LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Regisseur Jean-Paul Maes über seine Bühnenfassung von Kafkas „Die Verwandlung“

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Mit diesem Satz beginnt Franz Kafkas weltberühmte Erzählung „Die Verwandlung“. 1912 entstanden, 1915 erstmals in Buchform erschienen, bot der Text in den vergangenen 100 Jahren reichlich Deutungsspielraum für Interpreten. Der Stoff zeugt indes auch heute noch von einer erstaunlichen Aktualität. Dies war einer der Gründe, weshalb Jean-Paul Maes „Die Verwandlung“ mit dem Kaleidoskop-Ensemble auf die Bühne bringen wollte. Im Vorfeld der Premiere heute Abend im Bettemburger Schloss haben wir uns mit dem Regisseur unterhalten.

Nach „Homo Faber“ und „Faust“ also dieses Jahr Kafka. Was hat Sie daran gereizt?

Jean-Paul Maes Kafka hat mich eigentlich schon lange gereizt. Ich habe immer bedauert, dass er keine Theaterstücke geschrieben hat. Kafkaeske Situationen erlebt ja nun jeder in seinem Leben, wenn also etwas passiert, was man nie für möglich gehalten hätte. Ich persönlich kann mich jedenfalls sehr damit identifizieren. Es gibt einfach nichts, was es nicht gibt. Und Kafka zeigt uns genau das besonders stark.

Und warum gerade „Die Verwandlung“?

Maes Wir haben diese Spielzeit unter das Motto „Mensch, wer bist du denn?“ gestellt. Ständig sucht die Menschheit nach sich selbst, nach ihrer Identität. Im Mittelpunkt von „Die Verwandlung“ steht mit Gregor Samsa ein Mensch, der nur funktionieren will, und der noch dazu nur durch sein Funktionieren seine Identifikation zu finden glaubt. Sein ganzes Umfeld schätzt ihn dafür, und sobald er nicht mehr funktioniert, ist er der Meinung - genau wie alle anderen auch - nicht mehr lebensfähig zu sein und keine Daseinsberechtigung mehr zu haben. Er ist der Meinung, er würde der Gesellschaft nicht genug bringen und fühlt sich minderwertig, so wie das kleinste Lebewesen, das man noch mit bloßem Auge sieht: ein Insekt. Doch sogar in seinem Insektendasein will er es anderen noch recht machen. An sich ist dies eine ganz zeitlose Thematik.

Kafka selbst hat ja nun aber keine Hinweise zur Deutung dieser Erzählung gegeben…

Maes Das stimmt, allerdings gibt es durchaus Elemente, die ganz eindeutig sind. Der Vaterkomplex ist zum Beispiel keine Sache der Interpretation, diesen beschreibt Kafka tatsächlich. Im Mittelpunkt der Familie steht dieser starke Vater. Die Mutter befindet sich auf einer anderen Ebene. Genau so war es bei Kafka persönlich. Die Mutter hat sich immer hinter den Vater gestellt und die Kinder nie vor ihm verteidigt. Für Franz - und in diesem Fall Gregor Samsa, der ja sehr viele autobiografische Züge vom Autor trägt - war der Vater stets ein Über-Vater, gegen den man nicht ankam.

War es eigentlich eine Herausforderung, aus einer Erzählung ein Theaterstück zu machen?

Maes Bei „Homo Faber“ war es ja ähnlich. Kafka selbst bietet noch dazu bereits einige Dialoge in seiner Erzählung. Ich musste allerdings entscheiden, welche Textpassagen ich wie behandele, was vom Rhythmus her am besten funktioniert, wann ich die Form des Dialogs wähle und wann ich einen Erzähler in der dritten Person erzählen lasse. Die Erzählerebene ist in meiner Bühnenfassung sehr wichtig, insofern ist es ein episches Stück geworden. Übrigens ist alles Original-Kafka, kein einziges Wort stammt von mir. Bei „Homo Faber“ war mir das bereits wichtig. Das ist man dem Publikum meiner Meinung nach auch schuldig, immerhin kommt es ja vorwiegend wegen dieser wunderbaren Sprache des Autors. Musik - dafür ist Al Ginter zuständig - spielt indes in dieser Inszenierung auch eine Rolle. Selbstverständlich ist es kein Musiktheaterstück, dennoch wird die Handlung zwischendurch stark von der Musik getragen. Überdies ist es ein sehr körperliches Theater geworden. Außerdem spielt eine Figur eine Rolle, die wahrscheinlich noch in keiner anderen Adaptation auf der Bühne stand, nämlich die Dame im Bild, das in Gregors Zimmer hängt. In der ganzen Tragik steckt übrigens auch viel Komik.

