordert zu haben. Europa brauche aber zur Überwindung der Krise „neue Ideen und Investitionen für mehr Wachstum“.

Große Hoffnungen liegen weiterhin auf China. Europäische Unternehmen beklagen zu langsame Fortschritte bei den angekündigten Wirtschaftsreformen dort. Nach den Worten seines Ministerpräsidenten Li Keqiang hat China Kurs auf Strukturreformen mit Augenmaß und einem stabilen Wachstum wie in früheren Jahren genommen. In absoluten Zahlen erwirtschafte China höhere Ergebnisse als früher. Im zurückliegenden Jahr seien 13 Millionen neue Jobs in den Städten geschaffen worden. Trotz des verlangsamten Wachstums entwickle sich das Land also schneller als früher. „Der chinesische Zug wird also weder an Tempo noch an Dynamik verlieren“, versicherte Li.