LUXEMBURG
SVEN WOHL

Sprachen sind die Grundlage von Völkern und Kulturen

Seit 1999 wird der Welttag der Muttersprache seitens der UNESCO begangen. Die diesjährige 20. Ausgabe steht dabei unter einem besonderen Zeichen: dem internationalen Jahr der indigenen Sprachen. Im Fokus steht die Rolle, welche Sprache für die Identität, die kulturelle Geschichte, die Traditionen und das Gedächtnis spielt, so die UNESCO in ihrer Begründung. Dabei vermitteln Sprachen nicht nur Werte, sondern auch das Werkzeug, mit dem wir die Welt um uns herum begreifen. Jede Kultur, jedes indigene Volk, nutzt dabei ihre spezifischen Mittel. Dass sich laut UNESCO 2.680 Sprachen in Gefahr befinden, sollte deshalb umso alarmierender sein.

Luxemburg bildet im Kontext der Mehrsprachigkeit ein regelrechtes Unikat, das diese Feststellungen unterstreicht. An der Grenze zwischen zwei großen Sprachgebieten, dem Französischen und dem Deutschen, bietet das Luxemburgische den Luxemburgern ebenfalls ein massives Identifikationspotenzial.  

Von Haus aus komplex | Luxemburg und seine vielen Muttersprachen: eine Herausforderung

Im Kontext der Muttersprache wird im Großherzogtum gerne vom Luxemburgischen gesprochen. Die Realität ist jedoch oft eine andere: Nicht nur gibt es oft mehr als eine Sprache im Haushalt, sondern die sogenannte Muttersprache ist nicht das Luxemburgische. Dies sorgt für eine reichlich komplexe Situation in Luxemburg. Wir führten ein Gespräch mit Christoph Purschke, Postdoktorand für Soziolinguistik und Mehrsprachigkeit an der Universität Luxemburg:

Ist es angebracht, den Begriff „Muttersprache“ zu verwenden?

Christoph Purschke Wir sprechen in der Linguistik eher von Erst- oder Zweitsprache, weil das neutrale Bezeichnungen sind. Das hängt auch damit zusammen, dass der Begriff Muttersprache im Alltäglichen stark mit der Mutter als der Person, von der man die Sprache erlernt, in Verbindung gebracht wird. Dahinter steckt aber eigentlich eine alte Abstammungsbezeichnung: Als Muttersprache früher die Sprache bezeichnet, in die man „hinein geboren“ wurde. Die Bedeutung „Sprache der Mutter“ ist aber weit verbreitet, selbst in der Linguistik wird der Begriff teilweise benutzt, weil fast jeder seine erste Sprache im Kontakt mit den Eltern erlernt und den Müttern dabei eine besondere Rolle als Kontaktperson zugeschrieben wird.

In den meisten Diskursen taucht der Begriff streng im Singular auf. Entspricht das der Realität?

Purschke Nein, überhaupt nicht. Das entspricht in Luxemburg häufig nicht der Realität. Auch in vielen anderen Ländern wachsen viele Menschen mit mehr als einer Erstsprache auf. Das hängt auch davon ab, was man unter Sprache versteht. Es gibt ja den Ausspruch: „Eine Sprache ist ein Dialekt, der eine Armee dazu hat.“ Das ist zwar etwas vereinfacht, aber das, was wir sprechen, wird gesellschaftlich normiert und institutionalisiert – beispielsweise indem man es wie hier in Luxemburg ins Gesetz reinschreibt. Damit verschafft man einer gewissen Art und Weise zu reden und zu schreiben Anerkennung „als Sprache“. Die allermeisten Menschen wachsen allerdings mit mehr als einer Sprechweise auf und sei es nur der Unterschied zwischen Dialekt und Hochsprache. Wenn wir wie hier in Luxemburg eine sehr bunte Bevölkerung vorfinden, die alle möglichen Erst- und Zweitsprachen mitbringt, verkompliziert sich die Lage zusätzlich.

Hat das einen großen Einfluss auf die sprachliche Entwicklung?

Purschke Die Diskussion hat in der Linguistik eine gewisse Entwicklung hinter sich. In den 60er und 70er Jahren ist man noch davon ausgegangen, dass Kinder in der schulischen Bildung Nachteile haben, wenn sie zuerst einen Dialekt und dann die Hochsprache lernen, weil beide Sprechweisen unterschiedliche Regeln für Aussprache und Grammatik haben. Es hat sich mittlerweile herausgestellt - und es gibt kaum Studien, die dem widersprechen - dass Kinder kognitiv eher im Vorteil sind, wenn sie früher mit der Tatsache konfrontiert werden, dass Menschen unterschiedlich sprechen. Dabei gibt es natürlich auch Friktionen: So weiß man von zweisprachigen Kindern, dass sie manchmal Probleme haben, Orthographie regelgerecht zu erlernen, weil sie zwei unterschiedliche Sprachsysteme parallel erwerben. Deshalb dauert die Zuordnung von Lauten und Buchstaben in beiden Sprachen manchmal etwas länger.

Ergeben sich Unterschiede dadurch, welche Erst- und Zweitsprache die Kinder erwerben?

Purschke Dass die Mehrsprachigkeit, wie gesagt, kognitive und entwicklungspsychologische Vorteile haben kann, ist nur ein Teil der Rechnung. Die Kinder wachsen in Luxemburg mit einer Vielzahl von Sprachen auf, lernen Lesen und Schreiben jedoch in der Regel auf Deutsch – ganz unabhängig davon, welche Erstsprache(n) die Kinder haben. Für luxemburgische Kinder, die häufig früh Kontakt mit dem Deutschen haben, ist das kein großes Problem. Das bestätigt auch der zuletzt erschienene Bildungsreport. Für viele andere Kinder kann es dagegen zum Problem werden. Wer beispielsweise Portugiesisch und Französisch als Erst- oder Zweitsprache hat, für den ist der Abstand zur Bildungssprache Deutsch wesentlich größer. Damit werden die Kinder gewissermaßen auf Basis von Sprachkenntnissen vorsortiert und Lernerfolge davon abhängig gemacht, mit welchen Erstsprachen Kinder in die Schule kommen. Da steckt auch soziale Sprengkraft drin.

In Luxemburg ist die Situation sehr komplex, noch dazu, weil das Land so klein und die Bevölkerung so vielfältig ist. Man müsste viele verschiedene Bedingungen abdecken, damit jeder zu seinem Recht kommt. Das ist keine dankbare Aufgabe für die Schulpolitik.

Was denken Sie über die aktuellen Debatten, die rund um Muttersprachen geführt werden?

Purschke Ich sehe es kritisch, dass Sprache derzeit vor allem politisch diskutiert und auch ideologisch vereinnahmt wird. Das verstellt den Blick darauf, dass eine Sprache kein nationaler Besitz ist, sondern eine Möglichkeit, sich die Welt zu erschließen. Das, also die Vielfalt und das Verständigungspotenzial unserer verschiedenen Sprechweisen, kommt in solchen Diskussionen häufig nicht zum Zug.