Obwohl Sie sich an den Originaltext halten, haben Sie dem Stück also Ihre persönliche Note verpasst?

Maes Das tut man eigentlich immer als Regisseur, manchmal mehr, manchmal weniger. Bei der Adaptation einer Novelle hat man indes mehr Freiheiten als jetzt bei einem Stück wie „Faust“, das bereits in Dialogform geschrieben ist. Gleichzeitig hat man auch mehr Verantwortung, weil es im Grunde ja kein Stück fürs Theater ist. Wir wollten daraus jedenfalls ein Schauspiel machen. Insgesamt stehen sechs Darsteller auf der Bühne. Obwohl ich bereits während der Arbeit am Schreibtisch eine konkrete Vorstellung hatte, wie das Ganze am Ende aussehen sollte, hat sich vieles natürlich noch bei den Proben ergeben. Als Regisseur geht man wohl mit der Fackel vor und sagt, wo man hinwill, die anderen, also die Schauspieler, müssen den Weg aber auch mitgestalten.

Die Novelle ist ja bereits 100 Jahre alt. Wie modern oder aktuell ist der Stoff denn noch?

Maes Absolut aktuell. Ich würde ohnehin nie ein Stück inszenieren, wenn ich das Gefühl hätte, es wäre museal und würde den Leuten nicht mehr zusagen. Noch dazu achte ich stets darauf, nicht zu sehr so spielen zu lassen, wie sich die Leute das Stück eines bekannten Autors vorstellen, in diesem Fall also nicht zu kafkaesk. Kafka, so wie Beckett übrigens auch, spiegelt für mich den Alltag wider, den ich jeden Tag hier bei uns in Luxemburg erlebe. Genauso will ich ihn auch zeigen. Es geht um eine Familie, die nach außen hin gut funktioniert. Das Ganze spielt nun aber in den eigenen vier Wänden und dort sieht die Situation natürlich ganz anders aus. Wie im richtigen Leben eben. Man weiß nie, was sich hinter der Fassade abspielt.

Es ist nicht der erste Klassiker der Weltliteratur, den Sie inszenieren, und sicherlich auch nicht der letzte, haben Sie schon eine nächste Idee?

Maes Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es nächstes Jahr „Romeo und Julia“ sein. Diese Saison haben wir mit Schillers „Kabale und Liebe“ ja noch einen Klassiker im Programm, der allerdings nicht von mir inszeniert wird.

Es gibt also ein Publikum für Klassiker?

Maes Was das Kaleidoskop-Theater anbelangt, stelle ich jedenfalls fest, dass wir mit klassischen Sachen ein zahlreicheres Publikum anziehen als mit neueren Stücken. Es gibt viele Theaterhäuser und -ensembles in Luxemburg, man muss sich positionieren. Mit den Klassikern in deutscher Sprache haben wir unsere Nische gefunden. Diesbezüglich hat das Publikum bereits eine gewisse Erwartungshaltung. Theater birgt indes immer ein gewisses Risiko, man weiß nie, wie es ausgeht. In diesem Sinne sind wir Helden, weil wir uns in Abenteuer begeben, ohne zu wissen, wie das Resultat sein wird. Wenn man jedoch beginnt, Theater auf Sicherheit aufzubauen, dann verzettelt man sich.

Premiere heute Abend um 20.00 im Bettemburger Schloss. Weitere Vorstellungen am 1. Februar im Ettelbrücker CAPE und danach wieder in Bettemburg (19.02, 20.02, 21.02, 5.03, 6.03, 7.03). Infos und Tickets unter www.kaleidoskop.lu